30 Jahre ADHS

Krankheit oder Modeerscheinung? StadtLandKind-Autorin Verena Kögel hat sich auf Spurensuche begeben.

ADHS ist eines der Themen, das die die Elternschaft spaltet. Vergleichbar sind nur noch die Themen „Impfen“ oder „Familienbett“.  Schnell haben lebhafte Kinder den Stempel „ADHS“ weg, mit allen Folgen, die diese Diagnose in Schule und im Freundeskreis haben wird. Aber was ist das eigentlich, dieses ADHS? Ist es  wirklich eine Krankheit oder nur eine Erfindung?

Zunächst muss man zwischen ADHS und ADS unterscheiden. Ein Kind, das unter ADS (Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom) leidet, ist unaufmerksam, kann sich schlecht konzentrieren und neigt zu Schulängsten und Depressionen. Bei ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) kommt noch Hyperaktivität dazu. Kinder, die ADHS „haben“, fallen meist schon im Kindergarten auf, weil sie sich nicht anpassen können, immer wieder über Tische und Stühle klettern und sich nicht konzentrieren können. Oftmals stellt man im Nachhinein fest, dass genau diese Kinder schon als Säugling – zum Beispiel als Schreibaby– auffällig waren. Das unangepasste Verhalten der Kinder verstärkt sich meist in der Schule. Die Schüler haben Schwierigkeiten, bei der Sache zu bleiben, lassen sich von äußeren Reizen ablenken und werden leicht wütend. Und Jugendliche, die unter ADHS leiden, entwickeln häufig aggressives Verhalten. Aber nicht nur Kinder und Jugendliche können ADHS haben, auch bei vielen Erwachsenen wird mittlerweile nicht selten ADHS diagnostiziert.

Wie alles begann …

Seit Jahrhunderten erforschen die Wissenschaftler verhaltensauffällige Kinder. Die Geschichten aus dem Struwwelpeter, wie der „Zappelphilipp“ im Jahr 1845, beschreiben bereits zum ersten Mal verhaltensauffällige Kinder, wenn auch nicht auf wissenschaftlicher Ebene. In den weiteren Jahrzehnten gab es immer wieder Psychiater, die die Ursache für unruhige Kinder untersuchten. Vermutete um 1878 der deutsche Psychiater Hermann Emminghaus, dass diese Störungen vererbt werden können, ging 1908 der österreichische Kinderarzt Adalbert Czerny davon aus, dass eine falsche Erziehung die Ursache für hyperaktive Kinder sei. Eine erste wissenschaftliche Beschreibung von ADHS als hyperkinetische Erkrankung finden wir 1932 in den Publikationen des Psychiaters Franz Kramer und seinem Assistenten Hans Pollow. Und schon ein paar Jahre später werden zum ersten Mal auffällige Kinder mit Medikamenten behandelt. Um 1960 etablierte sich ADHS als anerkannte Störung in den USA. Der amerikanische Kinder- und Jugendpsychologe Leon Eisenberg sah in der Hyperaktivität der Kinder ein Krankheitsbild. Seine Forschungen machten es möglich, dass das Störungsbild als angebliche Hirnstörung in das DSM, dem amerikanischen Diagnosehandbuch für Psychiater, aufgenommen wurde.

Die Geburtsstunde des ADHS

Der letztgültige Begriff „Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung“ wurde dann 1987 in das Diagnosehandbuch DSM der Amerikanischen Psychiatrie aufgenommen. Hier sind die festgelegten Kriterien aufgelistet, anhand derer ADHS diagnostiziert werden kann. Weltweit werden die Kriterien im sogenannten „ICD 10“ festgehalten. Unter den drei Hauptpunkten Aufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität sind verschiedene Symptome geführt, die auf den Patienten zutreffen müssen, um letztlich ADHS feststellen zu können. „Eine Diagnose ist, wenn man sich an die genauen Kriterien hält, recht zuverlässig. Problem ist aber, dass viele ADHS-Diagnosen zu leichtfertig gemacht werden. Ärzte und Psychiater haben oft nicht ausreichend Zeit, um eine genaue Diagnose erstellen zu können und um den gesamten Familienkontext dabei mit zu berücksichtigen“, so Dr. Streif von ADHS Deutschland e.V. Druck kommt oft von Lehrern und Eltern, die verzweifelt sind, weil das eigene Kind nicht „normal läuft“. Dabei sind Eltern hier nicht allein mit dem Problem: laut ADHS Deutschland e.V. ist ADHS die häufigste psychiatrische Erkrankung des Kindes- und Jugendalters. In Deutschland sind circa fünf Prozent der Kinder im Alter von drei und 17 Jahren betroffen. Bei Jungen wird ADHS etwa viermal häufiger diagnostiziert als bei Mädchen. Interessant ist auch die Verbreitung: laut versorgungsatlas.de wird in Bayern, Rheinland-Pfalz und Thüringen ADHS um einiges häufiger diagnostiziert als etwa in Bremen, Hamburg, Hessen oder Schleswig-Holstein. Auch die Barmer Krankenkasse stellte bei einer Studie fest, dass es erhebliche regionale Unterschiede gibt. Mediziner gehen davon aus, dass Bildungsstand und sozialer Status hier eine große Rolle spielen. Reizüberflutung verstärkt die Symptome.

Medien- und Fernsehkonsum kann die Symptome verstärken

Seit 30 Jahren ist der Begriff „ADHS“ also nun „offiziell geführt“. Dennoch gibt es nach wie vor viele Fragen rund um dieses Krankheitsbild. Woher kommt diese Krankheit? Und wie lässt sie sich klassifizieren? Per Definition handelt es sich bei ADHS um eine neurobiologische Erkrankung. „80 Prozent der ADHS sind erblich bedingt und 20 Prozent durch äußere Einflüsse“, so Dr. Streif. „Bei betroffenen Kindern, die zum Beispiel in einer reizüberfluteten Großstadt leben, könnten die äußeren Einflüsse ADHS noch verstärken.“ Wie die meisten Mediziner geht Dr. Streif davon aus, dass die Störung auf einer Dysfunktion bestimmter Regelsysteme im Frontalhirnbereich beruht. Hier ist das Gleichgewicht der Botenstoffe im Gehirn verändert. Andere Wissenschaftler vermuten, dass gesellschaftliche Belastungen oder schwierige Familienverhältnisse eine mögliche Ursache für ADHS sein können. Einig ist man sich, dass erhöhter Medien- und Fernsehkonsum Verstärker für ADHS sein kann. Der Körper ist ständig in Alarmbereitschaft. Eine andere Erklärung für ADHS hat die Kinder- und Familien-Coachin Birgit Knepper. Als sogenannte „RIT-Reflexintegrationstrainerin“ sieht sie einen Zusammenhang von frühkindlichen noch aktiven Reflexen und ADHS. „Eine geringe Reflex-Stimulation – verursacht durch eine komplizierte Schwangerschaft oder Geburt und durch zu schnell oder zu langsam durchlaufene Entwicklungsschritte im ersten Lebensjahr – führen häufig zu einer Rest-Reaktion von bestehenden Muskelgruppen“, so Knepper. Bei einem Mororeflex, einem Stressreflex, ist der Körper ständig in Alarmbereitschaft. „Das kostet sehr viel Energie. Die Ausschüttung von Adrenalin und Kortisol führt zu höchster Erregung. Dies zeigt sich unter anderem in Lernstörungen, Konzentrationsproblemen und Hyperaktivität“, so Knepper.

ADHS kann man nicht heilen, aber man kann es behandeln

Großer Streitpunkt bei ADHS sind auch die verschiedenen Therapiemöglichkeiten. Für Johannes Streif von ADHS Deutschland e.V. ist eine Medikamentengabe unter Umständen sinnvoll – je nach Schweregrad der ADHS. Medikamente sollten allerdings erst dann verschrieben werden, wenn alle andere Behandlungen keine Besserung brachten. Das bekannteste Medikament ist Ritalin, das erhebliche Nebenwirkungen wie Kopf- und Bauchschmerzen, Schlafstörungen und Depressionen haben kann. ADHS kann man nicht heilen, aber man kann es gut behandeln. Wichtig dabei ist es, das gesamte Umfeld des Betroffenen zu betrachten. Eine Verhaltenstherapie und eine ausführliche Elternberatung sollen helfen, einen Tagesablauf zu schaffen, der für das Kind nötig ist, um zur Ruhe zu kommen. Bei neurologischen Befunden ist auch eine Physiotherapie sinnvoll. Familien-Coachin Birgit Knepper bietet für ADHS-Betroffene das sogenannte RIT-Reflexintegrationstraining an. „Wir machen ein einfaches Bewegungstraining, um die Reflexe zu integrieren. Zum Beispiel drücke ich in die Handinnenfläche bei den Kindern, bei denen der Greifreflex noch aktiv ist. Das Kind muss willentlich gegen den Reflex arbeiten. So werden neue neuronale Bahnen angelegt, was letztlich die Integration bewirkt“. so Knepper. „Wir arbeiten an der Wurzel der Probleme, das macht das Programm so effektiv – und das ohne jegliche Nebenwirkungen!“

Kinder sollen toben dürfen, sie sollen wild und unangepasst sein dürfen – sonst wären es ja keine Kinder, sondern kleine Erwachsene. Die Ort, an denen Kinder „normale“ Kinder sein dürfen, werden jedoch immer kleiner und die Probleme mit hibbeligen, unruhigen Kindern größer. Aber ist ADHS deswegen keine Krankheit? Ist es nur eine Modeerscheinung? Tatsache ist: Medikamente werden von den Schulen zu schnell eingefordert und von vielen Ärzten zu leichtfertig verschrieben. Hier muss ein Umdenken stattfinden. Umgekehrt aber ist es für die betroffene Person besonders wichtig, dass hier ADHS nicht übersehen wird. Denn dann kann geholfen werden, dass sich diese Kinder und Jugendlichen in unserer Gesellschaft zurechtfinden und nicht zum Außenseiter werden. Für Johannes Streif ist ADHS nicht nur eine Störung, sondern eine Disposition – eine Anlage zum Leben: „Es liegt an uns und der Gesellschaft, in der wir leben, was wir aus dieser Anlage machen.“

vk // Foto: photocase

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