Abschiedsbrief an mein Kind

skal_BabyFeature020_17_01_2013Mein Liebling,

ich schreibe dir heute einen Brief. Das fühlt sich ziemlich merkwürdig an. Ich hätte natürlich auch rechtzeitig mit dir reden können, aber mir war nicht klar, dass die Zeit drängt. Jetzt ist es zu spän.  Zu spät, Dir all die Dinge zu sagen, die mir auf dem Herzen liegen. Meine Worte verhallen im Universum und ich könnte ebenso gut mit den Sternen, den Wolken, dem Himmel reden.

Aber noch mal von vorn:

Mein Augenstern,

wir hatten elf wunderbare Jahre miteinander. Es waren die allerbesten, allerschönsten Jahre bisher! Kein Erlebnis, keine Erfahrung bisher kann man mit der Liebe vergleichen, die ich vom ersten Augenblick an für dich empfand. Ich übertreibe nicht, wenn ich dir sage, dass ich in dem Moment, in dem Du geboren wurdest, auch geboren wurde. Als eine Mutter. Du warst so ein süßes, zartes Baby. So ein unwiderstehliches, hübsches und liebes Kleinkind. In unserer Krabbelgruppe war ich immer wieder aufs neue erstaunt, dass die anderen Mütter ihre Babys nicht links liegen ließen, um dich zu bewundern.

Und dann deine Kindergartenjahre: ich hätte dich am liebsten die ganze Zeit um mich gehabt, um mit dir zu plaudern, zu singen … Ungern fuhr ich zur Arbeit und freute mich auf den späten Nachmittag. Deinem Vater ging es übrigens genauso. Du hast die Welt so vielschichtig für uns gezaubert, so bunt. Plötzlich interessierten wir uns für die Namen der Dinosaurier. Ritter, Piraten, merkwürdige japanische Lego-Kämpfer … wir fanden alles spannend.

Und deine innige Zuneigung … Wenn ich zur Arbeit fuhr, konntest Du nicht oft genug „Tschüss“ rufen. Noch einen Kuss, noch einen Kuss … und wann immer du von einem Spaziergang einem Ausflug zurückkamst, hattest Du ein Geschenk dabei. „Für dich, Mama!“ Eine Blume, ein Stein, ein Stück Holz.

Wenn ich dich um Hilfe bat, konntest Du dich gar nicht genug darüber freuen. Die Straße fegen. Die Tomaten klein schneiden. Den Tisch decken. Mit größter Ernsthaftigkeit warst Du bei allem dabei.

Mama, chill mal.

Nie hätte ich geglaubt, dass dieser Satz fester Bestandteil unserer Kommunikation werden würde. Oder genauer: der Dreh- und Angelpunkt unserer Kommunikation. Heute ist es oft das einzige, was ich den ganzen Tag von dir höre. Wenn ich es denn wage, das Wort an dich zu richten. Die Straße fegen? Den Tisch decken? Du denkst, ich mache Witze. Natürlich so richtig schlechte Mütter-Witze. Mühsam öffnest Du ein Auge und blinzelst verschlafen, wann immer ich dein Zimmer betrete.

Es stimmt, Du siehst noch so aus, wie mein Kind. Aber etwas hat dich in seinen Krallen. Etwas Dunkles. Unschönes, Gemeines, von dem ich dachte, wir hätten noch viel Zeit, bevor es vor der Tür steht. Zuerst war ich in großer Sorge. Wir waren bei vielen verschiedenen Ärzten in den letzten Monaten. ich dachte wirklich, Du wärst krank.

Welche andere Erklärung konnte es dafür geben, dass Du plötzlich nicht mehr aus deinem Bett aufstehen willst, nicht mehr zum Fussballtraining gehen, die Schule ist für dich ein Ort des Schreckens geworden, schon am frühen Morgen wird deine kleine Schwester angebrüllt, die Türen werden geknallt, das die Wände nur so zittern …

Und noch eine Frage hätte ich: Wann genau ist eigentlich dein Smartphone dein bester Freund geworden? Oder nein, andere Frage: Wann genau ist dein Smartphone dein Elternersatz geworden? Dem Du aufmerksam und innig zuhörst. Mit dem Du über alles mögliche plauderst und lachst? Und mit der Du den ganzen Tag verbringen würdest, wenn Du dürfest.

Ich weiß, ich weiß. Wir müssen da durch. Aber eine Bitte: Vielleicht kannst Du ja nicht doch noch etwas warten, mit dem Erwachsenwerden? Nur kurz, bis ich soweit bin?
Deine Mama

PS: Und das ist für dich! Du *****!  Du verdammte scheiß Pubertät! Verzieh dich! Ich will mein Kind zurück! Komm wieder, wenn es 16 ist, oder besser noch: schon erwachsen. Kapiert?!

 

bw // Foto: sho 

 

2 Kommentare zu “Abschiedsbrief an mein Kind

  1. Katrin

    Mhm… Pubertät. Vielleicht wünscht er sich, verstanden zu werden. Vielleicht fühlt er sich zum „Problem“ degradiert, obwohl sich ja vieles um ihn herum verändert hat. Viele Eltern bekommen nicht mit, was ihre Kinder im Spagat zwischen Schule und Eltern mitmachen. Und der Identitätsfindungs- und Abgrenzungsprozess, der auch noch in einem sehr kinderfeindlichen Schulsystem vonstatten gehen soll, wird dann „Pubertät“ genannt. Er wehrt sich, als das Problem zu gelten und er ist auch nicht das Problem.

    Hier habe ich einen von mehreren Blogartikeln, der beschreibt, mit welchen komplexen Situationen sie umgehen müssen und dabei stets das Beste tun, was sie in ihrem Repertoire haben. Hier ist ein Artikel, der schon sehr krasse Fälle beleuchtet, der aber mein bisher erfolgreichster war. Natürlich schreibe ich auch über harmlosere Sachen wie Mythen über Teenager.

    http://heliaconsulting.de/2016/10/3saeulenschulterrorstoppen/
    http://heliaconsulting.de/2016/10/3-schluessel-entspannt-begleiten/

    Brauchst Du Unterstützung in der Kommunikation mit Deinem Teenager? Dann ruf mich gerne an, darauf bin ich spezialisiert. Weitere Infos unter http://www.heliaconsulting.de – Transformationscoaching und Beratung bei Schulkonflikten

    • bettinawolf

      Liebe Katrin, vielen Dank für deine Überlegungen. Die kommende Ausgabe unseres Print-Produktes StadtLandKind wird sich ganz stark mit dem Thema Pubertät beschäftigen. Vielleicht kommen wir dann auf dich zurück. Viele Grüße aus der Redaktion!

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