Pubertät! Achtung, Ausnahmezustand

Schule? Och nööö! Lieber ausschlafen, am besten bis abends.

Die Erkenntnis und die Einsicht, dass mein Sohn in der Pubertät ist, beziehungsweise damit beschäftigt ist, sich in diesen Zustand zu begeben, hat bei mir einige Zeit in Anspruch genommen. Exakt: ein Jahr. 12 Monate lang war ich davon überzeugt: Dieses Kind ist krank! Aber wie krank? Was genau fehlte ihm? Warum wurde ein ganz normaler, gerade mal elfjähriger sportlicher Junge plötzlich zu einem lustlosen, müden Fremden? Was war da los? Er selbst konnte mir keine Antwort geben. „Nix ist los“, wunderte er sich genervt.

Vielleicht wäre es in anderen Familien nicht so extrem aufgefallen. Nicht alle Eltern scheinen so hypnotisiert von ihren Kindern wie ich. Ihr Leben ist mein Leben. Oder besser: war. Denn mit der Pubertät endet jede echte oder eingebildete Symbiose schmerzhaft. Je enger die Verbindung, umso entschiedener arbeiten die Kinder daran, sich zu befreien, sich abzugrenzen, ein eigener Mensch zu werden.

Aber zurück zum Thema. Die Pubertät. Noch immer betrachte ich sie als eine Art Krankheit, ungern gebe ich zu, dass dieser Zustand sein muss, um zu einem gesunden, selbstbewussten Erwachsenen zu werden, und dass die Jahre, die jetzt kommen, bestimmt ebenso spannend und schön werden, wie die ersten zehn Jahre. Also: Plötzlich wollte dieses Kind nicht mehr aus dem Bett aufstehen. Morgens nicht, mittags nicht und nachmittags schon mal gar nicht. Schule? Ach nööö! Müde und verschlafen und bleich öffneten sich nur ganz kurz seine verquollenen Augen mit den schwarzen Ringen. „Chill mal, Mama!“, grunzte es aus dem Bett. Wie bitte? Was soll ich? Chillen?

Diesen Zustand hielt meine rastlose Sorge um das Wohlergehen meiner Kinder keine zwei Wochen aus. Erst mal die Kinderärztin anrufen. Die winkte nur ab. Er sei doch schon immer der „blasse Typ“ gewesen. Jetzt kam zu meiner Sorge noch empörter Ärger über die Kinderärztin hinzu. Ein neuer Kinderarzt sollte her. Aber welcher? „Geh zum Homöopathen“, riet eine befreundete Mutter. Na klar, da hätte ich auch selber daran denken können! Zum Glück bekamen wir schnell einen Termin. Der Homöopath hörte sich alles geduldig an – am Ende der Sitzung bekam ICH zu meiner Verwunderung ein Rezept.

Erneutes Nachfragen im Freundeskreis war erfreulicherweise ergiebig. „Er hat bestimmt Zöliakie“, wusste eine Freundin, deren Schwester als Jugendliche ebenfalls daran erkrankt war. Der Tipp schien vielversprechend. Brot, das hatte er doch noch nie gemocht! Also neuer Arzt, neuer Termin. Als endlich der Tag der Untersuchung da war, trafen wir in der Praxis nur auf eine Vertretung.  endlich der Tag der Untersuchung da war, trafen wir in der Praxis nur auf eine Vertretung. Die Ärztin war selbst erkrankt. Die Vertretung kam frisch von der Uni, Forschungsschwerpunkt Lunge. Ich zögerte. Meiner laienhaften Einschätzung nach hatte mein Sohn garantiert kein Lungenproblem. Er spielte immerhin mehrmals die Woche Fußball. Vorsichtig sprach ich das Thema Zöliakie an. Aber zu spät. Der junge Arzt ließ sich nicht mehr vom Thema Lunge abbringen und so verbrachten wir drei Stunden in der Praxis und machten Atemtrainingstests. Am Ende war nicht nur ich erschöpft.

„Er ist bestimmt am ganzen Körper blockiert.“

„Er ist bestimmt am ganzen Körper blockiert.“ Eine weitere Freundin und vierfache Mutter wusste ebenfalls Rat. „Geh zum Osteopathen. Dann kann die Lymphe wieder ungehindert flie- ßen.“ Das klang gut. Zur ersten Sitzung musste der Sohn zeittechnisch leider von seinem Vater begleitet werden. Aber zur Sicherheit hatte ich dem Osteopathen vorab eine umfassende Mail mit Hinweisen (er behauptete später: Anweisungen) und Diagnosevarianten geschickt. Geschadet haben die zehn Sitzungen sicher nicht. Aber noch immer war das Kind blass und müde und schlecht gelaunt.

Zum ersten Mal in seiner bisher unauffälligen Schullaufbahn sprach seine Lehrerin eines Abends auf die Mailbox. Sie wolle mal ein „paar Takte“ mit uns reden. Was denn da los sei! Das Kind würde sich morgens in die Schule schleppen und fast einschlafen. Seine Leistungen hätten sich radikal verschlechtert. Ob er denn die ganze Nacht vor dem Computer sitzen und spielen dürfte?! Das wiesen wir natürlich empört zurück.

„Das ist der Kiefer, die Zähne stehen ja ganz schief. Natürlich kann er so nicht richtig lernen und ist immer so angestrengt.“ Der Tipp kam von einem dreifachen Vater (Beruf: Zahnarzt). Ich wurde trotzdem immer ratloser. Lustlos begann ich mich nach kinderfreundlichen Kieferorthopäden umzuhören, aber: die Luft war irgendwie raus. Ich wusste nicht weiter.

Bis ich eines schönen Morgens die Zimmertür meines Sohnes öffnete, ein bemüht fröhliches „Guten Morgen“ trällerte … und verwirrt, ja erschrocken, zurückfuhr. Waren wir gestern im Zoo gewesen und die Klamotten lagen hier noch rum? Statt nach Milch und Honig und nach meinem süßen Sohn roch es in diesem Zimmer nach Raubtierhaus. Es roch nach der Jungs-Umkleide im Schulsport. Und da fiel auch endlich, endlich bei mir der Groschen.

bw (Mutter, ein Sohn, eine Tochter) Foto: fotolia

Ähnliche Beiträge

Kommentar schreiben