Allein, im Wald

Alleingebären – Zukunft oder gefährlicher Trend?

„Ich bin froh über meine Entscheidung und auch stolz, dass ich es allein geschafft habe. Aber ich würde anderen Frauen für ihr erstes Kind eine Alleingeburt nicht empfehlen.“ Mia (wir dürfen ihren richtigen Namen nennen) sitzt in ihrem Wohnzimmer in einem idyllischen Vorort von Heidelberg. Von hier aus blickt man weit über den Fluss und die Berge. Mias Tochter Shanti frühstückt gerade zufrieden ihr Müsli mit Joghurt. Shanti kam im Dschungel von Costa Rica zur Welt. Da war Mia 23 Jahre alt. „Ich war mit meinem damaligen Freund auf Reise durch Süd- und Mittelamerika und in Peru wurde ich schwanger,“ erzählt die heute 25 Jährige. „Ich wusste von Anfang an, dass ich mein Kind auf keinen Fall im Krankenhaus zur Welt bringen werde. Ich wollte nicht, dass andere über mich bestimmen, dass jemand Entscheidungen trifft, mit denen ich nicht einverstanden bin, gegen die ich mich aber unter der Geburt nicht würde wehren können. Eine Geburt ist ein so hoch emotionales Erlebnis. Und leider wird im Krankenhaus oft ohne die nötige Sensibilität mit den Gebärenden umgegangen.“

Eine Hütte im Dschungel

Anfang 20, auf Weltreise, mit wenig Geld und schwanger. War das nicht eine extreme Situation? „Es war eine spannende, intensive Zeit“, sagt Mia. Wenn ich jetzt daran denke, erschrecke ich manchmal über meinen eigenen Mut. Aber damals hat es sich alles richtig angefühlt.“ Zur Vorsorge ging Mia nur ein einziges Mal, um festzustellen, dass sie wirklich schwanger war. „Allein schon der Begriff ‚Vorsorge‘ stört mich, stellt Mia nachdrücklich fest. Es hat doch nichts mit ‚Sorge‘ zu tun, schwanger zu sein, sondern mit Vorfreude.“

Für Costa Rica als Geburtsort hat sich Mia gemeinsam mit Shantis Vater entschieden, weil die Visa- und Einreisebestimmungen in dem Land unkompliziert waren. Die Hütte ohne Strom und ohne Handyempfang – mitten im Dschungel – fand das junge Paar durch Zufall. Und hier kam Shanti dann in einer 6 stündigen, schmerzhaften, aber unkomplizierten Lotusgeburt* zur Welt. „Es war schon heftig, erzählt Mia. „Im Nachhinein bin ich froh, dass keine PDA und andere Hilfsmittel in der Nähe waren. Sonst hätte ich sie vielleicht zugelassen und das wollte ich ja auf keinen Fall! Ich wollte die Geburt voll und ganz erleben.“ Ernsthafte Sorgen machte sich die ausgebildete Lympftherapeutin aber zu keinem Zeitpunkt. „Ich wusste einfach, dass ich es alleine schaffen würde und dass alles gut geht. Und so war es auch.“ Für die Nachsorge hätte sich Mia aber tatsächlich eine Hebamme oder andere Unterstützung gewünscht. „Das Stillen hat zuerst nicht richtig funktioniert und Shanti hat nach einer Woche angefangen sehr viel zu weinen. Als wir wieder Internet hatten und ich recherchieren konnte, erfuhr ich, dass sie beim Trinken zu viel Luft schluckte und deshalb Bauchweh hatte. In dieser Situation wäre Unterstützung schön gewesen.“

Das „Alleingebären“ erlebt derzeit einen stillen Boom. Still, weil es keine Statistiken darüber gibt. Wie viele Kinder ohne die Hilfe von Arzt und Hebamme zur Welt kommen, wird nicht erfasst. Alleingebären. Der Begriff provoziert. „Worüber schreibt ihr? Alleingebären? Wer will denn so etwas? Das ist doch verrückt. Und gefährlich“, – sind nur einige der Kommentare,die die Recherche begleiten. Auch die Suche nach Protagonistinnen gestaltet sich schwierig. Es ist zwar nicht verboten, sein Kind komplett allein, ohne jeden Beistand, ohne medizinische Notversorgung und andere Menschen in der Nähe zur Welt zu bringen, aber darüber sprechen wollen die wenigsten. Zu groß ist die Angst, mit Vorwürfen und Kritik konfrontiert zu werden.

Frauen, die allein gebären, lassen sich grob in zwei Gruppen unterteilen: zum einen sind es sehr junge Frauen, die eher alternativ leben und die Schulmedizin ablehnen und zweitens Frauen, die sich als – von der Fremdbestimmung und der erfahrenen Gewalt während ihrer letzten Geburt – traumatisiert bezeichnen. Diese Gruppe erzählt von schlechten Erfahrungen, meist bei der Geburt des ersten Kindes. Die empfundenen Verletzungen der Intimität und des Selbstbestimmungsrechts beginnen bereits bei der Anmeldung vor der Geburt und hören bei den als willkürlich empfundenen Untersuchungen des Neugeborenen auf. Aber das soll hier nicht das Thema sein.

Angst und große Vorsicht hat heute auf beiden Seiten viel mit dem Vorgang der Geburt zu tun. Auch die Ärzte und Geburtshelfer sind vorsichtiger geworden. Wenn etwas schief geht, müssen sie sich vor Gericht verantworten. Warum dann nicht zuhause gebären? Oder ein Gebärhaus suchen? Tatsache ist: Eine Hausgeburt mit Unterstützung einer oder zwei Hebammen wird in Deutschland immer schwieriger. Die steigenden Haftpflichtprämien machen es fast unmöglich, zum Wunschtermin eine Hausgeburt mit Hebammen zu organisieren. Es geht bei dem Wunsch nach einer Alleingeburt also in erster Linie um Autonomie. Um Selbstbestimmung.

Im Wald, im Zelt, im Garten

Es ist paradox: Noch nie war bei uns die Sterblichkeit von Mutter  oder Kind so niedrig. Und gleichzeitig war die Kaiserschnittrate noch nie so hoch. Fast jedes dritte Kind kommt inzwischen per Kaiserschnitt zur Welt. Das Internet ist voll von Berichten (und Videos: nichts für schwache Nerven!) von Frauen, die ihr Kind allein zur Welt gebracht haben. Die gewählten Orte der Geburt sind oft ungewöhnlich: im Zelt, Garten, im Planschbecken der Kinder, in der Regentonne, oder auch im Wald auf einer Lichtung, am Meer, im See. Die Mütter berichten von glückerfüllten, intensiven und problemlosen Geburten. Von Alleingeburten, die abgebrochen werden mussten oder schief gingen, liest man nichts. Angeblich endet jede vierte Hausgeburt im Krankenhaus, weil sie nicht vorangeht. Und jede neunte Frau mit unproblematischer Schwangerschaft braucht unter der Geburt doch eine medizinische Intervention.

„Ich fühlte mich ausgeliefert“

Vorreiterin für den deutschsprachigen Raum ist die Ärztin und 6-fache Mutter Sarah Schmid. Ihr Buch: „Alleingeburt. Schwangerschaft und Geburt in Eigenregie“ ist inzwischen ein Klassiker. Sarah Schmid wurde zum Vorbild für viele Frauen. So auch für Kerstin* (Name von der Redaktion geändert). Drei Kinder hat die 35-Jährige „ganz normal, wie man das halt so macht“ im Krankenhaus zur Welt gebracht. „Es war jedes Mal wieder schrecklich“, erzählt die bald vierfache Mutter.„Ich wurde selbst wie ein Kind behandelt, nicht wie ein mündiger Mensch. Andere entschieden, wann ich pressen sollte, wann und ob ich Schmerzmittel bekommen sollte, wann mein Baby trinken sollte … Eine Einleitung der Geburt hatte abgelehnt, obwohl ich weit über dem Termin war. Ich wollte keine Tabletten schlucken, die mein Kind mit Gewalt aus mir herauspressen würden. Noch dazu mit einem Mittel, das in Deutschland damals noch nicht einmal zugelassen war. Die Empörung darüber ließen mich Ärzte und Hebammen tagelang spüren. Ich habe mich sehr ausgeliefert gefühlt. Nach dem dritten Kind war für mich der Punkt
erreicht zu sagen: nie wieder.“ Das vierte Kind, ein Mädchen, werde sie allein gebären, beschloss sie. Kerstin ist noch unsicher, ob sie sich eine Hebamme suchen soll, denn dort wo sie lebt herrscht eine eklatante Unterversorgung an Hausgeburts-Hebammen. „Ich hätte sie fest buchen müssen, noch bevor ich überhaupt schwanger war“, erzählt Kerstin. Parallel zu den Überlegungen wurde das Gefühl: ‚ich schaffe das alleine“ immer stärker. Kerstins Mann zeigte sich anfangs wenig begeistert, trotzdem trägt er ihre Entscheidung mit. Bis das Kind im Sommer zur Welt kommen wird, will sich das Ehepaar weiter einlesen und informieren – und einen Geburtspool für den Garten kaufen.

Und Mia? Würde sie die Erfahrung der Alleingeburt gerne wiederholen? Würde sie ein zweites Kind ebenfalls allein zur Welt bringen? Mia überlegt. „Ich würde mir einen sicheren Rahmen suchen. Vielleicht eine Hebamme als ‚backup‘, und mit Menschen, die ich zur Not erreichen könnte. Dann ja. Aber ganz allein, ohne Strom im Dschungel würde ich es nicht nochmal machen.“

bw // Fotos: sho

Zum Weiterlesen: geburt-in-eigenregie.de

* Bei einer Lotusgeburt durchtrennt man nach der Geburt nicht die Nabelschnur. Baby und Plazenta bleiben zusammen, bis sich nach einigen Tagen die Nabelschnur von selbst löst (so wie sich ja auch der Nabelstumpf einer durchtrennten Nabelschnur nach einigen Tagen löst). Die Plazenta wird nach der Geburt abgewaschen und auf gleicher Höhe zum Neugeborenen in einer Schüssel aufbewahrt. Sie wird – bis sie sich löst – regelmäßig mit Salz eingerieben.

27. März 2018

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