Armut hat viele Gesichter

Armut in Deutschland. Das trifft vor allem kinderreiche Familien. Menschen mit Migrationshintergrund. Alleinerziehende. Rentner. Wo aber beginnt Armut im reichen Deutschland? Ist derjenige arm, der sich kein Auto leisten kann? Der nicht in den Urlaub fahren kann? Keine Rücklagen für die Gesundheit, die Zähne, die Brille, das Alter hat? Wir haben uns auf die Suche begeben. Uns sozusagen auf die Spur der Armut geheftet. Natürlich interessiert uns speziell das Thema Kinderarmut. Wir beginnen unsere Recherchen bei der „Tafel“ in Mannheim.

Wo beginnt Armut?

Hier, in der Neckarstadt-West, dem ärmsten Stadtteil von Mannheim, ist es am frühen Morgen noch sehr kalt. Ein scharfer Vorfrühlingswind wirbelt den Abfall der Straßen durcheinander. Trotz Kälte stehen schon zahlreiche Menschen vor dem Schaufenster der „Tafel“. Es sind dieselben Menschen, die gestern auch hier standen. Und vorgestern. Und morgen werden sie ebenfalls wieder vor den gläsernen Türen warten, die angelieferten Produkte fest im Blick. Wenn die ehrenamtlichen Helfer fertig mit Aussortieren, Aufräumen und Ordnen sind, stürmen immer zehn Personen auf einmal in den kleinen Raum. Erst schnell zum Obst- und Gemüseregal, dann zum Kühlregal, heute gibt es Bio-Milch, die noch nicht abgelaufen ist und eine extragroße Lieferung Zucker. Pro Einkauf darf nur ein Paket Zucker gekauft werden.  Circa zehn Prozent von dem Betrag, den man im Supermarkt zahlen würde, kostet hier ein Einkauf.

Um bei der Tafel einkaufen zu dürfen, braucht man einen Berechtigungs-Schein. Den bekommt man vom Job-Center. Wer hier ansteht, hat entweder eine große Familie zu versorgen, ist Rentner, oder alleinerziehend. Manche kommen zwei oder dreimal am Tag zum Einkaufen. Das ist erlaubt, denn die Regale sollen bis zum Abend wieder leer sein. Frische Produkte, die nicht verkauft wurden, müssen abends entsorgt werden. Denn am nächsten Morgen kommen in aller Frühe erneut die „Tafel“-Lastwagen, prall gefüllt mit Lebensmitteln, die von den umliegenden Supermärkten aussortiert wurden. Die „Tafel“ ist ein bestens organisiertes Geschäftsmodell, von dem alle Beteiligten profitieren. Die Supermärkte, die ihre Lebensmittel kostenlos entsorgen, die ehrenamtlichen Helfer, die hier ihren Lebensmittelpunkt gefunden haben und natürlich hat die „Tafel“ auch Arbeitsplätze geschaffen. Wer Kleidung braucht, geht in das angeschlossene Kleiderkaufhaus der „Tafel“. Hier gibt es alles, vom Body für das Neugeborerne, bis zum Pelzmantel.

Zwischen Spielplatz und Straßenstrich

„Ich schaffe das X, ich schaffe die Brezel. Hast Du es gesehen? Schau! Schau! Ich schaffe es!“ Mehdi* (sämtliche Namen zum Schutz der Kinder von der Redaktion geändert) kommt mit dem Springseil quer durch den großen Raum gesprungen. Er übt die „Brezel“ seit zehn Minuten. Ausdauernd und ohne müde zu werden. Das Springen klappt schon prima. Aber die Brezel … da muss er noch üben. Johanna habe sie ihm gezeigt, erzählt er. „Sie hat gesagt, ich kann das auch schaffen, wenn ich nur übe!“

Johanna ist eine der jungen Betreuerinnen bei „Aufwind e.v.“ in Mannheim. Hier sind wir heute zu Besuch. Um die Ecke ist ein Treffpunkt für Obdachlose, wo es jeden Mittag kostenlose Mahlzeiten gibt. Wer kann, zieht weg aus der Neckarstadt-West. Direkt neben dem von außen unscheinbaren Haus von „Aufwind“ liegt die Kirche. Und ein Spielplatz. Und der Straßenstrich.

Noch ist der lichtdurchflutete Betreuungsraum fast leer. Langsam trudeln Kinder nach Schulschluss ein. Wir lernen den sechsjährigen Leo kennen. Er hat sich heute richtig schick gemacht. Kariertes Hemd, neue Jeans, Gel in den kurzen blonden Haaren. Leo hat einen Song geschrieben und den will er später auf der Bühne vorführen. Dazu übt er Gitarre, gemeinsam mit Anisa und Eylül. Ob hier ein Talent heranwächst, lässt sich noch nicht sagen. Aber das ist Leo egal.

„Ich habe heute eine Show!“, erklärt er geschäftsmäßig. „Morgen auch. Eigentlich jeden Tag. Nur freitags nicht.“ Für seine „Show“ wird er sich später (wie jeden Tag) in dasselbe blau-gepunktete Kostüm werfen. „Stell schon mal Stühle auf!“, ordnet er in unsere Richtung an. Als wir nicht gleich reagieren, wird er energisch: „Die Stühle da! Stellt sie schon mal auf!“.

Leo lebt bei seiner Großmutter. Seine Mutter hat ihn nach seiner Geburt dort zurückgelassen. Seitdem hat sie noch zwei Kinder bekommen, von verschiedenen Vätern. Ab und zu besucht sie Leo bei der Oma. Warum er nicht mit darf, wenn sie geht, versteht Leo nicht. „Am Anfang, als er neu bei uns war, hat er sich noch nicht mal getraut zu flüstern“, erzählt Stefan Semel, der Geschäftsführer von „Aufwind“. Adelina kommt ebenfalls reingeschlendert. Dass der Vater die Mutter schlägt und die Mutter dann Adelina, fanden in ihrer Familie alle normal. Kinder gewöhnen sich an alles. Bei „Aufwind“ werden aber nicht nur die Kinder betreut. Es gibt Regeln – auch für die Eltern. Es fällt Adelinas Vater schwer, sich an das Gewaltverbot zu halten.

 

Und da ist Eylül. Ruhig sitzt sie am Tisch und legt ein Puzzle. Drammeh und Florentine kommen vorbei und wollen mitmachen. Gemeinsam wird konzentriert überlegt, wo welches Teil hingehört. Gar nicht so einfach. Eylül wurde ohne nennenswerte Deutschkenntnisse in der benachbarten Grundschule eingeschult. Gleichzeitig sollte sie also eine neue Sprache lernen – und auch alles andere, was alle Erstklässler in Baden-Württemberg lernen müssen. So wie ihr, geht es zahllosen geflüchteten, emigrierten Kindern in Deutschland, wenn sie nicht das Glück haben, eine „Willkommensklasse“ zu besuchen. Sie sitzen ihre Zeit in der Schule ab, verstehen fast nichts. Beginnen zu stören, zu schwänzen. Die Verlierer von morgen verstehen heute nicht, warum einem Nomen immer ein Artikel vorangestellt ist. Eylül ist inzwischen in der zweiten Klasse. Seit einem Jahr kommt sie täglich nach der Schule zu „Aufwind“. Sie ist jetzt eine der Besten in ihrer Klasse. Mathematik ist ihr Lieblingsfach.

Um 13 Uhr wird gegessen. Ein Caterer hat das Mittagessen in Bio-Qualität angeliefert. Heute gibt es Bulgur mit Gemüse oder Putenwürstchen mit Eintopf. Bevor gegessen wird, muss es einen Moment lang still sein. Nach dem Essen werden Zähne geputzt, Hände gewaschen, dann ist Hausaufgabenzeit. Die Kinder lernen hier oft zum ersten Mal in ihrem Leben, was ein geordneter Tagesablauf ist. Eine Struktur, die sie abends auch mit nach Hause nehmen. Alles hat seinen Platz, jedes Kind hat sein Fach und seinen Schreibtisch.

Was ist das, ein Kirschgeäst?“

„Was ist das, ein Kirschgeäst?“ Florentine sitzt über ihren Deutsch-Hausaufgaben. Die Erstklässlerin braucht durchgehend Betreuung, ohne Hilfe kann sie keine Aufgabe lösen, geschweige denn verstehen. „Warum ist ein Turm kein Verb, kein Tu-Wort?“, fragt Johanna. Florentine überlegt lange. Ihr Nachbar, Sadi, versteht das auch nicht. „Ich kann doch einen Turm bauen“, denkt er laut nach. „Und auf einen Turm klettern. Also tue ich doch etwas“. Johanna erklärt und hilft. Auch Patrick Pietsch, der Gruppenleiter, geht von Platz zu Platz. Wer Hilfe braucht, meldet sich, um die anderen nicht zu stören. „Schneide das Dreieck ordentlich aus“, bittet Patrick den siebenjährigen Drammeh. Der Junge aus Gambia ist sehr unruhig und sitzt deshalb an einem Extra-Tisch. „Das sieht ja aus, als hättest du es abgebissen, nicht abgeschnitten!“, Patrick muss lachen und Drammeh freut sich diebisch über seinen Erfolg.

„Was ist das, ein Kirschgeäst?“. Mehdi soll ein Gedicht auswendig lernen. Die ersten zwei Zeilen klappen schon prima. Aber dann wird es schwierig: „Kirschgeäst“. „Der Wind schwingt“, „die Schemtterlinge gaukeln“. Mehdi hat dazu keine Bilder im Kopf. Entsprechend schwer fällt ihm das Lernen. Am Ende bleibt er für heute bei den ersten zwei Zeilen.

Bei „Aufwind“ ist Platz für 25 Kinder. Zum ersten Mal seit der Gründung vor zehn Jahren sind zurzeit Plätze frei. Gibt es heute weniger betroffene Kinder? „Wir schenken den Kindern und ihren Eltern die vier Jahre der Grundschulzeit“, erklärt Semel. „Aber dafür verlangen wir auch etwas. Wir wollen, dass die Eltern diese Zeit nutzen. Um einen Deutschkurs zu machen. Um sich aus einer gewalttätigen Ehe zu befreien, einen Job zu finden, einen Entzug zu machen.“ Das gefällt nicht allen Eltern. Was vielleicht für das Kind wie ein Lottogewinn klingt, ist für manche Familien eine ungewohnte Einmischung. Und so bleiben vier Plätze erst einmal frei. Warum die Eltern heute nicht mitarbeiten wollen? Gründe dafür gibt es viele. Eigene Traumata. Große Existenzangst, keine eigene Bildungserfahrung und somit auch kein Verständnis für die Bedeutung von Bildung und auch schlicht und einfach kulturelle Unterschiede.

Sind also die Eltern das Problem?

Sind also die Eltern das Problem? Werden nicht durch diese Sichtweise große gesellschaftliche Probleme – wie schon so oft – ins Private verschoben? Ein Umdenken muss stattfinden, das auch konkrete Handlungsweisen aktiviert. Es wäre beispielsweise sinnvoll, die 20 Milliarden Euro, die die Abschaffung des Ehegattensplittings einbringen würden, in hochwertige Bildungseinrichtungen für alle Kinder – speziell in armen Stadtvierteln wie der Neckarstadt-West – zu investieren. In verlässliche Ganztagsschulen für alle. Damit nicht länger allein die soziale Herkunft über die Zukunft von Kindern entscheidet.

Aber erst einmal steigt jetzt Leos Show. Sein Song kommt gut an und die anderen wollen auch alle jetzt sofort eine Show machen. Es wird getanzt, Quatsch gemacht, sich verkleidet. Zwischendurch dreht Mehdi die Anlage so laut auf, dass keiner mehr etwas versteht. Die Stimmung ist super. Später am Nachmittag beginnen die Kurse der Kinder. Heute kommt die Zumba-Lehrerin. Ein Teil der Kinder wird zur Zirkus-AG gefahren. Morgen ist Schwimmen.

„Arm? Arm sind alle Kinder, die wir hier betreuen“, überlegt Stefan Semmel auf unsere Nachfrage. „Aber zu ihrer materielle Armut ist eine andere Armut dazugekommen. Eine emotionale Armut. Die Kinder bekommen zu essen, sie haben Spielzeug und Handys. Was ihnen fehlt, ist Fürsorge und echte Bindung. Diese Armut ist neu für uns.“

Neu und ungemütlich geht es seit ein, zwei Jahren auch in der Nachbarschaft auf den Straßen der Neckarstadt-West zu. Wo früher türkische Großfamilien lebten und alle sich irgendwie kannten, sieht man heute kaum noch Familien. „Wir können die Kinder nicht mehr alleine auf den Spielplatz lassen“, erzählt Semel. Es sei zu gefährlich. Als diese Regel noch nicht galt, kamen die Kinder eines Mittags verstört vom Spielplatz zurück. Etwas Schlimmes sei passiert. „Etwas Schlimmes“ entpuppte sich als die Vergewaltigung eines jungen osteuropäischen Mädchens durch ihre zukünftigen Zuhälter.

Arm und asozial – das sind immer die anderen

In Deutschland gibt es über 150 Familienleistungen, Kindergeld, Kinderzuschuss, Teilhabepaket … Das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung* hat 2016 berechnet, wie sich dieses Geld auf arme und reiche Kinder verteilt. Das Ergebnis: 13 Prozent der Fördersumme landen bei den reichsten 10 Prozent der Familien, nur 7 Prozent bei den Ärmsten. Sind arme Kinder deshalb weniger wert? Der Begriff Kinderarmut kommt jedenfalls im Koalitionsvertrag nicht vor. Die aktuelle Studie der Bertelsmann Stiftung** zeigt auf: Bereits im Alter von sechs Jahren nehmen betroffene Kinder Armut als schmerzhafte Einschränkung wahr, die ihre schulischen Leistungen, ihr Selbstbewusstsein, ihren seelischen und körperlichen Gesundheitszustand massiv beeinträchtigt. Im aktuell erschienenen „5. Armutsund Reichtumsbericht der Bundesregierung“ wird einmal mehr dokumentiert, dass der Gesellschaft, also uns, arme Kinder eigentlich egal sind. Mehr noch: Wir grenzen uns ängstlich von ihnen ab. Unsere Kinder spielen auf sicheren Spielplätzen und besuchen gute Schulen. Arm und asozial – das sind immer die anderen.

bw // Fotos: sho

 

* Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung: Ein Sozialbericht für die Bundesrepublik Deutschland 2016

** bertelsmann-stiftung.de/de/ publikationen/publikation/did/ armutsfolgen-fuer-kinder-undjugendliche

 

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