Bittersüße Stockbrotschnecken Überlegungen

BlogFamilieskalBunt geht es zu in den Kinderzimmern von heute. Aber: reicht das?

 

Dienstagabend, 22.30 Uhr

Liebe S.

ich weiß, ich weiß, eigentlich hatten wir abgemacht, mit diesem Thema gaaaanz langsam zu machen. Mit dem Urthema „Bloggende Mütter“…. Wir sind beide Mütter. Und wir bloggen. Also ist das das Thema ein big deal –  zumindest zu diesem frühen Zeitpunkt. Aber es bloggt heute irgendwie so mit aller Macht aus mir raus.

Ich wage jetzt einfach mal ein paar Thesen:

  1. bloggen ist eine urweibliche Tätigkeit. Es müsste die Blog heißen. Nicht der.

Mein Kind. Mein Haus. Mein Blog… Und wir sind dann die New Muddis on the blog?

  1. Ohne Elternzeit, kein Blog. Die meisten Mütter starten ihren Blog in der Elternzeit. Klingt logisch. Allein in der chaotischen Wohnung, müde wie ein Zombie, gleichzeitig über- und unterfordert, niemand zum Unterhalten …

Und jetzt wir! 

Inzwischen gibt es soooo viele Blogs. Feministische Blogs. Lesbische Blogs. Kommerzielle Blogs. Blogs von traurigen Müttern, Blogs von schicken, stylishen Müttern. Von Müttern, die um die Welt reisen und von Müttern, die hier allerprivatesten Dinge posten. Die erklären, wie man Holunderblütensirup macht und andere, die vom letzten Ausflug in den Supermarkt erzählen (ohne dass dabei erkennbar viel passiert wäre…).

Was ist also unser Profi? Was haben wir, das andere nicht haben? Warum sollte irgendjemand unseren Blog lesen?  Na klar wollen wir (uns und andere) unterhalten. Und, na klar, wollen wir auch Holunderblütensirup machen und das dann posten … aber da geht doch noch mehr.

Oder?

Wenn meine Tochter beschreibt, welche Schokolade am liebsten mag, sagt sie immer: bittersüß. Keinesfalls will sie „volle Milch.“ Und schon gar nicht „zartes Gebitter.“ Bittersüß soll sie sein – und das kann dann so ziemlich alles bedeuten

Beim Nachdenken, über diesen Blog und pippapo und Familie generell merke ich, dass sich mir eine Frage immer mehr aufdrängt – und eigentlich geht es genau darum:

Was für eine Art Familie versuchen wir unseren Kindern eigentlich zu ermöglichen. Gibt es die eine, richtige Art Familie, die Kinder brauchen? Und woraus besteht die? Sind das die proppevollen Alltage, das hübsche dekorierte Haus, die Hasen im Garten, der Klavierunterreicht, das Feuermachen, das Stockbrotgrillen mit Freunden, das eigene Zimmer voller Spielzeug?

Ist das genug?

Stellen sich nicht alle Eltern die Frage: Bleibt am Ende genug übrig, dass meine Kinder davon zehren und als selbstbewusste fröhliche Menschen ins Leben gehen?

Merkwürdig ist, ich erinnere mich noch genau an ein Porträt, dass ich vor Jahren über eine Frau aus Spanien schreiben sollte, die in Mannheim ein Restaurant aufgemacht hatte. Wir waren uns gleich sympathisch, aber sie konnte kaum Deutsch und mein Spanisch war noch schlechter. Also lächelten wir uns lange, lange an.

Ab und zu schienen wir den einen oder anderen Satz der anderen zu begreifen und irgendwann kamen wir auch auf das Thema Familie. Plötzlich begann sie zu weinen. Familie, so verstand ich irgendwann …  das war für sie der Duft von Orangen. Ihre Mutter sei gerade gestorben. Und wann immer sie jetzt eine Orange aufschnitt, musste sie weinen. Beim Geruch frischer Orangen musste sie an ihre Mutter in Galizien denken und wie diese mit den anderen Frauen des Dorfes auf dem Feld die reifen Orangen erntete. Und dabei sang.

Ich konnte sie sofort vor mir sehen.

Mit mehr kam ich übrigens nicht in die Redaktion zurück. Ich fand, es reichte völlig: Ein Duft, ein Lied, ein Bild.

Aber, was bleibt meinen Kindern, wenn sie später an mich denken? Wie ich hektisch Frühstück machen? Schnell, schnell alle zur Schule fahren und wieder abholen? Abends (fast) zu müde für das Gute-Nacht-Lied und zwischendurch zu abwesend für die Schnecke auf dem Weg? Für das lustige Muster der Steine?  Für das dritte Ei MIT Schale im Kuchenteig?

Wenn es nach den Fotoalben ginge, wäre meine Tochter noch gar nicht geboren …  was bleibt also?

Zumindest wird dieser Blog bleiben. Als bittersüße Metapher für Familie und alles was dazu gehört. Das Chaos, die Hektik, die Schnecken auf dem Weg und der Duft von Orangen.

So, hier muss ich jetzt für heute Schluss machen (die Kinder für ihr Gute-Nacht-Lied aufwecken).

 

Ich freue mich auf dein Feedback!

 

Bis bald,

Deine …

 

 

Kommentar schreiben