Darf ich mal? Oder: Die Deutschen mögen keine Kinder!

ANNskalIIMG_20140909_183438„Wie süß!“ „Schläft es schon durch?“ „Mädchen oder Junge?“ „Darf ich mal …?“

Liebe S.,

wenn ich zurzeit spazieren gehe, bekomme ich so viel Aufmerksamkeit, wie noch NIE in meinem Leben. Es ist irritierend. Es hat allerdings eine ganze Weile gedauert, bis ich begriffen habe, dass die strahlenden Gesichter, das verzückte Lächeln, die „Ahhs“ und „Ohhhs“ und das Zusammenlaufen der Menschen, sobald ich stehen bleibe, mir gilt.

Genauer gesagt, unserem neusten Familienmitglied, das ich – da es noch nicht so weit laufen kann oder will – mit mir herumtrage.  Anni  ist 12 Wochen alt und ein süßer brauner Hundewelpe. Mehr nicht. Einfach ein süßer Hundewelpe. Aber es reicht, um einen Auflauf von Menschen jeden Alters zu provozieren.

Nie! Nie! ist mir das mit meinen, wie ich finde, durchaus hübschen und gut erzogenen Kindern passiert. Zumindest nicht in Deutschland.

Als sie noch Babys waren, wollte zwar ab und zu mal jemand in den Kinderwagen schauen, viel stärker sind mir die bewertenden Kommentare in Erinnerung geblieben:

„Hat es immer noch keine Haare?“

„Will sie gar nicht mal selber laufen?“

„Wieso tragen Sie das Kind denn in so einem Sack rum? Das erstickt doch!“ (Gemeint war ein Tragetuch)

„Können Sie sich keinen Kinderwagen leisten?“ (Ebenfalls in Sachen Tragetuch)

„Der war teuer, oder?“ (Der Kinderwagen)

Oder  auch:

„Du siehst ja schon wieder ganz gut aus. Gar nicht wie eine richtige Mama!“

Hallo?  Wie bitte sieht denn eine richtige Mutter aus? Und warum ist das dann ein Kompliment?

Hundwelpe Anni kommt aus Spanien. Dort war sie einer von vielen Hunden … Waren wir mit ihr unterwegs, kam es ab und zu vor, dass ein Kind sie streicheln wollte. Mehr nicht.

Dafür bekamen unsere Kinder permanent:

  • Eis/Süßigkeiten/Obst  geschenkt
  • Komplimente für alles und nichts
  • Lob und Aufmerksamkeit von wildfremden Passanten

Die Kinder durften sich frei bewegen, in den Restaurants in die Küchen gehen, in die Töpfe schauen, sich ihr Essen selbst zusammenstellen,  und sich auch mal schlecht benehmen, das wurde dann einfach nur abgehakt, ohne großes Drama.

Dafür gibt es natürlich zahlreiche, sinnvolle Erklärungen. Mir leuchtet aber keine davon ein. Wie kann es sein, dass den Deutschen (ihre) Kinder im besten Fall egal sind, die Mehrheit aber durchdreht, wenn sie auf einen Hundewelpen trifft?  

Vor zwei Jahren war ich mit den Kindern in Kairo. Ihre Patentante besuchen. Und zwischen Chaos und kriegsähnlichen Zuständen wurde mir klar: Ich habe nie eine kinderfreundlichere Stadt erlebt.  Kinder dürfen dort einfach alles. Sie sind ein natürlicher Teil des öffentlichen und privaten Lebens. Als wir in Frankfurt landeten und mit viel Gepäck und übermüdeten Kindern zum ICE rannten, um ihn gerade noch zu erwischen, schrie uns der Schaffner an: „Diese scheißblöden Kinder wieder. Ich muss meinen Fahrplan einhalten.“  Willkommen zurück, dachten wir.

Bei der Recherche zum Thema stieß ich auf einen Text der Autorin Karin Steger  über ihr wirklich lesenswertes Buch „Hättest halt kein Kind gekriegt.“ Karin Steger  zitiert darin den Neurobiologen Gerald Hüther:

„Kinder haben in unserer gegenwärtigen Zeit keine eigene Bedeutung. Im individuellen Bewusstsein nicht und auch nicht im sozialen. Deshalb werden sie mit dem, was sie in sich tragen, auch nicht gesehen, sondern zu Objekten gemacht: Sie werden erzogen, gebildet, bewertet, verwaltet.“

(http://diestandard.at/2000004930932/Kind-oder-Leben-ist-das-die-Frage)

Besser hätte ich es keinesfalls ausdrücken können. Und meine anderen drängenden Fragen, beispielsweise, warum die Geburtenrate fast nirgendwo in Europa niedriger ist, als in Deutschland, wie es möglich ist, dass das Äquivalent zur Familie immer mehr der berufliche Erfolg wird und warum das öffentliche Leben in Deutschland nahezu nachwuchsfrei ist … beantworten mir meine Spaziergänge mit Anni.

Bis bald,

Deine …

 

 

 

 

1 Kommentar

Hättest du hier einen Hundeartikel geschrieben, hättest du bestimmt auch schon 100 Kommentare 😉

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