Dear Kate,

Dear Kate,

Du erlaubst doch, dass ich Kate sage? Und da man im Englischen ja sowieso nicht zwischen „Sie“ und „Du“ unterscheidet, bleibe ich einfach beim Du. Also, liebe Kate, du hast wirklich süße Kinder. Sie sehen aus wie richtige Wonneproppen. Und sind immer so schön und geschmackvoll gekleidet. Kein Wunder, dass alle verrückt nach den beiden sind.

Morgen besuchst Du uns. Also nicht uns persönlich, aber die Stadt in der wir leben. Alle sind schon sehr aufgeregt. Seit Wochen warnen uns Schilder davor, dass große Teile der Stadt abgesperrt sein werden, wichtige Brücken dürfen nicht befahren werden. Die Innenstadt wird abgeriegelt. ect. ect.

Ehrlich gesagt, finde ich das alle etwas übertrieben. Nicht nur die abgeriegelte Innenstadt, oder die Berge von Palmen und Blumen die zurzeit ans Flussufer gekarrt werden, denn Du willst ja morgen auch eine Runde rudern, sondern auch die Einschnitte, die das alles für uns bedeutet. Ich zum Beispiel musste die geliebte Ballettstunde meiner Tochter absagen. Es wäre kein Durchkommen gewesen, ihr Ballettstudio liegt am anderen Ende der Stadt. Dann musste ich spontan einen Tag Urlaub nehmen, da die Schule spontan und dringend darum gebeten hat, die Kinder zuhause zu lassen. „Man könne für ihren Schulweg nicht garantieren“. Das ist ein Tag weniger, den ich in den Sommerferien für meine Kinder haben werde. Ich könnte hier weiter Beispiele aufführen, wer alles morgen was genau  machen muss, um zur Arbeit oder zum Kindergarten zu kommen … Aber Du merkst vielleicht auch bereits jetzt: Ich bin genervt!

Wie kann das sein: Du bringst Deine Kinder mit und meine müssen zuhause bleiben?

Natürlich könnten wir die Zeit morgen nutzen, um mit Fähnchen und Blumen an der Straße zu stehen … aber das ginge eindeutig zu weit.

Liebe Kate, am Samstag wird dein süßer Sohn vier Jahre alt. Statt zuhause eine wilde Part zu planen, ist er mit euch auf Tour und soll versuchen, den Brexit-Imageschaden Englands wieder auszubügeln. Eine große Aufgabe für so ein kleines Kind. Wenn man die Aufnahmen vom Flughafen sieht, wie er ängstlich beim Aussteigen zögert, als wäre ihm die vielen Blitzlichtern und Menschen zu viel …. da fühlt wohl jeder mit, der kleine Kinder hat. Und wenn anschließend die Auftritte eurer Kinder in der Presse danach bewertet werden, wie oft dein süßer Sohn gelächelt hat, oder auch nicht und ob er bereit war die Hand zu geben … das finde ich persönlich ganz schrecklich. Er ist doch noch ein kleines Kind und soll selber entscheiden können, wen er anlächelt und wem er die Hand gibt.

Weißt Du, liebe Kate, manchmal, ganz selten, treffe ich die Königin von Schweden in unserem Stadtteil, wenn sie den Friedhof am Wald besucht oder ihr Lieblings-Blumengeschäft. Sie lächelt dann so freundlich und zurückhaltend, dass man einfach zurücklächeln muss. So wie bei jedem anderen freundlichen Menschen auch. Mehr nicht. Keine Straße wird gesperrt, kein Kanon an Benimmregeln in Sachen royale Etikette werden an die Einwohner verschickt. Und vor allem: ich muss dafür nicht extra Urlaub nehmen.

Text und Foto: bw

 

 

 

Eine Antwort hinterlassen:

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.