Den Konflikten eine Kultur geben

skalWeinheimAntiMobbing20150304_123412Weinheim. Manche Sätze kosten Überwindung: „Ich werde mich ändern“ – so lautet einer davon. Versprechen wie dieses haben mit Respekt, Disziplin und Verlässlichkeit zu tun. Auch mit Mut. Das wiederum sind Eigenschaften, die manche Jugendliche erst lernen müssen. Oder auch fühlen. Respekt, Selbstkontrolle, Verlässlichkeit, Mitgefühl, Ehrlichkeit und Mut, sechs zentrale Tugenden des Miteinanders, trainierten jetzt zwei Lehrerinnen der „starken“ DBS-Werkrealschule, Mechthild Becker und Tanja Neuthinger-Gärtner, gemeinsam mit Marie Antoinette-Mayer von der kommunalen Schulsozialarbeit in der Begegnungsstätte West des Stadtjugendrings. Die drei Pädagoginnen nehmen derzeit an einer Fortbildung im Rahmen eines Präventionskonzeptes „Konflikt-Kultur“ teil, das auch wissenschaftlich von der Uni Heidelberg begleitet wird. Für jeweils eine 6., 7. und 8. Klasse standen zwei Vormittage Sozialtraining auf dem Stundenplan. Motto: „Zusammen leben.“

Den Konflikten eine Kultur geben 

Der Schulalltag ist manchmal ein Stress. Konflikte sind unvermeidbar. Aber wie sie ausgetragen und gelöst werden, ist entscheidend. Auch weil es ungelöste Konflikte sind, die in Mobbing ausarten können.

Tanja Neuthinger-Gärtner ließ die Schüler üben. In Briefen durften sie an Mitschüler schreiben, was ihnen am Umgang gefällt und was nicht. Und welche Veränderung sie wünschen würden, was sie am meisten stört, beleidigt oder auch verletzt – vielleicht sogar ohne Absicht des Gegenübers. Ein Junge las in seinem Brief einer Mitschülerin, er sei laut und unbeherrscht. Er flöße ihr Angst ein. Wird er sein Verhalten erkennen, es ändern? Es dauerte mitunter eine Weile und eine Überwindung, bis sich Absender und Adressat in der Mitte des Stuhlkreises trafen, um sich die Hand zu geben. „Das habt Ihr gut gemacht“, lobte Tanja Neuthinger-Gärtner, „es ist nicht einfach, auf jemanden zuzugehen und zuzugeben, sich ändern zu müssen“. Auch die Meinung des Mitschülers stehen zu lassen, ohne sie zu kommentieren oder gar darüber zu spotten, wurde zur Übung im Sozialtraining. „Das nennt man Toleranz“, erklärte die Lehrerin.

Nicht alle Jugendlichen, so die Lehrerin, kennen solche Gespräche und Gedanken aus dem eigenen Elternhaus. Für manchen waren es ganz neue Erfahrungen.

Die Seminarleiterinnen ließen aber auch keinen Zweifel daran, dass dieses soziale Verhalten in der Schule geübt werden muss. Tanja Neuthinger-Gärtner: „Im Leben nach der Schule wird es kein Verständnis mehr geben, zum Beispiel für den Verlust von Selbstkontrolle, deshalb: nutzt die Schulzeit, den Umgang mit dem Mitmenschen zu lernen“. Das Recht auf seelische Unversehrtheit müsse verstanden und akzeptiert werden, genauso wie auf die körperliche Unversehrtheit und auf das persönliche Eigentum.

Es waren anstrengende Stunden in der Begegnungsstätte West, die für solche schulnahen Projekte in einem neutralen Raum beste Rahmenbedingungen bot – aber lehrreiche. Manche Schüler sahen sich hinterher mit anderen Augen. Sie gingen anders miteinander um. Respektvoller.

Das Präventionskonzept „Konflikt-Kultur“ an der „starken“ Dietrich-Bonhoeffer-Werkrealschule hat erst begonnen, angelegt ist es auf Nachhaltigkeit. Mechthild Becker, Tanja Neuthinger-Gärtner und Schulsozialarbeiterin Marie Antoinette Mayer wollen das Sozialtraining und – falls erforderlich – auch eine Mobbing-Intervention unter Einbeziehung der Klassenlehrer an die ganze Schule bringen, möglicherweise auch in den ganzen Schulverbund, wo er auch Teil des Schulprofils werden könnte. Sie sind sich einig: „Das würde zu unserer Schule und auch zum Schulstandort Weinheim gut passen.“

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