Der Blechtrommler

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Thorsten Gellings ist ein großer Musiker. Ein genialer Schlagzeuglehrer. Ein Besessener. StadtLandKind-Autorin Margit Raven hat ihn und seine Schlagzeugklasse für uns besucht. Die wunderbaren Fotos kommen natürlich von Simon Hofmann.

skal_DX1_4054_raw-sh „Als Kleinkind habe ich mit dem Kochlöffel auf Töpfe, Schüsseln und alles, was einen Ton erzeugte, eingedroschen“, erzählt Thorsten Gellings. „Vielleicht hat sich ja damals schon abgezeichnet, dass Percussion-Instrumente mein Leben begleiten sollten“, fügt er lachend hinzu. Der 32-Jährige steht im Probenraum der Musikschule Weinheim inmitten von unzähligen Drumsets, Pauken, Marimba- und Vibraphonen, dazwischen ein großer Gong und viele kleine exotische Schlaginstrumente aus Holz und Metall. In ein paar Tagen findet ein großes Konzert mit 80 Kindern statt. Die Instrumente müssen alle zum Veranstaltungsort transportiert werden. „Natürlich ganz vorsichtig“, sagt Gellings und fügt hinzu, dass jedes einzelne Instrument für ihn ein Familienmitglied ist. „Meine Freundin fand diese Denkweise zu Anfang unserer Beziehung zwar etwas übertrieben, doch mittlerweile akzeptiert sie meine Eigenarten.“ Auch, dass er sein 120 kg schweres Marimbaphon stets mit in den gemeinsamen Urlaub nimmt.
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Derweil nimmt Gellings einen Schlägel in die Hand und demonstriert, wie er seinen kleinen Schülern das richtige Trommeln beibringt. „So ein Trommelschlägel hat ein gewisses Gewicht und wenn man die richtige Technik drauf hat, schnellt der Unterarm von ganz allein auf das Schlagzeug-Fell“. Wie zum Beweis trommelt er ein Staccato
auf der Snare-Drum. „Nicht mal übermäßig laut, wenn man es richtig macht“, meint er. Dass man auf Schlagzeuge zwar draufhauen darf, jedoch gleichzeitig behutsam mit ihnen umgehen muss, lernen die Kinder mit der Zeit. Wenn er erzählt, blitzen seine Augen vor Begeisterung. „Ja, man kann bei mir durchaus von einer gewissen Besessenheit sprechen“. Auf das Klavier angesprochen, das an der Wand des Probenraumes steht, antwortet Gellings: „Auf den Tasten bin ich Legastheniker, da reicht es gerade dafür, meinen
Schülern mal einen Takt anzuspielen.“

Als er vier Jahre alt war, ging er mit seiner Mutter in die Musikschule. Weder die Blockflöte noch die Geige und schon gar nicht das Klavier konnten ihn beeindrucken. Vergeblich suchte er nach dem Instrument, das damals noch nicht zur musikalischen Früherziehung gehörte,das Schlagzeug. „Doch dann, als ich 6 Jahre alt war, hatte sich ein Schlagzeug- Lehrer gefunden, der mich unterrichten würde.“ Von da an gab es statt Fußball nur noch Trommeln, Tomtom, Becken und Schlägel. Zum täglichen Üben musste ihn
niemand zwingen. Dass er sich nach dem Abi für ein Musikstudium entschied, war die logische Schlussfolgerung, auch für seine Eltern. An der Musikhochschule in Mannheim studierte er Klassisches Schlagwerk. Er war Mitglied des Bundesjugendorchesters, gab als Solist Percussion-Konzerte im In- und Ausland und arbeitet für TV-Produktionen.
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Im Jahr 2009 wirkte er bei einem Projekt der Jungen Oper am Nationaltheater Mannheim mit. „Hier erlebte ich zum ersten Mal, wie unverkrampft Kinder an die Musik herangehen,
bei ihnen gibt es noch kein Schubladen-Denken, und schon gar keinen Unterschied zwischen E- und U-Musik, die hören und erleben Töne und Rhythmus einfach anders als Erwachsene“. „Schubladen“, sagt Gellings, „wird es durch den Flüchtlingsstrom künftig in der Musik immer mehr geben, denn arabische Maqam-Musik passt nun mal nicht zu afrikanischen Trommel-Rhythmen, oder brasilianischer Samba zu türkischer Sufi-Musik.“ Sein Traum wäre eine einzige große Schublade mit der simplen Aufschrift „Musik“.
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Wie kam er zum Beruf des Musik-Pädagogen? „Ich glaube mein Schlüsselerlebnis hatte ich als Schüler. Um mir neue Instrumente leisten zu können, habe ich Kindern in meiner Freizeit Schlagzeug-Unterricht gegeben.“ Einmal habe ihn ein kleiner Junge gefragt, was er denn heute noch so mache. „Ich muss heute Abend bei einem Konzert mitspielen“, habe er ihm geantwortet, darauf der Junge fassungslos: „Du wolltest wohl sagen, Du darfst in einem Konzert mitspielen.“ In diesem Moment habe er begriffen, dass Musik durchaus ein Privileg darstellen kann. „Man kann von der offenen, ehrlichen Art der Kinder eine Menge für sich selbst mitnehmen“. Damals entdeckte Gellings, wie viel Freude
ihm die Arbeit mit Kindern bereitet. Und dass die Kinder ihn mögen, kann man beobachten, wenn man ihn als Leiter eines Konzertes auf der Bühne erlebt.

Vor sieben Jahren begann er als freiberuflicher Schlagzeug-Lehrer an der Musikschule in Weinheim. Seit zwei Jahren ist er fest angestellt und unterrichtet eine Schlagzeug-Klasse mit 30 Schülern im Alter von 5 bis 22. Als nächstes großes Projekt startet demnächst ein vom Kulturamt gefördertes Projekt auf einem Spielplatz im Mannheimer Jungbusch. Dort sollen Kinder erfahren, welch faszinierende Töne man mit Trommelschlägeln aus Klettergerüsten und Schaukeln zaubern kann.

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