Der geschnitzte Stift oder ein häusliches Drama in mehreren Katastrophen

Stift

 

Ort: Eine gewöhnliche Wohnung.
Handelnde Personen:
Grundschulkind, durchschnittlich begabt, ohne Lese- oder Rechtschreibschwäche, ohne Dyskalkulie.
Halbtags-Mutter, die gerade schnell noch Mittagessen kocht, nachdem sie vor wenigen Minuten von der Arbeit gekommen ist.
Statist:
Vater

13.30 Uhr: Erste Katastrophe

Mutter gießt Nudelwasser ab, spontan setzt ein gefühlt minutenlanges Türklingeln im Dauerton, Marke Nervenzerfetzen, ein.

Auftritt Kind.

Kind: Uahhhh…..die L. ist soooooo fies wir haben soooooo viel auf und ich versteh‘ gaaaaa nix.
Mutter: Hallo Kind, wie geht es Dir, schön, dass Du da bist, aber bitte drück doch nicht immer so lange die Klingel.
Kind wirft Schulranzen auf den Boden, lässt Jacke fallen, tritt Schuhe in die Ecke.
Mutter: Könntest Du bitte Deine Jacke aufhängen und die Schuhe wegstellen…
Kind: Uaaaahhhhh, jetzt bist Du auch schon so fies, was gibt’s zu essen?
Mutter: Nudeln. Könntest Du bitte…(siehe oben)
Kind: Und das mit der Strafarbeit ist auch voll gemein, weil ich hab gar nicht zuerst angefangen mit dem Sportbeutel im Klo.
Mutter: ???

Es folgt ein leidlich harmonisches Mittagessen.

14.00 Uhr: Zweite Katastrophe

Mutter: Machst Du jetzt bitte Deine Hausaufgaben und dann räum bitte auch mal deine Jacke, deine Schuhe… (siehe oben).
Kind: Ja, gleich.
Mutter: Nein, jetzt.
Kind: Naaaaa…guuuuuut.
Kind (wühlt lustlos im Schulranzen): Oh, ich habe mein Buch (wahlweise Heft, Arbeitsblatt ö.ä.) vergessen.
Mutter: Dann geh schnell in die Schule und hol‘s.
Kind (empfindet 150 Meter Fußweg als Zumutung): Neiiiiin, das ist immer voll peinlich.
Mutter: Es ist viel peinlicher, ohne Hausaufgaben in die Schule zu gehen.
Kind (laut): Ich geh nicht!!!
Mutter (viel lauter): ICH ZÄHL JETZT BIS DREI!

Türenschlagen, Abgang Kind

14.30 Uhr: Dritte Katastrophe

Gefühlt minutenlanges Türklingeln im Dauerton Marke Nervenzerfetzen, Auftritt Kind, Stimmung: sehr aufgeräumt, Kind hat auf dem Weg ein Stück Sperrmüll gefunden.
Kind: Guck mal, kann ich das feilen (wahlweise schleifen, hämmern, o.ä.)?
Mutter: Du sollst nicht immer Müll mitnehmen und nicht so lange die Klingel drücken. Hast Du Deine Hausaufgaben?
Kind (empört): Das ist doch kein Müll!
Mutter: HAUSAUFGABEN!!!
Kind: Jahaaaaaaa, aber ich weiß nicht, welche Aufgaben wir aufhaben ich weiß nur die Seite.
Mutter: Hast Du das nicht aufgeschrieben?
Kind: Vergessen. Weißt Du, wo mein Multitool ist?
Mutter (erbost): NEIN. UND WENN DU NICHT WEISST, WAS DU AUFHAST, DANN MACHST DU EBEN ALLE AUFGABEN AUF DER SEITE!
Kind (schreit): Du bist SOOOOOO FIES!

Abgang Kind Richtung Schreibtisch, Türenschlagen.

15.00 Uhr: Vierte Katastrophe

Kind hat sich beruhigt und erinnert, was es aufhat.
Mutter: Fängst Du jetzt an?
Kind (eifrig): Ja, ist eh voll Baby. Wobei, ich versteh da was nicht.

Mutter erklärt, wendet sich dann diversen Hausarbeiten zu und stolpert bei der Gelegenheit über einen Schuh, wahlweise Jacke, Sportbeutel o.ä.

15.20 Uhr: Fünfte Katastrophe

Mutter schaut mal beim Schreibtisch vorbei, Kind hält ein Taschenmesser in der Hand.
Mutter: Was MACHST Du da?
Kind: Ich hab bloß den Stift gespitzt.
Mutter: Mit dem Messer? Hast Du keinen Spitzer?
Kind: Der ist weg…
Mutter holt den Handfeger, fegt die Schnitzspäne vom Fußboden auf und atmet ganz tief durch.
Mutter (auf dem Rückweg vom Mülleimer): Wie weit bist Du denn jetzt mit den Hausaufgaben?
Kind: Das ist soooooo viel (Anmerkung der Mutter: es sind fünf popelige Additionsaufgaben) .
Kind hat bislang das Wort Hausaufgahb geschrieben.
Mutter (laut): DAS KANN JETZT NICHT SEIN, DASS DU NOCH KEINEN STRICH GERECHNET HAST????
Kind (lauter): JA, WENN DU MICH IMMER ABLENKST!
Abgang Mutter, Türenschlagend

16.25 Uhr: Sechste Katastrophe

Kind: Maaaaaaaamaaaaaaaaaaaaa! (durch die Tür)
Mutter (unentspannt): WAS!??? WIE WEIT BIST DU?!
Kind: Noch nicht so arg weit, aber ich versteh da was nicht…
Mutter: Warum? Das kannst Du doch alles, Du hast nur keine Lust.
Kind (treuherziger Augenaufschlag): Hilfts Du mir?
Mutter (mit zusammengepressten Lippen und tiefen Stirnfalten): Okay.
Mutter setzt sich neben das Kind, Kind ist bestens gelaunt und hat in rund zehn Minuten seine Mathehausaufgaben fertig.

16.35 Uhr: Siebte Katastrophe

Mutter (regt sich langsam wieder ab und wird pädagogisch): Na schau mal, so schnell kannst Du das. Ist doch gar nicht nötig, so ein Theater zu machen. Jetzt räum mal Deine Schulsachen weg und dann heb doch bitte Deine Jacke und Deine Schuhe mal vom Boden auf…(siehe oben).
Kind: Ich hab aber noch Deutsch auf.
Mutter (spontan auf hundertachtzig): WAS???
Kind: Jaaaaaaaaaa…, voll fies, ich muss VIER Sätze abschreiben, das schaffe ich niiiiiieeeee!
Mutter (atmet tief durch und ist danach wahnsinnig verständnis- und liebevoll): Na komm, das geht doch ganz schnell, da brauchst Du keine fünf Minuten, ich diktiere sie Dir schnell.
Kind (wühlt lustlos im Schulranzen): Oh, ich hab mein Deutschheft in der Schule vergessen …

Viel später.

Vater betritt erschöpft aber fröhlich pfeiffend und bestens gelaunt nach einem langen Arbeitstag die Wohnung.

Vater: Und? Was habt ihr an diesem schönen Tag Feines gemacht?

(Anmerkung der Autorin: Dieses Drama ist natürlich rein fiktiv.  Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind vollkommen zufällig. )

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10 Kommentare

Herrlich! Und wenn man das Leuten erzählt, bei denen die Kinder gelegentlich zu Besuch sind, dann heißt es immer: !Jetzt übertreibst du aber. Die Kinder sind doch total vernünftig (wahlweise hilfsbereit, ordentlich, freundlich, höflich…).“

… Ich habe die Schule gehasst. Den Druck, die Noten, das Stillsitzen an das Turnzeug denken, die Handschuhe nicht dort vergessen und auch sonst nichts und ständig irgendwas noch tun zu müssen, Lernen, Prüfungen, Hausaufgaben, besonders die Hausaufgaben. Ich war gottfroh als das vorbei war. Ein Stein ist mir vom Herzen gefallen. Nie wieder Schule.

Und jetzt wird es mir klar, das kommt alles zurück, und zwar im September 2015. Und diesmal wird meine Rolle der nöhlende Erwachsene, nicht das gequälte Kind. Das ist wahrscheinlich noch viel schlimmer. Ich würde am Liebsten meine Jacke und die Schuhe in die Ecke schmeissen und türknallend weglaufen.

Nein, Du wirst das bestimmt alles viel besser machen 😉

Woher kennst du dich bei uns so gut aus?

Wie gesagt: Nur Fiktion…also fast…

Einfach genial. Ich glaube, heute bin ich ganz entspannt. Gerade machen die Kinder Hausaufgaben. Von oben ruft es immer abwechselnd: Maaamiiiii, ich weiss was nicht…. oder Maaaaaamiiiiiii, ich brauche ein neues Deutschheft! Es ist also der ganz normale Alltag wie in vielen anderen Familien und täglich grüßt das Murmeltier!

Ich hatte drei von diesen Prachtexemplaren, und ich frage mich tatsächlich, wie meine Frau das überhaupt geschafft hat. Heute sind die Kerle 20, 22 und 24. Schmutzige Teller können sie übrigens noch immer nicht ohne Aufforderung von ihrem Zimmer in die Spülmaschine zurückräumen. Aber mit der Addition klappt’s schon.

Na, das macht uns doch Hoffnung!

Ich habe Tränen gelacht, Dankeschön!

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