Der hailige Franciscus lippte Tire!

HausaufgabenBlog

Immer diese Hausaufgaben … was für ein Stress!

 

Liebe S.,

ist das Thema Hausaufgaben bei euch auch so ein Thema?

Da ich bis nachmittags arbeite und die Schule meines Sohnes, wie in Deutschland üblich, um 12.15 Uhr Schluss hat, geht er bis 16 Uhr in den Schulhort. In diesem Hort (neudeutsch: Ganztagsschulbetreuung) wird ein „familienähnlicher Nachmittag“ angeboten, man darf deshalb auch nur zu bestimmten Zeiten abholen, damit die Rituale nicht zu sehr gestört werden. Abgesehen von der Qualität des Essens, über die ich regelmäßig meckern muss, ist dieser Hort eigentlich eine tolle Sache … und abgesehen von der Hausaufgabenbetreuung.

Vor mir selbst rechtfertige ich das Ignorieren der (wie ich aus den Augenwinkeln sehen muss) zerknitterten,  fleckigen Hefte meines Sohnes wahlweise mit  „so viel Stress“, „arbeiten“,  oder auch „das wird schon“.

Nun will er aber ab und zu mit dem Bus nachhause kommen. Allein und früher als 16 Uhr. Ich muss dann auch früher kommen und mit ihm Hausaufgaben machen. Ich freue mich immer, wenn ich meinen Sohn sehe, ich herze und küsse ihn und finde ihn wunderbar. Doch an diesen Tagen ist ziemlich schnell Schluss damit, denn dann ist Hausaufgabenzeit. Und dann gibt es Streit. Angeblich hat seine Lehrerin gesagt, er dürfe mit Wachsmalblöcken schreiben (auch wenn die Worte dann noch undeutlicher werden), angeblich hatten sie noch nicht die 7erReihe, die 9er aber schon, angeblich sei es egal, ob ein Wort groß oder klein geschrieben werde… und angeblich sei 7 x 7 eindeutig 80, das wisse er ganz genau!

Im Bundestagswahlkampf 2013 propagierte SPD-Chef Sigmar Gabriel die Forderung,  Hausaufgaben abzuschaffen. Hausaufgaben stünden der Chancengleichheit im Weg und förderten gesellschaftliche Ungerechtigkeiten. Statt Hausaufgaben fordert Gabriel einen Rechtsanspruch jedes Schülers auf den Besuch einer Ganztagsschule, in der die Hausaufgaben während der Schulzeit unter Aufsicht der Lehrer erledigt würden.

Das hört sich doch gut an, oder?

Mein Sohn geht in eine Ganztagsschule, aber dass die Lehrer hier am Nachmittag Hausaufgaben betreuen … keine Spur. Zu zehnt sitzen die Kinder an einem Tisch und werden mal von einer Erzieherin, mal von einer Aushilfe und mal von einer Mutter betreut. Einer Mutter wie du und ich.

Das Wort Hort ist althochdeutsch und bedeutet „Schatz“ oder „Vorrat“. Also etwas, was aufbewahrt wird. Nach der Schule werden unsere Kinder also aufbewahrt, vielleicht wie Schätze, das ist schön.  Und passenderweise ist die Hortbetreuung auch sehr teuer, schatzmäßig teuer sogar. Aber, die Kinder dürfen die meiste Zeit spielen und das Schulgelände erkunden, ab und zu machen sie in einer Ecke des Schulgartens ziemlichen Blödsinn. Also alles super. Ich darf nur nicht in die im Hort bearbeiteten Hefte schauen. Denn dann sehe ich Seiten, die so aussehen:

1mal 8 – 3= hasdhaksdhaksdh 6&5

Oder: Der hailige Franciscus lippte Tire.

Oft hatte mein Sohn in der ersten Klasse „häkeln“ auf. Ich kann nicht häkeln. Die Hortbetreuerinnen auch nicht. Meine vorsichtige Frage, ob sie es denn nicht lernen wollten, wurde mit Empörung zurückgewiesen. Ich solle es doch selber lernen. Ähnlich ging es mir mit Nähen, Flöten und  … Russisch. Die Häkelarbeit wurde zur Hälfte von einer Freundin (Danke, liebe S.), zur anderen Hälfte von meiner Mutter erledigt. Wenn mein Sohn  flötet, bin ich immer dankbar, dass er andere Talente hat.  Und dann dieses Russisch… ich frage mich, wie andere Eltern das machen:

Geben sie ihren Job auf und lernen eine neue Fremdsprache in der VHS, belegen Kurse in Nähen, Häkeln, Russisch?

Ich finde: Hätte ich die Geduld Hausaufgaben zu machen, wäre ich Lehrerin geworden.

Am liebsten sind mir die Tage, an denen es heißt: „Ich habe nichts auf“. Denn seine Lehrerin hat uns eingeschärft, wir müssten den Kindern vertrauen und ihnen glauben, was sie sagen. Das Vertrauen übe ich noch und vorsorglich habe ich mal bei der VHS nachgefragt. Häkeln gibt es. Russisch auch.

 

 

1 Kommentar

Wunderbar!
Großartig geschrieben. Und so wahr.

Kommentar schreiben