„Die Kinder mit in die Küche nehmen!“

1Sarah_Speisezimmer01StadtLandKind traf die Starköchin, Unternehmerin, Gastronomin und Buchautorin Sarah Wiener um über das erste Buch der Sarah Wiener Stiftung: „Landschaft schmeckt. Nachhaltig kochen mit Kindern“ zu sprechen. Der Titel hat uns natürlich sehr neugierig gemacht …

StadtLandKind: Frau Wiener, Ihre Stiftung, die „Sarah Wiener Stiftung“ hat ihr erstes Kochbuch herausgegeben „Landschaft schmeckt“. Es geht um Rezepte und Küchen-Experimente für Kinder, es wird aber auch Hintergrundwissen rund um das tägliche Leben vermittelt. Wie viel Nährstoffe stecken in Gemüse, zum Beispiel, oder warum man einmal in der Woche Fisch essen sollte. Wie genau kann man denn nun Kinder für gesundes Essen begeistern?

Sarah Wiener: Ganz einfach: Die Kinder mit in die Küche nehmen. Viele Eltern geben ihren Kindern gar nicht die Möglichkeit, in der Küche beim Kochen zuzuschauen oder mitzumachen. Doch wenn man ihnen einfach mal den Kochlöffel in die Hand gibt, wird ihre Motivation und ihre Begeisterung von ganz allein geweckt. Und wenn sie dann ein selbst gekochtes Gericht auf  ihrem Teller haben, werden sie es voller Stolz auch gern essen. Um gesund zu kochen, braucht man natürlich auch gesunde Lebensmittel. Daher sollen Kinder mitgenommen werden zum Einkaufen. Das fördert nicht nur das Wissen über Lebensmittel, sondern auch ihre Selbstständigkeit.  Ein Tipp wäre der Einkaufszettel, der mit den Kindern geschrieben wird. An den sollten sich dann alle halten.

SLK: Eine Ihrer Kernaussagen lautet: Wir können die Welt nur mit Genuss retten. Klingt gut. Aber wie geht das?

Sarah Wiener: Genussvoll essen, heißt auch achtsam zu essen und zu wissen, was man da überhaupt isst. Wenn wir den Ursprung und die Herstellung unserer Essen und unserer Lebensmittel kennen, sind wir Herr unseres Körper und können selbst bestimmen, was wir essen wollen oder eben nicht. Wir essen heutzutage meist stark verarbeitende Nahrungsmittel, von denen wir nicht mehr wissen, was sich darin befindet und wer sie wie, wo herstellt. Wir lassen uns füttern. Wir vergeuden viel zu viele Lebensmittel, weil uns die Beziehung zu der Mutter Erde, die uns nährt, verloren gegangen ist. Wir schmeißen viel zu viel weg, weil Lebensmittel keinen Wert mehr haben. Ich achte bei meinen Lebensmitteln auf folgende Grundregeln: saisonal, regional und frische Grundzutaten aus ökologischer Landwirtschaft. Die vielen genormten, abgepackten, sterilisierten Fertigprodukte, die es an jeder Ecke gibt, sind weder nahrhaft noch tun sie der Umwelt und unserem Körper gut.

SLK: Der Untertitel zu „Landschaft schmeckt“ lautet: „Nachhaltig kochen mit Kindern“. Wie definieren Sie Nachhaltigkeit?

Sarah Wiener: Wir Menschen sind ein Teil der Natur. So sollten wir auch nur das zu uns nehmen, woran sich unser Stoffwechsel die letzten 100 000 Jahre adaptiert hat. H-Milch, Industriezucker in rauen Mengen, Weißmehl, pestizidbelastete Nahrungsmittel und 360 Zusatzstoffe in stark verarbeiteten Nahrungsmitteln gehören nicht dazu. Für diese Erkenntnis muss ich nicht mal ein Öko sein. Wir sind alle auf einem Weg und jeder für sich kann dafür selbst vieles tun: Keine Plastiktüten zu benutzen, öfter zu Fuß gehen. Mit dem Deckel kochen und Strom zu sparen. Mehr Leitungswasser in Glaskaraffen anbieten, anstatt Wasser aus den Plastikflaschen, das viele Ressourcen vernichtet.

SLK: Wie genau leben Sie und Ihre Mitarbeiter den Begriff Nachhaltigkeit? 

Sarah Wiener: Meinen Mitarbeitern stehen Firmen-Fahrräder zur Verfügung, einige fahren Elektroautos und wir verwenden ausschließlich recyceltes Papier. Außerdem setzen wir uns regelmäßig mit unserer Philosophie auseinander, um diese nicht nur in der Küche zu leben. Wir haben Bienen auf den Dächern und versuchen mit vielen kleinen Dingen eine Sensibilität für die Notwendigkeit einer Kehrtwende zu schaffen. Letztlich muss jeder selbst wissen, was er machen möchte und worauf er gern Rücksicht nimmt. Ein „weiter so“ wie in den letzten Jahrzehnten ist allerdings keine Option. Die Welt und ihre Ressourcen sind ja endlich.

SLK: Nicht jeder kann und will sich Bio-Lebensmittel leisten. Können Sie das nachvollziehen?

Sarah Wiener: Wenn wir in einer Gesellschaft leben, in der sich nicht jeder gesunde und nachhaltige Lebensmittel leisten kann, sollten wir dringend über unser System reden. In welcher Welt wollen und sollen wir leben? Einerseits die wahnsinnige Lebensmittelverschwendung weil Nahrung nichts mehr wert ist, genormte, global gehandelte Nahrungsmittel, die die Vielfalt und das Handwerk vernichten, andererseits einige wenige Biobauern und Produzenten, die genau mit dieser Agroindustrie in Konkurrenz treten müssen und sollen und weder finanziell noch politisch unterstützt oder gefördert werden. Genau diese Industrie bezahlt aber auch ihre Mitarbeiter so schlecht, dass sie sich oft nur noch billiges Discountessen leisten können. Das kann doch wirklich kein Zukunftsmodell sein.

SKL: Und welchen Beitrag können wir tagtäglich leisten, um tatsächlich nachhaltig(er) zu leben?

Sarah Wiener: Zum Beispiel mit Genuss selber mit frischen Lebensmitteln kochen. Das geht ganz ohne Ideologie und macht auch noch Spaß.

 

Interview: Bettina Wolf  // Foto: Sarah Wiener

Zum Weiterlesen: sarah-wiener-stiftung.de

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