„Die Pubertät ist ein großes Abenteuer“

Sehr geehrter Herr Stier, sehr geehrte Frau Höhn, in dem Vorwort Ihres frisch erschienenen Buches schreiben Sie, dass die Pubertät einem Abenteuer gleicht, einer Reise in unbekannte Gebiete. Haben Sie einen Reiseführer für Eltern verfasst?

Eigentlich ja. Sowohl die Pubertierenden wie auch die Eltern/ Betreuer begeben sich mit dem Einsetzen der Pubertät auf eine spannende, interessante, emotional fordernde und manchesmal auch belastende Reise in ein primär „unbekanntes Land“ mit unsicherem Ausgang. Wie bei jeder großen Reise nützt eine gute Vorbereitung und das vorherige Wissen um „Land und Leute“ sowie die „Beschreibung der Route“ sehr viel, um dieses Abenteuer mit gutem Ausgang zu erleben.

Worum geht es der Natur denn überhaupt in der Pubertät? Muss diese Phase wirklich sein? Und wenn ja, warum?

Grob kann man diese Frage mit dem Themenkanon der Pubertät beantworten: „Wer bin ich?“ / „Was bedeutet Frausein. Mannsein. Sexuelle Orientierung. Partnerwahl für mich?“ „Was und wie bin ich für andere?“ Diese Fragen haben es in sich. Am Ende der pubertären Verwandlung vom Kind zum erwachsenen Menschen soll ein eigenverantwortliches und in der sozialen Gemeinschaft integriertes, ein fortpflanzungsfähiges und damit arterhaltendes Wesen stehen.

„Ohne Pubertät ist ein weiteres Leben nicht möglich“

Das Hauptziel ist die Formung der emotionalen Intelligenz, also Empathie, Beziehungsfähigkeit und Mitgefühl. Die Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen, gehört zu den zentralen Aufgaben des Umbauprozesses auf dem Weg zum „sozialen Gehirn“ (social brain). Das Gehirn ist nämlich primär nicht ein Denk- sondern ein Sozialorgan. Der Natur ist dabei diese Lebensphase, die auch vielfach als 2. Geburt bezeichnet wird, so wichtig, dass sie in der gesamten Menschheitsgeschichte trotz der Probleme, die sowohl Pubertierende wie auch ihre Eltern mit dieser Lebensphase verbinden, nie auch nur ansatzweise darauf verzichtet hat. Man kann also sagen: Ohne Pubertät ist ein weiteres Leben nicht möglich.

Wie und wo entsteht die Pubertät im Körper?

Die zentrale Rolle beim Einsetzen der Pubertät spielen die GnRH Neurone. Diese Nervenzellen setzen letztlich die Hormone frei, die dann über die Geschlechtshormone wesentlich zu den körperlichen und geistigen Veränderungen beitragen. Die GnRH Neurone im Gehirn gelten deshalb als Impulsgeber der Pubertät.

Die Eltern von heute kamen mit 13, 14 oder auch 15 Jahren in die Pubertät und werden von der Pubertät ihrer 10-Jährigen überrascht. Warum hat sich diese Entwicklung so verschoben?

Das hat viel mit verbesserter Gesundheitssituation, gesünderer Ernährung, aber auch mit Genetik zu tun. Ein Trigger für das Ansprechen der GnRH Neurone sind die vorhandenen Fettdepots, die als Energiereserven sozusagen den Proviant für die Reise bereitstellen. Bei den Mädchen sind sie außerdem eine ganz wichtige Basis für die ja nach Erlangung der Geschlechtsreife mögliche Schwangerschaft. Mutter und Kind wären sehr gefährdet, wenn diese Energiedepots nicht vorhanden wären. Daher ist das Einsetzen der Pubertät eng mit dem Leptin verbunden, einem Hormon, welches dem Gehirn vermittelt, wie viel Fettreserven vorhanden sind. Inzwischen ist aber der Tiefpunkt des Einsetzens der Pubertät erreicht, der früheste Zeitpunkt bei Mädchen liegt etwa bei 8, bei Jungen etwa bei 9 Jahren.

Warum hat die Pubertät so einen schlechten Ruf?

Weil sie mit Auseinandersetzung verbunden ist und das heißt auch Auseinandersetzung mit den eigenen Erfahrungen. Ein „eigenständig werden wollendes Wesen“ wächst heran, was für seine Lebensgrundlage eigene Grundsätze erarbeitet. Die Grundlage dafür, dass dies passieren kann, spiegelt das „Handwerkszeug“ der Pubertät wider: das Experimentieren, die Auseinandersetzung und die Provokation. Dies alles soll möglichst garantieren, dass die Erkenntnisse, die sich bewährt haben, erhalten bleiben, anderes hingegen, worüber es sich beispielsweise für uns als Eltern nicht lohnt sich auseinanderzusetzen, offenbar nicht so bedeutsam ist und verschwindet („use-it-or-loose it“-Prinzip). So kommen auch „überlebenswichtige“ Themen der Menschheit mindestens einmal, nämlich in der Pubertät, aufs Podium und haben die Chance, überdacht und neuen Bedingungen angepasst zu werden.

Sie bezeichnen das Gehirn der Jugendlichen als Baustelle. Wie kamen Sie zu diesem Bild? 

Überall im Gehirn finden Veränderungen statt im Sinne eines Um- und Abbaus, bis zu 20.000 Neuronen pro Sekunde. Neue Verknüpfungen entstehen, Dinge, die mal gekonnt wurden, werden plötzlich verändert oder sind zeitweilig nur noch schwer möglich. Denn der Prüfstand heißt: Es geht jetzt um mich, kann ICH damit etwas anfangen und brauche ICH es für MEIN weiteres Leben.

Wie können Eltern ihre Kinder jetzt unterstützen?

Indem Eltern möglichst viel Wissen an die Hand bekommen, was in der Pubertät passiert, warum sie sein muss und wie man Pubertierende führen und leiten, fördern und motivieren kann. Dabei werden im Buch auch Problempunkte benannt und Handlungsratschläge vermittelt. Zum Beispiel ganz konkret: mindestens ein Mal am Tag zusammen lachen. Das fördert die Oxytocinproduktion und damit die Bindung.

Und was sollten Eltern in dieser Zeit lieber vermeiden?

Zu viel und womöglich dauerhaft zu kritisieren. Jeden Tag soll man sich fragen: Was ist gut, wo ist mein Kind gut, wo kann ich loben und unterstützen? Es ist eine alte Regel, dass man das Negative nur dadurch „besiegt“, indem man das Positive stärkt!

Pubertät, so lesen wir, ist auch eine Chance. Wir wüssten gern, eine Chance wofür?

Es ist eine Chance für die Eltern, überkommene Strukturen zu überdenken, es ist eine Chance für die Pubertierenden, mit der nötigen Unterstützung zu eigenverantwortlich und sozial verträglich handelnden Wesen zu werden, die möglichst die besten Voraussetzungen mitbringen, sich in die Gesellschaft einzubringen und den Fortbestand zu garantieren. Und nicht zuletzt eine Chance für die Gesellschaft, mindestens einmal pro Generation wichtige Grundlagen unseres Zusammenlebens auf den Prüfstand zu stellen. Daher verläuft die Pubertät auch in jedem Kulturraum anders. bw // Foto: Randomhouse

Bernhard Stier, Katja Höhn:  Abenteuer Pubertät. Was sich die Natur dabei gedacht hat

Die Autoren  Katja Höhn und Bernhard Stier erklären deshalb, was sich die Natur dabei gedacht hat: wie die Hormone eingreifen, was im Gehirn so los ist und wie man Teenager in dieser Phase bei besonderen Herausforderungen unterstützt. Sie liefern keine Rezepte, sondern machen die Faszination der Pubertät nachvollziehbar und bieten mit dem Verständnis, was in dieser Lebensphase vor sich geht, einen Schlüssel zum besseren Umgang mit Pubertierenden.

Zu den Autoren:

Dr. med. Bernhard Stier ist erfahrener Facharzt für Kinderheilkunde und Jugendmedizin und hat sich auf Pubertät, Jugend- und Jungenmedizin spezialisiert. Er hält regelmäßig Vorträge und ist Herausgeber eines entsprechenden Lehrbuchs sowie Autor zahlreicher Publikationen zu diesen Themen. Seine Tochter, die Diplompsychologin Katja Höhn arbeitete u. a. am St. Agatha Krankenhaus Köln mit jungen Erwachsenen mit psychischen und psychosomatischen Beschwerden. Derzeit lässt sie sich zur Psychologischen Psychotherapeutin ausbilden.

Verlosung!

Gemeinsam mit Randomhouse verlost StadtLandKind ein Exemplar des spannenden Ratgebers für Eltern. Wer also zuhause die Pubertät hat und einen Reiseführer durch dieses spannende, unbekannte Land braucht, schreibt eine Nachricht an. gewinnspiel@stadtlandkind.info. Betreff: Pubertät. Es werden Einsendungen bis zum 30. Juni 2017 berücksichtigt.

*Teilnahmebedingungen: Teilnahme ab 18. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Mitarbeiter des Unternehmens dürfen nicht teilnehmen. Der/die Gewinner wird/werden per Los ermittelt. Der/die Gewinner wird/werden per Mail benachrichtigt. Dieses Gewinnspiel steht in keinem Zusammenhang mit Facebook oder anderen sozialen Netzwerken und wird in keiner Weise von Facebook gesponsert, unterstützt oder organisiert.

Die personenbezogenen Daten der Teilnehmer werden nur für die Durchführung des Gewinnspiels und der Preisauslieferung genutzt. Die personenbezogenen Daten werden nicht veröffentlicht und nicht an Dritte weitergegeben oder verbreitet.

 

 

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