Die unglaubliche Resonanz auf einen Text und der bittere Nachgeschmack

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Am Dienstagnachmittag vor drei Wochen habe ich ein Reh gemalt. Und war frustiert. Genervt von dem Hin- und Herhetzen zwischen dem eigenem Job, dem Haushalt und den Hausaufgaben der Kinder, die jeden Nachmittag dominieren. Am Dienstagabend vor drei Wochen habe ich das aufgeschrieben, als Blogbeitrag auf StadtLandKind. Das mit der Schule und den Hausaufgaben. Dass es manchmal einfach zu viel ist. Alles. Seit März 2014 schreiben wir – das sind Bettina Wolf,  federführende Redakteurin des StadtLandKind-Magazins und ich – in unregelmäßigen Abständen auf unserem Blog  über das, was uns in unserem Familienalltag bewegt. Die Resonanz ist unterschiedlich groß. Manchmal so mittel. Oft gering.
Am Mittwochmorgen vor drei Wochen haben wir den Text unter dem Titel „Was – verdammt nochmal  – läuft falsch in unserem Schulsystem“ auf der Facebookseite von StadtLandKind geteilt.

Drei Stunden später ist klar, dass diesmal etwas anders ist, als sonst. Die Resonanz ist schon innerhalb weniger Stunden unglaublich groß. 15 000 Leser am ersten Tag. 30 000 am Folgenden. An Tag drei liest SWR3 im Radio aus unserem Text. An Tag drei lesen auch auch knapp 43 000 Menschen diesen einen Artikel auf unserer Webseite. Danach wird es weniger. Montag ist alles vorbei – denken wir in der Redaktion. Montag spricht niemand mehr darüber, sind wir uns sicher. Ein Trugschluss.

Weit über 250 000 Mal ist der Beitrag inzwischen gelesen worden. In Deutschland, in Österreich und und der Schweiz. Mehrere tausend Male wurde der Text inzwischen bei Facebook geteilt. Wie oft genau, weiß niemand. Er hat sich verselbstständigt. Manchmal finden wir ihn wieder. Katia Saalfrank hat ihn beispielsweise auf ihrer Facebookseite verbreitet. Das war die mit der „stillen Treppe“ im Privatfernsehen, erinnern wir uns wage. Sie verknüpft unseren Text mit Werbung für ihr neues Buch. Auch die Seite „Wundersames Lernen“ teilt den Beitrag mit einem Hinweis auf die eigene Webseite. Geschenkt.
Die meisten Menschen verbreiten den Text uneigennützig. Einfach, weil er ihnen aus der Seele spricht. Allein von der Seite „Elternmorphose“ wird der Beitrag über 500 Mal geteilt. Und wir lesen tagelang Kommentare zum Text. Auf Facebook, aber vor allem auch auf unserer Webseite. Allein dort sind es inzwischen 240.

Manche Kommentare lesen sich so:
„Das hört sich für mich nach klassischem Kontrollzwang durch Helikoptereltern an. Das Leben nach der Schule wird auch kein Ringelpiez mit Anfassen. Es war noch nie anders. Mich nervt diese ewige Rummjammerei.“

„Oh mein Gott was für eine fürchterliche Jammerei…Du klingst fürchterlich überfordert und viel. schickst du deine Kinder auch in eine Schule die für deine Kinder nicht geeignet ist. Dann bist du selbst Schuld. Und dann noch zu jammern das du kochen, die Wäsche machen und putzen musst – kotzt mich an.“

„Vielleicht läuft auch gar nichts im Schulsystem falsch? Vielleicht läuft ja daheim was falsch. Vielleicht nicht erst seit der Einschulung, sondern lange davor?“

„Gewöhne dir doch mal das Helikoptersyndrom ab. Es geht auch ohne dein Generve.“

Aber die meiste Kommentare lesen sich ganz anders:
„Oh, wie finde ich uns in deinem Text wieder. Das gibt Kraft, wenn man weiß, dass man mit dieser Einstellung nicht allein da steht.“

„Ich gehöre zu diesen Müttern, die es nicht schaffen! Meine große Tochter (11) ist Legasthenikerin und derzeit in einer 6. Klasse der örtlichen Realschule. Leider kenne ich dieses Hamsterrad nur zu genüge. Kinder die nicht 100% ins System passen, fallen einfach durch.“

„Du sprichst mir aus der Seele….man versucht es allem und jeden halbwegs recht zu machen und bleibt selbst auf der Strecke…“

„Kinder mit Problematiken, Nichtstillsitzer, Meinungsäußerer…die sind alle krank! Krank gestempelt vom System. Passen nicht rein. Dabei finde ich es toll, was solche Kinder für Ideen haben, was für unglaublich positive Seiten sie haben. Aber die Gesellschaft will das nicht sehen. Denn was nicht passt, wird einfach passend gemacht.“

„Genau so hätte ich es auch schreiben können. Genau so und nicht anders, oder gar noch schlimmer…. denn leider kommt mein großer mit diesem verkackten, familienzerstörenden weil nicht auf Anhieb kapierend, hoffnungslos überfordernden Schulsystem klar. Bald kann ich nicht mehr. Ich krieg nen Burnout. Nicht wegen meinem Job, nicht wegen irgendwelcher Probleme, nein, wegen der scheiß Hausaufgaben!“

„Toller Text. Endlich sagt jemand das, was in uns allen vorgeht, aber sich die meisten nicht zu sagen trauen, um nicht als Versager dazustehen.“

„Wahre Worte! Aus der Seele geschrieben!“

Diese Liste an Kommentaren ließe sich endlos weiterführen. Und es kommen täglich neue dazu. Nun sollten wir aus der StadtLandKind-Redaktion stolz sein, oder? Dass einer unserer Texte so viel Resonanz bekommt. Wir sollten uns freuen darüber, dass einer unserer Artikel eine viertel Million Mal gelesen wurde und weiterhin gelesen wird. Jeden Tag. Und nach wie vor kommentiert und diskutiert wird. Jeden Tag. Am Anfang waren wir das auch. Ein bisschen stolz, ein bisschen fassungslos und als der Server kurzzeitig zusammenbrach, auch ein bisschen hysterisch.

Inzwischen kommt aber eine Erkenntnis dazu. Die Erkenntnis, dass dieser Beitrag einen ganz empfindlichen Nerv getroffen hat. Die Erkenntnis, dass unzählige Mütter und Väter das Gefühl tiefer Hilflosigkeit über ein Schulsystem teilen, in dem zahlreiche Kinder ohne elterliche Unterstützung auf der Strecke bleiben. Die Erkenntnis, dass unzählige Eltern damit restlos überfordert sind. Die Erkenntnis, dass dieser Text, entstanden aus einer ganz persönlichen Frustration, eben keine ganz persönliche Geschichte wiederspiegelt sondern den Alltag in vielen ganz normalen Familien. Die Erkenntnis, dass wir tatsächlich ein gewaltiges Problem mit unserem Schulsystem haben.
Und darüber können wir uns nicht freuen. Und deshalb hinterlässt der Erfolg dieses Textes einen ganz bitteren Nachgeschmack.

Text: Sarah Hinney (shy)

Hier geht es zum ursprünglichen Text:

http://www.stadtlandkind.info/was-verdammt-noch-mal-laeuft-falsch-in-unserem-system/

 

 

2 Kommentare zu “Die unglaubliche Resonanz auf einen Text und der bittere Nachgeschmack

  1. Tina

    Ich will es hinausschrufen, nein schreien! Nein! Wir Eltern sind nicht hilflos! Und unsere Kinder sind junge Menschen mit Rechten! Sie haben ein Recht darauf zu sagen: Nein! Nein ich will nicht in die Schule! Denn Kinder/Menschen lernen immer, solange dass freiwillig, selbstbestimmt, ohne Druck passieren darf! Sie haben ein Recht auf Gewaltfreiheit und nach der Menschenwürde auch auf selbstbestimmtes lernen. Ob das in einer freien demokratischen schule ist oder ganz ohne. Auf die Haltung zum Mendschen kommt es an <3 #unschooling #freilernen

  2. Basti Sunshine

    Oh ja, das kann ich noch gut erinnern und ich gehöre zu den alleinerziehenden Müttern, die das nicht geschafft haben. ich habe eine Trigeminusnerv- Verletzung, die mir von Aufwachen bis zum Schlafengehen starke Schmerzen bereitet und ein normales Leben unmöglich macht. Ich hatte nicht die Kraft, das Alles unter einen Hut zu bringen und dementsprechend ständig Ärger mit Lehrern. Besonders mit einer in der Grundschule, die Realschul-Verhalten verlangt hat. Eine richtig blöde Zicke. Sie hat auch dafür gesorgt, das mein Sohn Mobbing-Opfer wurde, was sich dann durch seine ganze Schullaufbahn gezogen hat und auch noch auf seine kleine Schwester übertragen wurde. Jetzt sind sie alle drei groß und Schule ist beendet aber ich werde es der Schule nie verzeihen, wie sehr sie meinen Kindern die Kindheit versaut hat und uns ein harmonisches Familienleben. Ich habe übrigens oft die Hausaufgaben für meine Kinder gemacht oder etwas gemalt. Die 1 die dann für die gemachte Hausaufgabe kam, hat aber nicht glücklich gemacht aber sie durch die Schule gebracht, dass sie mit einem mittelmäßigen Zeugnis da raus sind. Kräht eh kein Hahn mehr nach. Aber die traurige, stressige Erinnerung ist geblieben…..

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