„Diese Kinder haben einen Blick – der ist furchtbar“

Über 4000 Kinder werden jedes Jahr in Deutschland misshandelt, weit mehr als 100 Kinder sterben an den Folgen. Das Problem geht uns alle an. 

Der Sechsjährige erzählt: „Der XY sagt, seine Mutter schlägt und tritt ihn.“ Was tun? An wen wenden? Das Jugendamt zu informieren, erscheint gewagt. Was, wenn der Junge sich nur wichtigmachen will und das alles gar nicht stimmt? Mit der Mutter reden? Lieber abwarten? Es geht uns doch auch eigentlich nichts an. Falsch. Es geht uns alle an. Und es gibt auch neben dem Jugendamt eine Stelle, an die sich in solchen Situationen jeder wenden kann, auch beim leisesten Verdacht – die Klinisch-Forensische Ambulanz der Rechtsmedizin der Universitätsklinik Heidelberg. 24 Stunden am Tag, sieben Tage in der Woche sind hier Ärzte erreichbar. Die Rechtsmedizin ist nämlich nicht nur zuständig, wenn es darum geht, ungeklärte Todesursachen zu untersuchen oder Unfallgeschehen zu rekonstruieren, sie ist auch zuständig, wenn Menschen Opfer von Gewalt werden. Sie erstellen Verletzungsdokumentationen und sichern Spuren. Auch bei Kindern, die Gewalt erfahren haben. Manchen Kindern sichert es das Überleben.

Prof. Dr. Kathrin Yen, ist die ärztliche Direktorin des Instituts für Rechtsmedizin und Verkehrsmedizin. 100 mutmaßlich misshandelte Kinder wurden ihrem  Institut im vergangenen Jahr gemeldet. Nicht alle davon sind „ganz schwere“ Fälle. Aber: „Wir haben jedes Jahr mehrere Kinder mit schwersten körperlichen Misshandlungen. Misshandlungen, bei denen klar ist, wenn sich nicht sofort etwas entschieden ändert, dann ist das Kind beim nächsten Mal tot.“ Jeden Tag werden in Deutschland Kinder misshandelt. Zwei bis drei Kinder pro Woche sterben an den Folgen. Bekannt ist das seit Jahrzehnten. „Einen ganzen Sitzungstag widmete die Deutsche Gesellschaft  für Kinderheilkunde auf ihrer 64. Jahrestagung in Berlin dem Thema Kindesmisshandlung. Die 1500 in der Berliner Kongresshalle versammelten Kinderärzte und Psychologen vermochten kaum über Abhilfe-Maßnahmen zu diskutieren. Sie sind erst dabei, die erschreckenden Dimensionen elterlicher Grausamkeit auszuloten: Jährlich werden in Deutschland mehr als 90 Kinder von ihren Eltern zu Tode gefoltert.“ Dieser Absatz stammt aus einem Artikel des Magazins „der Spiegel“, erschienen im Jahr 1966. 2016 – 50 Jahre später wurden in Deutschland 133 Kinder getötet. 100 von ihnen waren unter sechs Jahre alt. In 78 Fällen blieb es bei der versuchten Tötung des Kindes. Versuche, die oft damit enden, dass die Kinder ihr Leben lang schwer geschädigt sind. Häufig, weil sie als Baby geschüttelt wurden, dabei das Gehirn Schaden genommen hat. Die Kinder erblinden, leiden unter Krämpfen. Ihr Leben lang, wenn sie überleben.

„Kinderschutz ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe“

In der polizeilichen Kriminalstatistik sind im vergangenen Jahr 4237 Kindesmisshandlungen erfasst. Niemand weiß, wie hoch die tatsächliche Zahl der Opfer ist. Kinder werden von ihren Eltern nicht nur geschüttelt, sie werden gequält, gefoltert und gebissen, ihnen werden Brandwunden zugefügt und sie werden so heftig geschlagen, dass ihre Knochen brechen. Es sind Dinge, die möchte man nicht lesen, man möchte nicht darüber schreiben, man möchte sie gar nicht wissen. Es sind Dinge, die den Reflex auslösen, sich selber mit der Vorstellung zu beruhigen, das gäbe es im eigenen sozialen Umfeld nicht. Aber das stimmt nicht. Kindesmisshandlung kommt überall vor. Dennoch ist es zu kurz gesprungen, anhand der Zahlen den Rückschluss zu ziehen, dass sich zwischen 1966 und heute nichts getan hat, um das Leid dieser Kinder zu verhindern oder es sich gar verschlimmert hat. Das hat es nicht, es hat sich vieles verbessert. Prof. Dr. Kathrin Yen weiß um die Fortschritte, die im Kampf um dieses düstere Kapitel von gesellschaftlicher Gewalt erzielt wurden, sie macht aber gleichzeitig keinen Hehl daraus, dass noch viel Luft nach oben ist. Voraussetzung ist, dass die Rechtsmedizin eingeschaltet wird. Meist tun das Ärzte aus den umliegenden Kliniken. Wenn Eltern ein versehrtes Kind ins Krankenhaus bringen und der Unfall, von dem die Eltern berichten, so gar nicht zur Verletzung passt. „Dann kommen wir dazu“, erklärt Yen. „Und in fast allen Fällen ist die Ahnung der Ärzte gerechtfertigt.“ Da finden die Rechtsmediziner bei kleinsten Kindern nicht nur den aktuellen Knochenbruch, der angeblich beim Sturz vom Wickeltisch entstanden ist, da finden sie noch sieben weitere Brüche, die alle nie behandelt wurden und inzwischen wieder irgendwie zusammengewachsen sind. Unvorstellbar? „Diese Kinder hören auf zu schreien. Sie haben gelernt, dass Schreien nichts nützt“, sagt Prof. Dr. Yen. Sie ist eine zierliche Person, sehr professionell, sie strahlt Ruhe aus, beinahe Gelassenheit. Aber als sie diesen Satz sagt, kann sie den Schmerz, den solche Fälle bei ihr auslösen, nicht ganz verbergen.

Aber wie kann es sein, dass niemand bemerkt, wenn ein Kind über Jahre gequält und gefoltert wird? „Zum einen ist es so, dass es sich bei den Opfern oft um sehr kleine Kinder handelt, die noch nicht im Kindergarten sind oder in der Kita“, sagt Yen. Und dann seien Eltern auch sehr geschickt darin, die Misshandlungen zu verbergen. Die Ärztin berichtet von einem Fall, bei dem eine Mutter ihr Kind systematisch über Jahre gequält hat, indem sie es immer wieder verletzt oder „krank“ gemacht hatte und dann mit ihm in die Klinik kam. Die Mutter leidet unter dem Münchhausen-by-proxy-Syndrom, eine psychische Störung, bei der gesunde Menschen bei anderen Menschen Krankheiten vortäuschen oder selber herbeiführen. Es hat sehr lange gedauert, bis endlich auffiel, warum das Kind ständig „etwas hatte“. Damals war es schon sechs. Man würde nun gern schreiben, dass diese Geschichte gut ausgegangen ist. Aber so war es nicht. „Als die Sache herauskam, hat sich die Mutter mit dem Kind ins Ausland abgesetzt“, sagt Prof. Dr. Yen. Es ist wieder einer dieser Momente, in denen die Ärztin einen Augenblick ergriffen ist, eine Sekunde zu lange die Augen schließt. Niemanden lässt ein solches Schicksal kalt, da hilft auch die tägliche Routine nicht. Yen hat sich schnell wieder gefasst, betont die positiven Entwicklungen. Die Ärzte in den Krankenhäusern werden geschult, viele Kinderärzte auch. Es gibt Fortbildungen für Lehrer „Eine heftige Ohrfeige sieht man nämlich nicht immer nur auf der Wange, die äußert sich mit einem blauen Fleck hinter dem Ohr. Wenn Lehrer das wissen, können sie bei einem Verdacht unauffällig mal hinters Ohr schauen.“

Mit der Klinisch-Forensischen Ambulanz ist ein niederschwelliges Angebot für Opfer von Gewalt geschaffen. Auch das ist ein wesentlicher Schritt. Und: „Die Sensibilität ist insgesamt gestiegen. Die Menschen sind aufmerksamer geworden.“ Auch die Zusammenarbeit mit den Jugendämtern habe sich verbessert. Trotzdem: „Es kommt immer wieder vor, dass wir Gutachten erstellen, die ganz klar zeigen, dass das Kind massiv misshandelt wird und trotzdem bagatellisiert das Jugendamt das. Das Kind kommt in die Familie zurück, wird weiter misshandelt und wir haben es dann Monate später wieder hier zur Untersuchung. Das verstehe ich nicht“, sagt Prof. Dr. Yen.

„Menschen neigen zu Gewalt, auch gegen ihre Kinder“

Um zu verstehen, wie so etwas geschehen kann, muss man auch die Aufgabe und die Arbeit der Jugendämter begreifen. Denn während die Rechtsmedizin mit Fakten arbeitet, also mit konkreten Verletzungen, Analysen und Gutachten, arbeitet das Jugendamt mit den betroffenen Menschen – den Eltern und den Kindern. Umso wichtiger ist es, dass beide Institutionen eng zusammenarbeiten. Seit Juli 2017 gibt es deshalb eine Kooperation zwischen der Klinisch-Forensischen Ambulanz in Heidelberg und dem Jugendamt des Kreises Bergstraße. Der Leiter des Jugendamtes, Kai Kuhnert, hat das vorangetrieben. Für Prof. Dr. Yen ist es ein Glücksfall. Kuhnert hat Erfahrung auf dem Gebiet. Er war mehrere Jahre in Thüringen tätig und hat dort mit anderen eine Kinderschutzambulanz in Jena aufgebaut. „Im Vergleich dazu steht Heidelberg noch am Anfang“, sagt Kuhnert. Er würde die Zusammenarbeit gerne für ganz Südhessen ausbauen. Während die Jugendamt-Mitarbeiter im Allgemeinen Sozialen Dienst vor der Kooperation „nach eigenem Ermessen“ handelten, wenn der Verdacht auf Kindesmisshandlung im Raum stand, haben sie mit der Heidelberger Ambulanz jetzt einen konkreten Ansprechpartner. „Das gibt den Mitarbeitern mehr Rechtssicherheit, denn die  Gutachten der Rechtsmedizin sind auch vor Gericht verwertbar. Andererseits schafft es auch Entlastung für die Eltern, wenn sich ein Verdacht als unbegründet erweist“, erläutert Kuhnert zwei wesentliche Aspekte.

Auch Kuhnert ist der festen Überzeugung, dass in den vergangenen Jahren in Sachen Kinderschutz viel in Bewegung gekommen ist. Er betont aber: „Kinder zu schützen, ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Dazu gehört es auch, dass Menschen sich an die entsprechenden Institutionen wenden, wenn sie Gefahr für ein Kind vermuten. Das hat nichts mit Anschwärzen zu tun.“ Der Jugendamtsleiter warnt außerdem davor, Eltern sofort die Verantwortung zu entziehen. „Die Inobhutname von Kindern steigt.“ In vielen Fällen mag das richtig sein. „Aber die Jugendämter haben zunächst die Aufgabe, mit den Eltern gemeinsam eine Lösung zu finden, wenn eine Gefährdungssituation festgestellt wurde“, sagt Kuhnert. „Die meisten Eltern misshandeln ihre Kinder nicht, weil es ihnen Spaß macht, sondern weil sie in einer Überforderungssituation sind. Da müssen wir helfen und in vielen Fällen gelingt das auch. Das ist das Schöne an unserer Arbeit.“  Dass die Rechtsmediziner das mitunter anders sehen, dafür hat er Verständnis. „Aber wir haben einfach unterschiedliche Aufgaben.“ Das Jugendamt hat die menschliche, die Rechtsmedizin die pragmatische. Prof. Dr. Yen nennt ein Beispiel für eine pragmatische Lösung, die Leben retten kann: „In Hamburg gab es vor einigen Jahren mehrere tote Kinder und dort hat man reagiert. Sämtliche Kinder, die mit Verletzungen in die Klinik kommen, werden dort inzwischen von der Rechtsmedizin untersucht. Das würde ich mir auch wünschen.“ Yen ist froh, dass es in ihrem Einzugsgebiet Nordbaden in den vergangenen Jahren keinen Todesfall gab, aber sie weiß auch, dass das jederzeit passieren kann. „Wir können viel tun durch Prävention, durch Aufklärung, aber wir dürfen uns nicht vormachen, dass wir das Problem ganz lösen werden. Die Zahlen sind immer gleich. Die Menschen sind immer gleich. Menschen neigen zur Gewalt. Auch gegen ihre Kinder.“

Trotzdem gibt die Ärztin nicht auf. Sie will die Forensische Ambulanz in Zukunft weiter in Richtung Kindergewaltambulanz ausbauen, und sie ermuntert sämtliche Jugendämter zur Kooperation: „Mir liegt dieses Thema einfach unheimlich am Herzen. Wir werden lieber zehn Mal zu viel, als einmal zu wenig gerufen.“

sh

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