Eva hat Krebs

 „Musst Du schon gehen?“ Sehr müde und sehr freundlich blickt Eva zu uns auf. Die Sonne blendet sie, es ist ein heißer Junitag. Ihre Wimpern zittern leicht, wie Schmetterlinge, mühsam hält sie die Augen geöffnet. „Wir sehen uns bald wieder“,  versprechen wir. Eva ist einverstanden. Sie möchte nach Hause. Schlafen.  Wir möchten eigentlich noch bleiben, uns noch nicht verabschieden, den Zeitpunkt hinauszögern, an dem wir ins Auto steigen, in die Redaktion fahren und Evas Geschichte aufschreiben müssen. Aber Eva muss sich ausruhen.

„Magst Du Frösche?“ Als wir uns – früher am Tag – unter einem großen, schattigen Baum mit Eva und ihren Eltern getroffen haben, war es noch nicht so heiß. Eva ist noch munter. Sie möchte uns die Frösche im Teich zeigen. Das ist ihr Lieblingsplatz im Botanischen Garten. Eva kommt hier jeden Tag vorbei, auf dem Weg von der angemieteten Wohnung auf dem Campus hin zur Kinderklinik. Zur Bestrahlung auf der Krebsstation. Eva hat Krebs. Einen überaus aggressiven Tumor im Gehirn.  Der Tumor ist mit ihrem Gehirn verwachsen und kann nicht weiter entfernt werden.

Aber erst einmal zurück zum Teich und den Fröschen und in den Botanischen Garten. Und zurück zu Anna. Anna ist Evas Mutter. Heute, bevor wir uns treffen, stand ein schwerer Gang auf dem Terminkalender. Evas Haare mussten abgeschnitten werden. Und Anna hat sich ihre aus Solidarität ebenfalls abschneiden lassen. „Eva hat sich immer Haare wie Rapunzel gewünscht“, erzählt uns die junge Mutter. „Aber es ging nicht mehr. Die Haare sind ihr durch die Therapie büschelweise ausgefallen.“

„Ihr seht richtig toll aus“

„Ihr seht beide richtig toll aus“, versuchen wir das Thema aufzugreifen. Eva schaut uns schweigend an. Was soll das? Den Kommentar hätten wir uns sparen können. Dabei könnte Eva an diesem heißen Morgen nicht hübscher aussehen. Ihre zarte Freundlichkeit überstrahlt alles. Fröhlich lacht sie plötzlich auf. Eva fängt , mit ihrem kleinen gelben Rollstuhl Pokémons. Gerade hat sich ein Pikachu auf ihrer Schulter niedergelassen. „Der Rollstuhl ist eine große Hilfe“, erzählt Anna. Bevor wir ihn geliehen bekommen haben, musste einer von uns Eva tragen. Mein Mann kann das, aber für mich ist Eva viel zu schwer.“ Während wir durch den Garten schlendern, auf der Suche nach Pokémons und nach Schatten, erzählt uns Anna, wie alles begann.

„Bis vor vier Monaten war Eva ein ganz normales, fröhliches und gesundes Schulkind“, erzählt Anna, die eigentlich mit ihrer Familie in der Nähe von Köln lebt. „Eva geht in die zweite Klasse, hat viele Freundinnen und war nie, wirklich nie krank. Nicht mal eine Erkältung hatte sie.“ Im Februar 2017 klagte Eva plötzlich über starke Nackenschmerzen. So stark, dass die Eltern zum Arzt gingen. Der konnte nichts feststellen und schickte die Familie – obwohl Eva inzwischen erste Lähmungserscheinungen der linken Körperhälfte zeigte, nach Hause. Zwei Tage später fuhren die ratlosen Eltern ins Kölner Uniklinikum und hier wurde sofort ein MRT gemacht. Vier Stunden mussten die Eltern auf die Diagnose warten: Im Kopf der Siebenjährigen wuchs ein Tumor, der bereits so groß war, wie ein Tischtennisball. Und zwar exakt in der Mitte des Gehirns.

„Ich hatte das Gefühl,  ins Bodenlose zu fallen.“

„Fünf Tage war unser Kind krank und dann hatten wir einen Gehirntumor“, fasst Anna lakonisch zusammen. Sie selbst hat die Diagnose erst einmal wie unter Watte, wie unter Wasser wahrgenommen. „Es war komplett unrealistisch.“ Schnell versuchte sie sich mit praktischen Dingen abzulenken. „Der Alltag musste neu organisiert werden, damit habe ich mich erst einmal beschäftigt“. Der Zusammenbruch kam erst Wochen später, als Anna im stationär im Krankenhaus war und die Eltern abwechselnd bei ihr blieben. „In den Nächten, die ich allein bei uns zuhause war, waren wie ein Alptraum. Ein Alptraum, der nicht vorbeigeht. Ich konnte nicht aufhören zu weinen. Ich hatte das Gefühl,  ins Bodenlose zu fallen.“

Dann wurde Eva operiert. Acht Stunden lang, am offenen Gehirn. „Vom Tumor wurde nur so viel wie irgendwie nötig entfernt“, erzählt Anna. „Diese eine Sache wusste ich von Anfang an: mein Kind soll trotz allem noch mein Kind sein, das wieder laufen kann und reden und lachen. Hätten ihr die Ärzte mehr vom Tumor wegoperiert, wäre das Stammhirn unwiederbringlich zerstört worden. Und was wäre das für ein Leben?“

„Nach der Operation wachte Eva auf und hatte einen Bärenhunger. Wir waren so erleichtert.“ Die Erleichterung hielt nicht lange an, Gewebeproben hatten die Diagnose „Glioma“ ergeben. Bösartiger, aggressiver kann ein Tumor kaum sein.  Und da auch nur ein kleiner Teil des Tumors hatte entfernt werden können, würde Eva um eine Chemotherapie und Bestrahlung nicht herumkommen.

„Wir haben uns intensiv mit dem Thema beschäftigt und haben von der Protonentherapie erfahren, die unter anderem in Heidelberg, im Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen durchgeführt wird. Die Protonentherapie zerstört den Tumor, aber wirklich nur den Tumor. Keine Organe, kein Gewebe. Die einzigen Nebenwirkungen sind der Haarausfall und die große Müdigkeit.“

Zusätzlich zur Bestrahlung wurde eine Chemotherapie angesetzt, in Tablettenform. „Eva schluckt die Tabletten ohne Theater. Auch die Blutabnahme macht sich tapfer mit. Sie ist so unglaublich tapfer.“

Jeden Morgen werden Evas Blutwerte untersucht, auch abends kommt der Arzt vorbei. An diesem heißen Junitag hatten die Ärzte – völlig überraschend – die Chemotherapie ausgesetzt. Evas Blutwerte seien zu schlecht. Nur noch zwei Wochen wolle man Eva in Heidelberg beobachten, dann könne die Familie erst einmal zurück nach Hause, nach Köln. Und Eva müsse nur noch Antibiotika nehmen. Was für eine Erleichterung …

Während wir noch an unserem Artikel sitzen, meldet sich Anna bei uns. „Eva geht es so schlecht, dass sie wieder ins Krankenhaus mussten. Stationär. Die Ärzte gehen von einer Schwellung im Gehirn aus …“

Liebe Eva, wir denken an dich. Du bist tapfer und stark. Du schaffst das!

Mehr zu Eva und ihrer Familie unter: the-anna-diaries.de und unter facebook.com/TheAnnaDiaries

Übrigens …

Da beide Eltern mit Eva in Heidelberg sind, mussten beide ihre regulären Arbeitsstellen kündigen/bzw. wurden wegen langer Abwesenheit gekündigt. Zu den Sorgen um Eva kommen große finanzielle Sorgen … Deshalb, an alle netten Einzelhändler da draußen: Zurzeit verträgt Eva nur Babynahrung. Am liebsten isst sie Obstbrei. Wir holen die Spenden gerne an und bringen sie ins Krankenhaus nach Heidelberg.

Text und Fotos: Bettina Wolf, Foto Krankenhaus: Mark Pyzalski

 

Eine Antwort hinterlassen:

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.