Fishdom, Homescapes und Co. – maximaler Suchtfaktor

In vielen Familien ist das Thema ein Dauerbrenner: Zocken. Wie lange, wie oft, was darf überhaupt gespielt werden. Theoretisch müssten wir Eltern uns mit jedem Spiel auseinandersetzen, aber wer tut das schon.  

Homescapes, Gardenscapes, Fishdom – die quietschbunten Handyspiele haben bei vielen Kindern gerade Hochkonjunktur. Auf den ersten Blick sind sie entzückend harmlos. Das Prinzip ist immer gleich. Ziel ist es, ein Haus, einen Garten oder ein Aquarium einzurichten. Um die Gegenstände, die man dafür benötigt, zu erhalten, muss man Geschicklichkeitsspiele bewältigen. Die Apps sind kostenlos.  Aber sind diese Spiele wirklich so harmlos?
Für StadtLandKind habe ich den Test gemacht und eine Woche lang jeden Tag Fishdom gespielt, teilweise zwei Stunden am Stück. Das Ergebnis hat mich mindestens überrascht, fast schon erschreckt. Hinter der niedlichen Fassade verbergen sich Spiele mit maximalem Suchtfaktor. Viele Handyspiele funktionieren mit ähnlichen Prinzipien, ich möchte anhand dieses Beispiels zeigen, warum es sich lohnt, bei jedem Spiel und sieht es noch so freundlich-harmlos aus, genauer hinzuschauen.


Süß nicht wahr? Diese putzigen Fischlein begrüßen den Fishdom-Spieler. Das Spiel ist kinderleicht zu bedienen, das Spielprinzip wird von den Fischen in lustigen Sprechblasen erklärt, die Funktionen sind einfach, die ist Grafik schön. Besonders nett ist, dass die Fische richtige kleine Persönlichkeiten sind. Ich bin spontan im Glück.

Tag 1. Ziel ist es, das Aquarium mit weiteren Fischen zu bestücken, mit Dekoration und Pflanzen einzurichten und weitere Aquarien freizuschalten. Allerlei nette Dinge gibt es im Einkaufswagen. Echtes Geld braucht man dafür nicht. Nur virtuelle Goldmünzen und die muss man sich verdienen. Los gehts.

Goldmünzen gibt es für die Bewältigung von Leveln. Im Grunde sind das kleine Geschicklichkeitsspiele. Es geht darum, mindestens drei gleich Symbole durch Verschieben nebeneinander anzuordnen und damit bestimmte Spielsteine freizulegen. Ich gebs gleich zu: Das macht Spaß. Aber so richtig.  Vor allem am Anfang, da ist das nämlich noch sehr einfach. Ruckzuck  bis ich voll im Zockfieber, lasse virtuelle Seesterne und Perlen expoldieren, sammeln Goldmünzen und lila Diamanten. Nach jedem Level gibt es Lob von den Fischlein. Die vermehren sich rasend, denn für die erspielten Goldmünzen kaufe ich fleißig ein. Ruckzuck ist eine Stunde um. Ich könnte ewig weitermachen.

Die erste Ernüchterung kommt an Tag 2. Die Spiellevel werden nämlich schwieriger. Die Züge, die man pro Level machen darf, sind begrenzt. Ich scheitere. Nicht einmal, fünfmal. Und auf einmal poppt die Meldung auf: Leider keine Leben mehr. Dazu schaut mich ein Fisch ganz traurig an. Und auch ein bisschen vorwurfsvoll. Es tut mir leid.
Das nächste Leben gibt es erst in 20 Minuten. Wie bitte? Ich bin im maximalen Spielrausch und soll warten?  Nein. Ich  kann auch um Leben bitten. Via Facebook zum Beispiel. Zwei, drei Klicks, alle meine Facebookfreunde einladen, so leicht geht das. Vergesst es!

Option zwei: Leben kaufen. Nicht mit echtem Geld natürlich. Ist ja alles kostenlos. Man braucht nur eine bestimmte Anzahl von lila Diamanten, die hat man im Laufe des Spiels ja schon gesammelt. Aber ups, es sind nicht genügend da zum Weiterspielen. Macht nichts. Meine Fischlein haben noch einen Tipp. Ich kann welche kaufen. Mit echtem Geld. Aha! So viel zum Thema kostenlos. Nichts da, ich warte 20 Minuten auf ein neues Leben, scheitere dann erneut beim selben Level und muss wieder warten, oder Geld ausgeben. Kurzzeitig möchte ich am liebsten Fischstäbchen aus meinen neuen Freunden machen.

Tag 3 erwartet mich mit fünf neuen Leben, allerlei Bonuns-Krempel, Sternchen, Münzen und viel Hurra von meinen schuppigen Kameraden. Da hab ich sie natürlich gleich wieder sehr lieb. Und es läuft wie am Schnürchen. Ich rocke ein Level nach dem anderen, kassieren Münzen ohne Ende, richte das Aquarium weiter ein. Zwei Stunden vergehen wie im Flug, bis ich erneut an einem Level scheitere. ZWEI STUNDEN? Richtig. Die Zeit rast, erst recht, wenns läuft.

Tag 4 und 5 vergehen ähnlich. Ich freue mich inzwischen auf meine abendliche Spielerei. Aber am Ende ist es immer so: Irgendwann scheitere ich an einem Level und komme partout nicht weiter. Am nächsten Tag läuft es plötzlich wie geschmiert. Zufall ist das sicherlich nicht.
An Tag 6 mache ich den Test. Ich kaufe Diamanten, mit barem Geld, beziehungsweise per Fingerabdruck im App-Store. Knapp über 5 Euro investiere ich, dafür gibt es neue Leben und einen Super-Booster, der mir hilft, das Level zu meistern. Dafür scheitere ich am nächsten Level. Die 5 Euro haben mir zehn zusätzliche Spielminuten gebracht. Mehr nicht. Frust pur.
Aber man könnte ja noch mal für 5 Euro …. OKAY SCHLUSS!

Ich beende das Spielexperiment, sonst sitze ich nämlich in sechs Monaten noch vor meinem virtuellen Aquarium. Tatsache ist, ich bin nicht sonderlich spielbegeistert. Ich war es auch noch nie.
Ich bin erwachsen, ich reflektiere, was ein solchen Spiel mit meinem Hirn anstellt, Botenstoffe ausschüttet, mein Belohnungsystem aktiviert. Obwohl ich das weiß, packt mich das Spielverlangen umfassend. Es fällt maximal schwer, aufzuhören, nur noch fünf Minuten, das erlebe ich jeden Abend – adieu Verstand.

Das Spiel wird aber normalerweise nicht von Erwachsenen gespielt, sondern von Kindern. Kindern, deren Gehirn sich im Wachstum befindet und verändert. Man kann nun argumetieren, dass Spiele wie Fishdome auch dabei helfen können zu lernen, mit Frustration umzugehen. Nämlich dann, wenns nicht mehr weitergeht.
Zunächst aber lösen diese Spiele suchtartiges Verlangen aus. Das Verlangen nach einem immer neuen Erfolgserlebnis. Einem immer neuen Kick. Ich halte es für grundlegend falsch, ein Kinderhirn auf eben diesen Kick zu trainieren. Das reale Leben besteht nicht aus sich ständig steigernden Erfolgserlebnissen. Im realen Leben purzeln einem keine Goldmünzen in den Schoß und je länger sich Kinder im virtuellen Leben aufhalten, umso langweiliger muss ihnen das echte erscheinen. Das ist gefährlich.

Ich glaube nicht, dass man Kindern das Spielen solcher Spiele grundsätzlich verbieten sollte. Im Zweifelsfall tun sie es dann heimlich. Aber ich bin nach meinem Experiment noch einmal mehr der Überzeugung, dass wir als Eltern die Spielzeiten von Kindern unbedingt auf ein gesundes Maß beschränken müssen. Es ist zwingend notwendig, dass wir Eltern unsere Verantwortung ernst nehmen und ganz genau hinsehen, was unsere Kinder spielen. Es ist unsere Pflicht, mit den Kindern im Gespräch zu bleiben, sie nach ihren Gefühlen beim Spielen fragen, nach der Wut, die sie empfinden, wenn sie aufhören müssen oder scheitern, nach dem Hochgefühl, wenn sie erfolgreich sind.
Und es ist auch unsere Pflicht, als Eltern einzugreifen, wenn wir den Eindruck haben, dass ein Spiel zu viel Besitz von unseren Kindern nimmt und es zu löschen. Ja, sie hassen uns dann kurz. Aber Eltern sein, heißt auch, genau das auszuhalten.

PS: Ich hab die Fishdom-App noch nicht gelöscht. Ich machs aber. Ganz bald. Nur heute Abend noch mal. Und nur fünf Minuten….

Bilder: Screenshots Fishdom Playrix Entertainment

8. Dezember 2017

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