Für den freien Draht in die Heimat

Freifunker Wer sich mit seinem Smartphone einer der Weinheimer Flüchtlingsunterkünfte nähert, dem vibriert das Handy in der Hose. Das Gerät verbindet sich automatisch und fast unbemerkt mit einem frei zugänglichen W-LAN-Netz. Einfach so, ohne weitere Befehle und Codes; nicht einmal ein Passwort ist erforderlich. „Freifunk“, so heißt das Zauberwort. An den ersten vier von fünf Standorten, die der Rhein-Neckar-Kreis als vorläufige Unterkünfte in Weinheim eingerichtet hat, wurde mittlerweile ein solches Freifunk-Netz eingerichtet. Es ist für die geflüchteten Menschen der einzige Weg, über Soziale Medien und Mailprogramme unkompliziert und ohne Gebühren Kontakt zur alten Heimat aufzunehmen. Mit Internet und einem schnellen Anschluss wird die Welt zum virtuellen Dorf. Für viele Flüchtlinge ist das lebenswichtig, wenn die reale Welt ganz anders aussieht: Bedrohlich und kriegerisch.

 

So wie am „GUPS“-Hotel funktioniert das Freifunk-Netz auch in der Lützelsachsener Winzerhalle und sogar im abgelegenen früheren Diesbach-Druckhaus. Dafür hat in erster Linie der junge Weinheimer Informatik-Student Ben Oswald gesorgt, der Vorsitzender des Vereins „Freifunk Rhein-Neckar“ ist. Oswald hat im Weinheimer Rathaus einen kreativen Partner gefunden: Thomas Fischer, der in der Stadtverwaltung unter andere für Telefonie und Soziale Medien zuständig ist.

 

Fischer wurde von Oberbürgermeister Heiner Bernhard damit beauftragt, sich um eine W-LAN-Verbindung in den Unterkünften zu kümmern. Nach einer kurzen Recherche stieß er mit Hilfe von Anja Rettig, die Mitarbeiterin der Stabsstelle Integration ist, auf Ben Oswald und seine „Freifunker“. Durch einen persönlichen Kontakt eines Helfers aus der Lützelsachsener Winzerhalle war der Internet-Freigeist dort bekannt.

Ben Oswald ist ein Kind der „Generation Internet“. Das weltweite Netz und der möglichst freie Zugang zu ihm, ist ihm nicht nur ein Bedürfnis. Es entspricht seiner Lebenseinstellung, dass dieser Internet-Zugang zur Grundversorgung einer weltweiten und global-vernetzten Welt gehört. Dafür setzt sich der bundesweit agierende Verein „Freifunk“ ein.

Die technische Grundidee lautet, dass jeder Mensch die Möglichkeit bekommt, das Freifunk-Netz und damit das Internet mit einem geringen finanziellen Aufwand zu vergrößern, in dem er ein Einwahlgerät, den Router, mit einer Software so bespielt, dass er sich wiederum mit anderen Geräten verbindet. So knüpft sich ein Netz unter den Geräten immer weiter. Ist eines dieser Geräte mit dem Internet verbunden, „teilt“ es seine Internetverbindung mit allen anderen verbundenen Geräten in seiner Umgebung.

Das Vorgehen ist kostengünstig und selbstverständlich rechtmäßig. Um die Personen zu schützen, die ihren Anschluss teilen, laufen die anfallenden Daten direkt über den Verein. Der Anschlussinhaber selbst taucht daher auch nicht als Urheber der Daten auf. Der jeweilige Gerätebesitzer teilt sein Netz auch nicht ungefragt sondern bereitwillig – vor allem, wenn es sich um einen guten Zweck handelt. Die Stadt konnte die jeweiligen Internetanschlüsse aus Spenden finanzieren.

 

Mittlerweile werden auch immer mehr private Anbieter, Verwaltungen und Unternehmen auf das Freifunk-Modell aufmerksam. Demnächst wollen Oswald und Fischer ein Freifunk W-LAN-Netz auch in der Weinheimer Stadtbibliothek bereitstellen.

Was sich zunächst einfach anhört, ist in jedem Einzelfall eine technische Herausforderung, das haben jetzt Ben Oswald und Thomas Fischer gemerkt. Die Verbindungen in den bebauten Gebieten der Weststadt und Lützelsachsens waren kein Problem; da sich viele kräftige Netze in der Nachbarschaft befinden. Schwieriger und aufwändiger war die Versorgung im ehemaligen Druckhaus. Oswald ließ sich etwas einfallen. Der Router befindet sich in der Weststadt und wird über eine Richtfunkstrecke bis zu seinem „Partner“ im Druckhaus gesendet. Für die Antenne hat die Feuerwehr idealerweise ihren Turm am Feuerwehrzentrum zur Verfügung gestellt.

 

Im Moment arbeiten die „Freifunker“ an einer Lösung für die Stettiner Straße und das Ebert-Park-Hotel und machen sich schon über den Container-Standort im Gorxheimertal ihre Gedanken. Denn klar ist: Ob in einer vorläufigen Unterbringung oder in einer so genannten Anschluss-Unterbringung, für die Flüchtlinge ist das Internet der einzige Zugang zur Heimat und oftmals zur Familie. Wenn es auch nur virtuell ist.

Eine Antwort hinterlassen:

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *