Generationskonflikt oder Aufrüstung im Kinderzimmer

Waffen

Ein Bärchen fürs Mädl, ein Colt für den Bub….

Kinderzimmer-Bestandsaufnahme:
Ein Holzschwert mit „echtem“ Blut, ein Holzbeil (geklebt mit Leukoplast), ein Holzbogen mit drei Pfeilen (spitz), eine Armbrust ohne Pfeile (gottseidank),  ein kaputter Dolch (nicht so spitz), ein heiler Dolch (sehr spitz, siehe kleine Narbe unterhalb des linken Knies von Kind eins), ein Schnitzmesser (korrekt abgerundet aber rattenscharf), ein Schweizer Taschenmesser (spitz UND scharf, siehe weitere Narbe in Daumen von Kind zwei), zwei Plastikpistolen von der Kerwe  (kaputt, aber man kann daraus angeblich noch einen Roboter bauen), eine Steinschleuder  und … die neuste Errungenschaft:

Ein echter, locker 34 Zentimeter langer und mindestens ein Kilo schwerer Colt*.

Ganz ehrlich, sollte irgendwann ein Sondereinsatzkommando unser Haus umstellen oder bei Nacht die Wohnung stürmen, ich wäre nicht irritiert.  Ich war vor Jahren bei einer Gerichtsverhanung. Damals wurde ein Mann zu einer Bewährungsstrafe verurteilt, weil er ein Gewehr zu Dekorationszwecken in der Küche hängen hatte und keinen Waffenschein besaß. EIN Gewehr. Lächerlich gegen das Waffenarsenal meines Sohnes.

Die Herkunft dieser Waffen erstreckt sich über Jahre. Ein Großteil dieser Waffen hat das Kind von seinem Opa. Nun ist es keineswegs so, dass besagter Opa ein Waffennarr ist. Überhaupt nicht. Er ist auch gegen Krieg und absolut nicht gewalttäig. Er besitzt auch keinen Waffenschein und geht nicht jagen. Selbst Angeln ist im zuwider, weil er es nicht übers Herz bringt, Fische zu töten und er trägt auch Spinnen lebendig aus dem Haus.

Er mag halt nur Western und Ritterfilme und Abenteuerfilme. Und besagter Opa ist zufälligerweise mein Vater und zufälligerweise  kannte auch ich John Wayne, bevor ich wusste, was die „Sendung mit der Maus“ ist.
Auch ich war mit Begeisterung Bogenschießen und habe mit meinem Vater allerlei Schwerter geschnitzt.
Ich bin heute trotzdem Pazifist und deshalb recht entspannt.

Mein Mann und Vater des Waffenkammerbesitzers – called Kinderzimmer – teilt diese Entspanntheit nicht. Der Gatte stammt eher aus der „Petting statt Pershing“-Generation, hat VW-Busse mit Blümchen bemalt, Latzhosen getragen und  die Anti-Amerika-Haltung irgendwie in der Wäsche.
Kurz gesagt: Für diese Western-Sentimentalität bringt er etwa so viel Verständnis auf wie für Menschen, die Schmetterlinge fangen, töten und sie mit Nadeln in Schaukästen pinnen.

Die väterliche Aversion gegen den Colt könnte natürlich auch zum Teil daher stammen, weil der  Sohn einmal um Mitternacht das Ding unter dem Kopfkissen hervorgezogen und „Händehoch“, gebrüllt hat, als sein Vater ihn zudecken wollte. Aber das war nur einmal und da hatte er ihn ganz neu, den Colt.
Ich stehe also dazwischen, auf der einen Seite, der friedensbewegte Mann, auf der anderen mein Kind und dazwischen der Opa, der weiß was  Jungenherzen höher schlagen lässt. Das erste Schwert hat er ihm mühevoll geschnitzt, geschmirgelt, den Namen eingebrannt und mit echtem Blut verschmiert. das war wochenlange Arbeit. Der Sohn glaubt das mit dem Blut bis heute.

Ich hoffe mal, das stimmt NICHT?

Der erste Dolch stammte dann aus Marokko. Der Colt kommt irgendwo aus den USA. Der Opa findet das alles nicht schlimm. Ich dulde es, solange das Zeug im Kinderzimmer bleibt.

Nein, Du gehst damit nicht in den Park!

Ich kann mich nämlich noch  an das Entsetzen der Lehrerin erinnern, als mein Sohn in der ersten Klasse in der Mathestunde sein Messer auf den Pult legte, weil es beim Sitzen in der Hose unbequem geworden war. Mit Engelszungen musste ich diverse Pädagogen davon überzeugen, dass mein Sohn nicht vorhatte, auf dem Schulhof andere Kinder abzustechen.

Damals war nicht der Opa schuld. Das Messer hatten alle Kinder als Abschiedsgeschenk im Kindergarten bekommen. Woher hätte der Junge nun wissen sollen, dass das, was im Kindergarten in Ordnung, in der Schule ein Grund für den Psychologen ist?

Sind wir doch mal ehrlich: Ich kennen keinen kleinen Jungen, der, wenn er einen Waldweg entlang geht und einen Stock in der Hand hält, nicht umgehend anfängt mit wildem Gebrüll oder wenigstens unterdrücktem „Hug“-Geräuschen, das Grünzeug am Wegesrand niederzumetzeln. Ich bin mir fast sicher,  einige erwachsene Männer  würden das immer noch tun, wenn sie unbeobachtet wären. Und möglicherweise fahren nur deshalb so viele lieber Mountainbike durch den Wald, als zu wandern, weil sie das vom bösen Grünzeug ablenkt… ich schweife ab.

Ich kennen keine Mutter, die nicht irgendwann klein beigibt, und dem Sohn bei irgendeinem Ritterfest endlich das begehrte Holzschwert kauft, auch wenn sie immer „voll-gegen-Waffen“ war. Später ist  es dann die Soft-Air-Pistole, die zum Diskussionspunkt wird, noch später sind es Ballerspiele am PC oder die Frage, ob eine Einladung zum Lasertag politisch korrekt ist.

Ich persönlich finde diesen ganzen Waffenkrempel voll daneben, aber das interessiert doch keinen, am allerwenigsten meinen Sohn.

Eins habe ich durchgesetzt: Ich finde Panzer und Plastik-Soldaten zu Kotzen und die sind unter meinem Dach verboten. Ich dulde auch keine Kriegsschiff-Bausätze. Das ist natürlich komplett idiotisch, weil der Millenium Falke steht ja auch auf der ehemaligen Wickelkommode und immerhin hat der  – meines Wissens –  den zweiten Todesstern zerstört.  Was da für eine kriegerische Energie dahinter steckt, muss man sich erst mal vorstellen. Dagegen ist so ein Colt einfach lachhaft.

Kurz gesagt: Es ist mir bewusst, dass in Sachen Waffen jeder seine eigene, ganz persönliche Kinderzimmertoleranz hat. Mit Logik hat das gar nichts zu tun.

Null tolerant ist hingegen die kleine Schwester des Waffenbesitzers. Die ist es nämlich leid, dass sie nur einen Teddybären im Brautkleidchen kriegt. Sie will nämlich auch viel lieber einen Colt.

Ich hoffe nur, sie sagt es dem Opa nicht….

*Anmerkung der Redaktion zur allgemeinen Beruhigung: Der Colt ist selbstverständlich korrekt verplombt.

**Nachtrag zu Anmerkung der Redaktion zur allgemeinen  Beruhigung: Das Kind meint, das mit der Verplombung könne man ganz schnell ändern.

 

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