Gestatten, mein Kind ist ein Störenfried

„Ihr Kind ist halt ein Störenfried“, sagt die Lehrerin in der 3. Klasse und schaut mich dabei tadelnd an. Ich schrumpfe noch ein bisschen kleiner zusammen auf dem ohnehin schon viel zu kleinen Stuhl in dem viel zu stickigen Klassenzimmer in dem es so riecht, wie es in Klassenzimmern halt so riecht. Nach Kreidestaub und Bastelleim, vergessenen Turnbeuteln und Spitzerstaub. Ich möchte ihn relativieren. Diesen Satz, der gerade wie ein Stempel niedergesaust ist auf mein Kind. Ihm das Wort „Störenfried“ auf die Kinderstirn geknallt hat. Rot umrandet. Ich möchte, dass die Lehrerin auch noch etwas Nettes sagt über mein Kind, das sie erst seit knapp zwei Wochen kennt. Aber es wird nichts Nettes mehr kommen. Nicht an diesem Nachmittag beim ersten Elterngespräch und auch nicht bei den vielen, die in den zwei Grundschuljahren folgen werden, die noch vor uns liegen. Aber das weiß ich damals noch nicht. Ich fühle mich schuldig und schlecht.

Ich muss doch verantwortlich sein dafür, dass das Kind sich im Unterricht nicht „benehmen“ kann. Ständig dazwischenspricht, keine Regeln akzeptiert, laut ist, die anderen Kinder vom Lernen abhält, selbst an einen Einzeltisch verbannt, noch den Klassenclown mimt.  Irgendetwas muss ich doch falsch gemacht haben, wenn das Kind – selbst wenn es nicht lautstark stört – Hefte zerschneidet, Tische bemalt und Stifte auseinander montiert, statt dem Unterricht zu folgen. Damals denke ich: Wir kriegen das hin. Mit Reden, mit Zuwendung, mit ein bisschen Strengsein und Konsequenz kriegen wir das hin. Es ist doch ein kluges Kind. Zumindest in diesem Punkt stimmt mir die Lehrerin zu. Aber wir haben es nicht hingekriegt.
Das ist jetzt fast vier Jahre her. Vier Jahre, in denen ich mit gesenktem Blick beim Elternabend sitze. Mich schäme, wenn Lehrer immer wieder über die „Unruhe“ in der Klasse sprechen und Eltern sich beklagen, dass es ihren Kindern „zu laut“ ist. Vier Jahre voller Strafarbeiten und Elterngesprächen, mal mit Kind mal ohne. Jahre, in denen wir Eltern uns abends die Köpfe auf dem Sofa heiß diskutieren, was wir wohl falsch gemacht haben und jetzt endlich richtig machen müssen.
Jahre, in denen wir unendlich viele Ratschläge bekommen: Zu streng erzogen, zu lasch erzogen, vielleicht ist das Kind unterfordert, vielleicht ist es überfordert. Es ist halt auch noch sehr jung für die Klasse. Nein, wiederholen lassen will es trotzdem keiner. Vielleicht bekommt es zu wenig Schlaf oder zu wenig Zuneigung, vielleicht auch von letzterem zu viel. Vielleicht ist die Schule die falsche. Vielleicht sind wir einfach zu wenig konsequent. Oder nehmen dem Kind zu viel Verantwortung ab. Vielleicht muss es mal so richtig auf die Nase fallen. Vielleicht müssen wir es viel stärker unterstützen. Vielleicht hat es auch ADHS und braucht Medikamente. Vielleicht braucht es einfach noch ein wenig Zeit.
Psychologen und Lehrer arbeiten sich ab am Kind. Und wir Eltern noch viel mehr. Mal mit Strenge, mal mit Lob, mal mit Strafen, mal mit Belohnungen. Die einzige pädagogische Konstante ist die Hilflosigkeit.
Zwischendurch haben wir alle durchaus Erfolg. Dann kommt das Kind drei Tage am Stück stolz nach Hause. Berichtet, dass es den ganzen Tag nicht gestört hat. Hoffnung. Eine Woche später sieht alles anders aus. Dann steht das Kind plötzlich wieder öfter vor der Tür, als es im Unterricht sitzt. Manchmal will ich es nur trösten, weil es ja selber am meisten leidet. An manchen Tagen bin ich aber auch unfassbar wütend auf das Kind, weil schon wieder ein Tadel per Elterbrief ins Haus flattert. Weil ich schon wieder eine E-Mail von einer erbosten Lehrerin beantworten muss, schon wieder ein Nachsitzen ansteht, schon wieder eine Strafarbeit unterschrieben werden muss. „Warum kannst Du Dich nicht einfach mal zusammenreißen“, brülle ich dann wütend und knalle den Brief auf den Küchentisch.
Aber das Kind weiß es doch selber nicht.
Und manchmal bin ich auch einfach nur verzweifelt. Über das ganze Unglück, das sich seit Jahren in dem Kindergesicht widerspiegelt. Wenn es wieder gestört hat, wieder zur Strafe irgendeinen Text drei oder fünfmal abschreiben muss und mittags als allererstes den Kopf in den Kissen seines Bettes vergräbt.
Wir haben noch anstrengende Jahre vor uns. Das weiß ich.

„Ihr Kind ist halt ein echter Lauser“, sagt der Lehrer der 6. Klasse vor gut einer Woche und lächelt dabei fast liebevoll. Und mein Herz macht einen Satz. Denn das fühlt sich so an, als hätte endlich jemand einen Lappen mit warmem Wasser und Seife getränkt und den Stempel „Störenfried“ von der Kinderstirn gewischt. Und seitdem weiß ich: Wir schaffen das. Gemeinsam.   shy

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