Heidelberger Bahnstadt

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Heidelberg. Lässt sich Leben planen? In der Bahnstadt, Heidelbergs jüngstem Stadtteil, hat man den Eindruck, dass das möglich ist: Alles hier wirkt genau durchdacht, berechnet, platziert – vom Carsharing-Parkplatz über die Position der Sandkästen zwischen den Häusern bis hin zum Stromsparkonzept für die einzelnen Haushalte. Wer sich durch den bereits fertiggestellten Teil des neuen Viertels bewegt, bekommt leicht den Eindruck, als gehe er durch eine Modellbau-Welt: Weiße Bauklotz-Häuser gruppieren sich ordentlich um kleine Innenhöfe. Kinder toben auf durchgestylten Spielplätzen, alles ist noch neu, sauber, heil.
Komplett ist das Modell-Quartier noch nicht, an vielen Stellen herrscht noch Baustellenfl air. Doch bis spätestens 2022 soll hier auf dem Gelände des ehemaligen Güterbahnhofs die größte Passivhaus-Siedlung der Welt stehen.

Die Nachfrage nach Wohnungen in dem „Stadtteil der Zukunft“, wie Heidelberg sein Prestigeprojekt stolz betitelt, ist groß. 5.000 Menschen sollen hier einmal leben, 7.000 Berufstätige hier arbeiten. 1.400 Bewohner hatte die Bahnstadt Anfang des Jahres, darunter  weitaus mehr Familien als erwartet. Für die Verantwortlichen ein Zeichen
dafür, dass das Konzept, „bezahlbaren, attraktiven Wohnraum für Familien zu bieten“ aufgegangen sei. Dennoch: Ein günstiges Pflaster ist die Bahnstadt trotz Wohnraumförderung durch die Stadt Heidelberg nicht. Für finanziell schwächere Familien dürfte es keine Option sein. „So ganz ohne Weiteres ist der Wohnraum hier nicht erschwinglich. „Trotzdem sind viele Familien da“, bestätigt Miriam Freudenberger mit Blick auf ihre Nachbarschaft. Sie und ihr Mann gehören zu den ersten Bewohnern,  die im Juli 2012 in die Bahnstadt gezogen sind. Von ihrer Wohnung im zweiten Stock aus kann Miriam Freudenberger auf die Promenade schauen, die das Viertel im Süden begrenzt.

„Als wir eingezogen sind, war hier niemand“, erinnert sich die Wahl-Heidelbergerin. Bis vor einem Jahr blickte sie auf riesige Erdhaufen. „Jetzt gehen hier die Leute spazieren.“
Gespannt verfolgt sie, wie ihr Viertel mehr und mehr Gestalt annimmt, wie die Promenade zur Flanier- und Spielmeile wird und wie sich die Innenhöfe mit Leben füllen.  Sowohl Miriam Freudenberger als auch ihr Mann sind Berufspendler. Die Lage nahe dem Hauptbahnhof war für die beiden ausschlaggebend bei der Entscheidung. Als „schönen Nebeneffekt“ schätzt das Paar nun außerdem das ambitionierte Energiekonzept, das den Bewohnern des Viertels minimale Heizkosten und die Unabhängigkeit von fossilen Energieträgern beschert – und für das die Bahnstadt im April 2014 vom Passivhaus Institut in Darmstadt als „Passivhaus-Region des Jahres“ ausgezeichnet wurde. Denn sämtliche Häuser in der Bahnstadt werden nach Passivhausstandard errichtet – 15 Kilowattstunden Heizenergiebedarf pro Quadratmeter und Jahr sind maximal erlaubt. Das ist für den Geldbeutel des einzelnen Bahnstädters ebenso erfreulich wie für die CO2-Bilanz der ganzen Stadt. Den verbleibenden Energiebedarf – Wärme und Strom – deckt ein neu errichtetes Holz-Heizkraftwerk im Pfaffengrund ab. Auch bei der Wahl der Baustoffe wird Umweltfreundlichkeit belohnt: Ein Förderprogramm der Stadt Heidelberg unterstützt
den Bau von Passivhäusern nur dann, wenn unter anderem FCKWfreie Dämm-Materialien verwendet werden. Nach Angaben der Stadt sind sämtliche Häuser in der Bahnstadt
gemäß dieser Förderrichtlinie gebaut. Ein weiterer Baustein in Sachen Energieeffizienz und Nachhaltigkeit ist das Straßenbeleuchtungs-Konzept in dem neuen Viertel: LED-Leuchten und ein Telemanagementsystem, mit dem die Beleuchtung dem tatsächlichen Bedarf angepasst werden kann, sorgen für einen vergleichsweise geringen Energiebedarf.

Mit einer Fläche von insgesamt 116 Hektar ist das neue Viertel eines der größten Stadtentwicklungsprojekte in Deutschland – und eines der ehrgeizigsten. „Die Bahnstad entwickelt sich zu einem lebendigen Stadtteil mit eigener Identität“, ist Ralf Bermich, Leiter der Abteilung Energie und Klimaschutz im Amt für Umweltschutz und Energie der Stadt Heidelberg, sicher. Doch von anderer Seite sind kritischere Töne zu hören: „Heidelberg hat seine große Chance schon verspielt. „Die Bahnstadt wird eine Schlafstadt“,
ätzte vergangenen Sommer der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer via Facebook und monierte „gleichförmige Blöcke und nichts als Wohnungen“.

„Im Augenblick kann man hier nicht mal Brötchen kaufen“, bestätigt Miriam Freudenberger, doch ihr war klar, dass sie als Bahnstadt-Pionierin Geduld mitbringen muss. „In spätestens zwei, drei Jahren wird das ganz anders aussehen“, ist sie überzeugt, dass auch dieser Plan für die Bahnstadt aufgeht.

(npo // Foto: Stadt Heidelberg, Fotograf: Christian Buck)

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