HeimaRtMusik

Bild: Scheuber 24.04.2016 / 24_04_2016 / WNL Weinheim Waid: GUPS-Hotel, Probe der Refugee-Band, BILD von der kompletten Band für SLK, Stadt Land Kind. Instrumente, Gitarre, Band.

Musik verbindet! Und: Mitmachen, statt zuhören. In Weinheim machen Menschen aus den unterschiedlichsten Ländern gemeinsam Musik. 

Das Weinheimer Industriegebiet liegt an diesem kühlen Frühlingsabend bereits im Halbschlaf. Nur auf dem Hof der Flüchtlingsunterkunft des ehemaligen GUPS-Hotels zeigt sich Leben im aufsteigenden Rauch glimmender Zigaretten der Männer, die sich auf dem grauen Pflaster unterhalten. Ihre Stimmen mischen sich mit Musik, die aus dem Inneren der Unterkunft nach außen dringt, in die Luft eintaucht, um sich im nächsten Augenblick zu verflüchtigen. „Aisha, Aisha, écoute-moi“ – ein heiserer Gesang legt sich über Gitarrenklänge. Was die Männer hören, ist die Musik der Weinheimer Refugee Band. Die letzte Probe vor dem Auftritt  drei Tage später.

„Ich bin keine Mutter Theresa“, sagt Jochen Pöhlert einige Tage zuvor. Auch von einem Helfersyndrom will der Gitarrist und Musiklehrer, unter dessen Regie die Band entstand, nichts wissen. Er mache letztlich nur das, was er kann: Musik mit Menschen. „Ich sehe das sehr pragmatisch.“ Doch hinter dem Pragmatismus liegt das Herz. Und das lässt einen spüren: Die Refugee Band trägt er genau dort. In diesem Herz, das ihn etwas tun lässt, was größer ist als er selbst, denn „darum geht es doch“, wie Pöhlert es ausdrückt. Er sitzt entspannt an seinem Esszimmertisch und die Worte fallen nur so aus seinem Mund.  Er erinnert sich an die spontane Aktion, aus der alles entstand: Der Besuch der Unterkunft als die ersten Flüchtlinge angekommen waren. Zusammen mit anderen stellte er sich auf den Hof und spielte. Musik als Begrüßung. Wer mitwippte, bekam ein Instrument in die Hand gedrückt. Mitmachen, statt zuhören. Was als Jam im Juli 2015 begann, wurde zur Idee – und zum Plan mit klarer Zeitvorgabe: „Bis dahin haben wir eine Band“, ging der Blick auf den NPD-Bundesparteitag in Weinheim. Die NPD kam im November. Und in einem Zelt in Blickweite zu dem Ort, an dem Delegierte mit Hitlergruß provozierten, spielte die Refugee Band im Reggae-Beat. Jochen Pöhlert lacht: „Wir waren nicht gut. Aber wir waren saugut.“ Was er meint: das technische, die Abstimmung – damals geschenkt. Aber die Botschaft und die Begeisterung – sie kam an. Auch heute, an diesem Abend, an dem sich vor dem Probenraum eine Menschenschlange bildet. Sie alle sind Flüchtlinge. Sie alle wollen zuhören.

Der Probenraum selbst ist ein Gemeinschaftsraum der Unterkunft. An der Wand steht eine Küchenzeile. Vorhänge und Sitzpolster der Stühle erzählen vom 90er-Chic vergangener Hoteljahre. Zwei Tischreihen ziehen sich durch die Länge des Zimmers. Auf den Stühlen sitzen Kinder, lauschen, zwischendurch laufen sie durch die Gegend. Und irgendwo dazwischen haben sich die Musiker aus Togo, Syrien, dem Iran und Deutschland platziert.

In den Magen fährt der Bass von Oliver Detmers, mit 14 Jahren das jüngste Bandmitglied. Ist das Spielen in der Refugee Band anders als in anderen Bands oder in der Musikschule? Oliver überlegt. „Es ist besser“, sagt er dann. Weil die Menschen so offen sind, so herzlich: „Man fühlt sich einfach wohl mit jedem Einzelnen.“ Berührungsängste? Oliver grinst, als wäre die Frage vollkommen abwegig. Trotzdem sagt er „nein“, schüttelt zur Sicherheit den Kopf und widmet sich dann wieder seinem Bass, dessen dumpfe Töne vom blauen, mit Flecken übersäten Hotelteppich geschluckt werden.

„Es gibt mir ein Gefühl von Heimat, wenn wir die Menschen mit unserer Musik begeistern.“

„Ein bisschen höher. Mehr. Okay, passt.“ Pöhlerts Stimme gibt den Ton an. Stimmen für das nächste Lied. Sänger Messan wiegt seinen kernig-kantigen Körper sanft im Rhythmus von Bob Marleys Hymne. „No woman no cry“ setzt der Bär aus Togo an – und Ammar lässt die Finger über die Saiten seiner Gitarre gleiten. Er ist zusammen mit Pöhlert und dem Iraner Maziyar einer von drei Gitarristen der Band. Ammar ist Syrer, 25 Jahre alt, Zahnmediziner mit abgeschlossenem Studium. Dass er in Deutschland wieder Musik machen kann, sei „ein Traum“. In Damaskus spielte er gemeinsam mit Freunden für Freunde. Musik, sagt er, war ein wichtiger Teil der syrischen Gesellschaft. Heute, nach fünf Jahren Krieg, haben die Menschen den Zugang zu diesem Teil verloren. Es sei vieles zerstört –Häuser, Straßen. „Aber vor allem ist die Seele der Menschen zerstört.“ Ammar hat sie sich bewahrt, hat sich die Liebe zur Musik bewahrt. Bis zu zwei Stunden spielt er täglich in der Notunterkunft, in der er seit Oktober – anfangs zusammen mit 115 anderen Männern – lebt. Eine große Halle, durch die sich filigrane Töne
von Parzelle zu Parzelle tragen, und der Flamenco, dem seine Leidenschaft Bauzäune dringt. Wenn er spielt, taucht er ein in eine Welt, die ihn seinen Kopf leeren lässt, in der er seinen Gedanken entflieht, sagt er. Eine Welt, die nicht das Ungleichgewicht und Negative der Realität in sich trägt – sondern all ihre Schönheit.
Ähnlich ist es für den 22-jährigen Syrer Edwar. „Böse Menschen haben keine Musik“, sagt er. Mit Musik zeige man das Gute im Menschen.

Jessica 1

Auch seine Schwester Jessica (23) sieht die Botschaft: „Wir können den Menschen zeigen, dass wir nicht alle Terroristen sind.“ Ihren Seelenzustand in dem Moment, als sie, die junge Geigerin Jochen Pöhlert traf, beschreibt sie mit einem Wort: „Glücklich.“ Ein Zufall vor der Musikschule. Sie hört durch ihn von der Band, kommt dazu – und spielt seitdem mit. Sie ist froh, mit ihrem Geigenspiel etwas von dem zurückgeben zu können, was sie hier in Deutschland bekommt. Etwa mit dem eigenen Band-Konzert Anfang des Jahres. Einen Tag vor diesem Konzert stößt ihr Bruder zur Band. Jessica: „Ich wollte ihn einfach nur mitnehmen, um nicht alleine zur Probe zu gehen.“ Edwar schnappt sich die Djembe, eine afrikanische Trommel, und spielt. „Ich habe das nie gelernt“, sagt er; aber was soll’s: „Rhythmus lernst du nicht. Den hast du in dir.“ Edwar ist beim Konzert dabei, begeistert mit seinem Sinn für Improvisation. Für ihn ist es aber nicht nur ein Konzert: „Es gibt mir ein Gefühl von Heimat, wenn wir die Menschen mit unserer Musik begeistern.“ Heimat ist für ihn kein geographischer Ort. „Hoffnung, Glück, Liebe – das ist Heimat“, sagt er. All das findet er im Rhythmus der Trommeln, im Zusammenspiel der Band-Mitglieder, die, so unterschiedlich sie sind, etwas gemeinsam haben: die tiefe Seelenliebe zur Musik.

Musik verbindet. Ein Satz, so abgebraucht und tot-zitiert, dass er nur noch als blasse Phrase daherkommt. Hier, an diesem Abend in der Flüchtlingsunterkunft in Weinheim, erhält er wieder eine Bedeutung. Weil spürbar ist, was es heißt, wenn sich Kulturen und Hautfarben treffen, sich vereinen in ihrer Leidenschaft für die Kunst der Musik – und alles andere vor der Tür bleibt. „In diesen Menschen spiegelt sich das Globale, die Welt runtergebrochen auf den kleinen Orbit“, sagt Jochen Pöhlert. Er beschreibt es als Strahlen, die sich in einem Brennglas finden, bündeln und sich vereinen in der Kraft, in der Kunst der Musik.

Edwar drückt es noch anders aus: „Wir kennen uns nicht besonders gut, aber die Seele der Musik bringt uns zusammen. Wenn wir einander ins Gesicht sehen und dabei spielen, sind wir uns nah.

cs // Fotos: alsch

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