Jeder braucht mal elternfrei!

Zweimal im Monat lädt das inklusive Kinderhotel in Heidelberg seit Februar zum Übernachten ein. Eltern? Müssen draußen bleiben! Aber StadtLandKind durfte am Eröffnungsabend mit auf Nachtwanderung gehen

Auswärts übernachten ist aufregend. Da ist es gut, wenn man einen Vertrauten dabei hat. Patrick wird deshalb von Joschi begleitet, einem grünen Drachen mit einer dicken Nase. Nimue ist mit Stoffkatze Lisa gekommen. Natalie hat den schlappohrigen Knuddelhund Felix dabei und auf der Matratze von Samuel wartet seine flauschige Kobra. Die Tiere ebenso wie ihre Besitzer sind Gäste im Kinderhotel des Mehrgenerationenhauses in Heidelberg-Rohrbach.

Die Idee: Ganz ohne Mama und Papa erleben die Kinder hier, zuverlässig betreut, ein Übernachtungsabenteuer, während ihre Eltern mal einen Abend (und eine Nacht) nur für sich haben. „Die Idee für ein Kinderhotel trage ich schon einige Jahre mit mir rum“, erzählt Initiatorin Laura Kalmbach vom Heidelberger Verein Habito. Sie ist selbst Alleinerziehende und auch wenn ihre eigenen Kinder noch zu klein sind für das Kinderhotel, will sie mit ihrem Projekt ein Entlastungsangebot für andere schaffen. „Jedes Kind, ob mit oder ohne Behinderung, ist bei uns willkommen. Anfragen kommen aus dem ganzen Rhein-Neckar-Kreis.“

Die Kinder am Eröffnungsabend im Frühling 2017 kommen alle aus Heidelberg. Sechs sollten es ursprünglich sein, zwei mussten wegen Krankheit absagen. Aber auch in der kleinen Gruppe scheinen sich alle gut zu amüsieren. Die Kuscheltiere auf dem Matratzenlager sind arbeitslos, ihre Herrchen und Frauchen sind viel zu beschäftigt, als dass sie Trost bräuchten. Im großen Gemeinschaftsraum sind Spiele angesagt. Zu Gitarrenmusik tanzen die Kinder – paarweise mit Luftballons zwischen den Bäuchen, rangeln um Stühle bei der Reise nach Jerusalem und klauben mit einem Esslöffel und ohne mit der freien Hand nachzuhelfen so viele Bonbons wie möglich vom Boden auf. Mittendrin: Monika Trofa und Emre Büyükakpinar. Die beiden gehören zum Betreuer-Team des Kinderhotels und haben die Auftakt-Übernachtung liebevoll vorbereitet. Bis zum nächsten Morgen sind sie für ihre „Hotelgäste“ da.

Per Aushang an Hochschulen und Fachschulen hatte Laura Kalmbach nach Mitstreitern für ihr Projekt gesucht. Zusammengekommen ist ein achtköpfiges Betreuer-Team, „alle mit pädagogischem oder pflegerischem Hintergrund“, wie Kalmbach betont. Monika Trofa ist Heilpraktikerin und Sporttherapeutin, Emre Büyükakpinar studiert Sozialpädagogik und engagiert sich als Jugendfußballtrainer. Dass die Kinder einander und die Betreuer erst seit ein paar Stunden kennen, ist schwer zu glauben, so vertraut wirkt der Umgang. „Die Gruppe ist total harmonisch. Keiner hat gefremdelt“, freut sich Monika Trofa. Der Altersunterschied – Samuel und Nimue sind erst sechs, Natalie ist schon zwölf Jahre alt – spielt keine Rolle. Und auch Patricks Autismus ist für die Kinder kein Thema. Viel wichtiger ist die Frage: Wann geht’s endlich los zur Nachtwanderung?

Zum Glück hat die Moni eine Taschenlampe“, sagt Nimue erleichtert, als das Grüppchen schließlich in die Dunkelheit loszieht. Das Viertel, das die Kinder eigentlich alle gut kennen, sieht um diese Zeit so ganz anders aus. „Da ist ja die Kita“, stellen sie erstaunt fest. „Und da der Spielplatz.“ Ob sich hier auch nachts gut toben lässt, probieren sie gleich aus. Emre hat außerdem Zettel mit kleinen Aufgaben versteckt, die die Kinder lösen müssen – und dabei nochmal ordentlich aus der Puste kommen. Kurz nach neun zeigt die Uhr mittlerweile. Und langsam, ganz langsam geht die Energie zur Neige und Müdigkeit macht sich breit. Wie gut, dass im Schweizer Hof die Betten schon gerichtet sind.

Aber wie sieht es eigentlich mit Heimweh aus? Naja, etwas aufgeregt sei sie schon, gesteht Natalie. Aber noch nervöser als sie sei ihre Mama beim Abschied gewesen. „Sie hat mich umarmt und wollte mich gar nicht mehr loslassen“, erzählt die Tochter, der das ein bisschen peinlich war. „Es geht schon alles gut, ich übernachte gern woanders und das macht Spaß hier.“ Ihre Schlafmatte hat Natalie neben das Lager von Patrick geschoben. Samuel schläft neben Nimue. Die Sechsjährige ist noch nicht so erfahren im Auswärts-Schlafen. „Bei Clara hab ich’s mal versucht, aber da musste ich dann wieder abgeholt werden“, erzählt sie. Aber sie ist sicher: „Hier klappt’s.“ Und zur Not ist da ja auch noch Kätzchen Lisa. Und Moni. Und Emre. Und die anderen.

Diese Sicherheit, dass da im Falle eines Falles jemand ist, der hilft oder tröstet, auch wenn Mama und Papa nicht da sind, möchte Laura Kalmbach mit dem Kinderhotel geben – den Eltern ebenso wie den Kindern. Und zwar am liebsten nicht nur zweimal im Monat. Ihre Vision: ein inklusives Kinderhotel, das jede Nacht geöffnet hat. „Gerade in den Abend- und Nachstunden gibt es ein ‚Betreuungsloch‘, das ich gerne in Heidelberg schließen würde“, so Kalmbach. „Denn es gibt ja auch Kinder, die temporär nachts alleine sind – meist Kinder von alleinerziehenden Eltern, die im Schichtdienst arbeiten.“ Den Familien diese Belastung abzunehmen, ist das Ziel, auf das das Kinderhotel zusteuert. Aber, so Kalmbach, „soweit sind wir noch nicht – wir fangen jetzt erst mal klein an.“ npo // Fotos: sho

Infos: 

Im Rahmen eines Bundesförderprogramms betreibt der Verein habito e.V. seit 2007 in den öffentlichen Räumen der ehemaligen Gaststätte „Schweizer Hof“ in Heidelberg Rohrbach das Mehrgenerationenhaus als Treffpunkt und Begegnungsort für Menschen aller Generationen. Angeboten wird hier täglich ein offener Mittagstisch, es gibt einen Chor, eine Band, Vorträge, Filmabende, einen Eltern-Kind-Treff, kulturelle Veranstaltungen sowie regelmäßige Kindertheater-Vorstellungen. Das Kinderhotel ist eines der jüngsten Projekte im Mehrgenerationenhaus. In Planung ist außerdem ein Nachtcafé für ältere und demente Menschen.

Termine:

Im Kinderhotel des Mehrgenerationenhauses Heidelberg in der Heinrich-Fuchs-Straße 85 sind Kinder zwischen sechs und zwölf Jahren mit und ohne Behinderung willkommen. Übernachtet wird jeweils von Freitag auf Samstag im Matratzenlager. Kosten pro Kind: 30,- Euro, mit Heidelberg-Pass: 20,- Euro, Unterstützerpreis: 35,- Euro Die nächsten Termine: 9./10. Juni und 23./24. Juni sowie 7./8. Juli und 21./22. Juli. Jeweils von Freitag, 17 Uhr, bis Samstag, 10 Uhr Anmeldung unter: info@habito-heidelberg.de 06221 4299020 Mehr Informationen unter: habito-heidelberg.de

Kommentar schreiben