Lasertag

lasertag2Der Zehnjährige ist zum Kindergeburtstag eingeladen. In eine Lasertag-Arena. Vermutlich wird jedes Elternhaus in den nächsten Jahren früher oder später mit einer solchen Einladung konfrontiert und das Thema polarisiert. Es gibt inzwischen zahlreiche Lasertag-Anlagen in unserem Verbreitungsgebiet, das Prinzip ist überall ähnlich: Die Besucher bekommen eine Ausrüstung, bestehend aus Weste und einer Art Waffe, werden in eine mehr oder weniger dunkle Halle entlassen und versuchen sich gegenseitig mit Lasern zu markieren, überspitzt gesagt, zu erschießen. „Ein harmloses und lustiges, modernes Räuber- und Gendarm-Spiel“, sagen die begeisterten Fans. „Ein  gewaltverherrlichendes Kriegsspiel“, sind sich die Kritiker einig. Sicher ist: Die körperliche Verletzungsgefahr geht gegen null. Ein anderer Aspekt ist, wie sich das Spiel auf die Psyche eines Menschen – und ganz besonders eines Kindes – auswirken kann. Darüber gibt es bislang kaum Forschungsergebnisse, aber die wenigen, die es gibt, wurden im März im Rahmen einer Fachtagung in Heidelberg vorgestellt. Melanie Wegel (Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften) ist die erste, die eine wissenschaftliche Studie zum Thema  Lasertag durchgeführt hat. Bei einer Online-Umfrage hat sie herausgefunden, dass es bei einigen jugendlichen Schülern einen auffälligen Zusammenhang zwischen der Begeisterung für gewalttätige PC-Spiele und Lasertag gibt. Jene Schüler gaben auch an, sie betrieben den Lasertag-Sport hauptsächlich, um Aggressionen abzubauen. Forschungsergebnisse in Bezug auf Computerspiele weisen jedoch nach, dass das Spielen keineswegs Aggressionen abbaut, sondern sie – im Gegenteil – fördert. Für die Wissenschaftlerin ein klares Indiz dafür, dass auch Lasertag Aggressionen fördern kann und für Kinder absolut ungeeignet ist.

Auch Florian Rehbein vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen kommt zu einem ähnlichen Schluss, betont aber, dass nicht jedes Kind, das Lasertag spiele, gleich zum Amokläufer werde. Er warb für eine differenzierte Betrachtungsweise. Eltern hilft das erst mal gar nicht weiter, erst recht  nicht dann, wenn der Sprössling mit bettelndem Blick und der Geburtstagseinladung in der Hand vor seinen Erziehungsberechtigten steht. Ein Zehnjähriger interessiert sich nämlich nicht die Bohne für eine differenzierte Betrachtungsweise. Der will zum Kindergeburtstag. Und dann bleibt es besorgten Eltern überlassen, sich den Zorn des Kindes zuzuziehen, weil sie den Lasertag-Besuch verbieten oder über den eigenen Schatten zu springen und das Kind – wider der eigenen Überzeugung – mitzuschicken. Eine Altersbeschränkung könnte das Problem zügig lösen, schließlich gibt es für jeden Kinofilm und jedes Computerspiel eine FSK. Warum also nicht auch für Lasertag? Auch diese Diskussion wird aktuell geführt.




Eine ganz andere Frage fehlt aber in der Debatte. Warum haben denn Lasertag- Arenen überhaupt so eine magische Anziehungskraft auf Kinder und warum haben zahlreiche Eltern überhaupt kein Problem damit, Kindergeburtstage in derlei Umgebung durchzuführen? Um diese Frage zu beantworten, braucht es beileibe keinen Wissenschaftler sondern nur einen wachen Blick: Weil es passt. Weil es wunderbar in diese Zeit passt, in der viele Eltern das Bedürfnis haben, die Freizeit ihrer Kinder perfekt, und für sich selbst möglichst stressfrei, dabei aber bitte absolut risikolos und vollständig überwacht zu organisieren. Natürlich ist es ein Leichtes, einen Haufen Geld auf den Tresen einer Lasertag-Arena zu legen, damit die Kindergeburtstagsschar erst künstlich fremdbespaßt und anschließend mit minderwertigen Essen abgefüttert werden kann, während die Eltern einen  Kaffee trinken. Den Kindern gefällt es doch, passieren kann auch nichts – warum also nicht? Natürlich ist es deutlich mühsamer, eine Meute Zehnjähriger bei einer Geburtstagsparty in der eigenen Wohnung oder in der „freien Wildbahn“ wie einem Wald einem Garten oder einem Park bei Laune zu halten. Und warum? Weil viele Eltern mit ihrem permanenten Bedürfnis den Kindern immer noch mehr Unterhaltung, noch einen grandioseren Cupcake, noch ein gigantischere Attraktion zu bieten, auch die Anspruchshaltung ihrer Kinder ins Unermessliche steigern.

Bis sie sie irgendwann nicht mehr erfüllen können, außer sie organisieren einen Hubschrauberrundflug oder einen Elefantenritt. Phantasie und freies Spielen bleiben in der von Erwachsenenhand geschaffenen und durch und durch künstlichen Atmosphäre einer Lasertag-
Arena garantiert auf der Strecke.

shy // Illustration: fotolia

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