Liebe Jungsmama,

Liebe Jungsmama,

wir kennen uns noch nicht wirklich gut. Beim Elternabend haben wir nur kurz geredet. Du warst immer sehr freundlich und offen. Du verbringst gerne viel Zeit mit deinen drei Jungs, hast du erzählt und das fand ich toll. Es war so nett mir dir zu sprechen. Und deshalb weiß nicht genau, wie ich dir sagen soll, dass etwas richtig schief läuft.

Wie fange ich nur an … Vielleicht so: wie du weißt habe ich eine Tochter. Sie geht in die selbe Klasse wie dein Sohn. Tatsächlich saßen sie die letzten Monate an einem Tisch. Das hat einen Grund. Meine Tochter ist ein sehr ruhiges Kind. Sie ist überaus freundlich und emphatisch und hat sehr viele Freundinnen. Alles, was der Lehrer sagt, ist für sie und ihre Freundinnen Gesetz.

Und hier kommen wir zu deinem Sohn.

Er ist genau das Gegenteil, er redet kontinuierlich im Unterricht, er schreit plötzlich laut, er springt über Tische und Bänke.

Meine Tochter mag deinen Sohn trotzdem. Weil er ihr Klassenkamerad ist und weil der Lehrer sie gebeten hat, auf ihn aufzupassen. Und das tut sie. Sie ist eine Art Puffer zwischen deinem Sohn und seinen Kameraden. Sie beruhigt ihn, sie ermahnt ihn, sie entspannt ihn.

Ich verstehe, dass Du dein Kind auf diese Schule schickst und nicht auf eine andere, auf der er unter Garantie große Probleme und höchstwahrscheinlich Medikamente bekommen hätte um zu funktionieren. Und wie schön, dass Du dir mittags und nachmittag für ihn Zeit nehmen kannst.

Und jetzt komme ich zu meinem „Aber“. Denn ich kann das nicht. Ich bin berufstätig. Ich sehe meine Tochter an vielen Tagen erst am Abend. Und dann ist sie oft sehr erschöpft. Manchmal auch verletzt. Am Bein, am Arm. Weil Dein Sohn sie in seiner übersprudelnden Energie an den Haaren gerissen hat oder ihr und anderen einen Ball in den Bauch getreten hat.

Ich verstehe vollkommen, das er die Energie irgendwo loswerden muss. Ich habe selbst einen sehr munteren Sohn. Wie schön, dass es an dieser Schule möglich ist, ohne Medikamente. Ohne Strafen. Ohne, dass deinem Sohn täglich verdeutlicht wird, dass er nicht so funktioniert, wie die Gesellschaft das erwartet. Aber, und das ist mein zweites „Aber“, all das geht auf Kosten meiner Tochter. Und der anderen Kinder. Wenn dein Sohn nicht zu beruhigen ist, geht die ganze Klasse den ganzen Vormittag lang spazieren. Oder gräbt ein Feld um. Das hat zur Folge, dass meine Tochter bisher weder richtig Lesen noch Schreiben gelernt hat.  Sie musste sich um deinen Sohn kümmern und hat das auch ganz wunderbar getan.

Aber leider kann ich nicht – so wie du – die Nachmittage dazu nutzen, um das Verpasste zu wiederholen und zu vertiefen.

Ich bin froh, dass dein Sohn so munter und fröhlich ist. Und so gut mitkommt. Meine Tochter allerdings hat eine Narbe am Knie. Und wenn ich mir ihr abends lesen will, oder Mathe mache, klappt das überhaupt nicht und ich muss ich sofort an die Schule denken. An die Lautstärke und an deinen Sohn. Der so wild und munter und unruhig ist, dass er nur neben einem ruhigen, freundlichen und fürsorglichen Mädchen sitzen darf … oder vor die Tür muss. Das ist doch irgendwie ungerecht, oder ? Soll das so weitergehen, bis zum Abitur? Wie wollen wir uns einigen? Hast Du vielleicht eine Idee? Ich bin dankbar über Vorschläge.

Foto&Text: bw

1 Kommentar

Was soll das denn???

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