Strafarbeiten erzeugen Frust, sonst gar nichts

Gestern Mittag habe ich aus erzieherischen Gründen die Schuhe vom Kind  vom Balkon geworfen. Ich fand das gut. Bis kurz vor Mitternacht. Da fiel mir ein, dass heute Nikolaus ist und nun kein Schuh da. Ich schreibe das hier auf, um zu zeigen, dass ich pädagogisch nicht gerade in der Oberliga spiele. Eher so Kreisklasse mit kaputtem Knie und Rücken, wenig Balltalent und immer kurz vorm Totalverlust der elterlichen Würde.

Ich habe deshalb auch sehr viel Verständnis für pädagogisches Versagen. Auch bei Lehrern. Gerade bei Lehrern, denn die haben nicht eins, sondern bis zu 30 prä-, sub- oder postpubertierende Nervensägen vor der Nase. Ich erwarte nicht, dass Lehrer immer alles im Griff haben. Ich finds nicht schlimm, wenn sie mal lauter werden, ein Kind vor die Tür setzen oder auch mal ungerecht sind. Bin ich auch.

Wofür ich aber nach sieben Jahren Schulkinderhaben kein Verständnis mehr habe, ist das inflationäre Verteilen von vollkommen sinnentleerten Strafarbeiten. Lange dachte ich, meine Kinder kriegen nur deshalb Strafarbeiten auf, weil sie so wahnsinnig schlecht erzogen sind. Zum Teil stimmt das natürlich. Seltsamerweise gibt es aber Lehrer, die auch mit meinen und den vielen anderen unglaublich schlecht erzogenen Kindern wunderbar zurechtkommen, ganz ohne nutzlose Strafarbeiten.

Es gibt Tage, da haben meine Kinder mehr Straf- als Hausarbeit auf. Nun würde ich sie ja akzeptieren, wenn sie irgendeinen Lerneffekt hätten. Das Kind stört im Unterricht und passt nicht auf – prima bitte eine Zusatzaufgabe zum Thema daheim erledigen. Aber die müsste man dann als Lehrer ja kontrollieren und das ist natürlich sehr aufwändig, wenn man Strafarbeiten verteilt, wie Konfetti am Kölner Karneval.

Der Stift kullert vom Tisch – zack – Seite 74 abschreiben. Zweimal versteht sich. Einmal kurz herumgedreht – ebenso. Dem Sitznachbarn kurz geholfen – willkommen im Club des verdorbenen Nachmittags. Mit Verlaub, aber wenn ein Lehrer in einer einzigen Schulstunde sieben Strafarbeiten an sieben Kinder verteilen muss, dann ist das ein entweder ein pädagogischer Kontrollverlust oder ein Zeichen von maximaler Hilflosigkeit.

Und dann ist es ja leider so: Das doppelt und dreifache Abschreiben von wahllosen Buchseiten erzeugt Frust und Abneigung gegen den Lehrer. Sonst gar nichts. Gleiches gilt für schreibe-20-Mal-ich-darf-nicht-dazwischen-reden.

Und noch etwas: Kinder sind nicht doof. Die merken das, wenn ein Lehrer nur deshalb Strafarbeiten verteilt, weil der keinen blassen Schimmer hat, was er sonst machen könnte, um die Achtung und das Vertrauen seiner Schüler zu gewinnen. Kinder differenzieren schon in der Grundschule sehr genau, ob der Strich, der Eintrag oder die Extraaufgabe mit Recht vergeben wurde oder nur aus einer Kombination aus schlechter Laune, auf dem Kieker haben und Überforderung heraus.
Und wenn wir gerade dabei sind. Es ist auch kontraproduktiv, eine ganze Klasse in der Pause strafweise im Klassenzimmer zu lassen, weil sie unruhig war. Die ist danach noch viel unruhiger. Versprochen.
Auch Kollektivstrafen erzeugen ausschließlich Abneigung und vergiften zusätzlich das Klassenklima. Adieu schöne Lernatmosphäre. Und ja, es ist auch total doof, Grundschüler zu zwingen, banale Entschuldigungsbriefe an Klassenkameraden zu verfassen („Tut mir leid, dass ich deinen Radiergummi angemalt habe, ich werde es auch nie wieder tun.“). Das Verhältnis der Kinder wird das sicherlich nicht verbessern.

Und man muss auch nicht wegen jeder Kleinigkeit bei den Eltern anrufen oder die „Vergehen“ der Kinder täglich im Hausaufgabenheft vermerken. („Der XY, hat heute seinen Banknachbarn geschubst, ein schlimmes Schimpfwort benutzt  und dann mehrfach laut hereingeredet.“). Man stelle sich nur mal vor, wie das wäre, wenn das der eigene Arbeitgeber täglich täte. Richtig. Entwürdigend.

Deshalb habe ich übrigens auch um Mitternacht die Kinder-Schuhe wieder hochgeholt und mit Schokolade gefüllt. Es war gar nicht so schlimm und das Kind hat mich heute Morgen sehr fest umarmt. Wir sind nämlich  erwachsen. Und wenn wir möchten, dass Kinder respektvollen Umgang mit anderen Menschen lernen, dann ist der erste Schritt dazu, die Kinder respektvoll zu behandeln.

(Für J. <3)

 

1 Kommentar

Sehr gut!!!

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