Man wird ja wohl noch schlagen dürfen…

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Bild: Simon Hofmann

Meine Kollegin ist heute aus der katholischen Kirche ausgetreten.  Sie ist Mutter von zwei kleinen Kindern, sie macht sicherlich in Sachen Erziehung nicht alles perfekt und sie ist so ehrlich zuzugeben, dass sie über den Austritt schon länger nachgedacht hat.  Warum jetzt an diesem Montagmorgen? Wegen Papst Franziskus. Der hat vergangene Woche in seiner wöchentlichen Generalaudienz über die Rolle des Vaters in der Familie gesprochen.

Dabei hat er einige kluge Dinge gesagt, er hat aber auch etwas sehr Dummes gesagt.

Zunächst hat er einen Vater zitiert mit folgendem Satz: „Manchmal muss ich meinen Sohn ein wenig verhauen. Aber nie ins Gesicht, um ihn nicht bloßzustellen“.
Soweit der Vater.

Achtung, jetzt kommt das Dumme. Der Papst sagte nämlich: „Wie schön“, und weiter: „Das ist der Sinn der Würde. Er muss bestrafen, auf gerechte Weise und dann weitergehen.“

Frei nach dem Motto: Man wird ja wohl als Vater noch ein bisschen schlagen dürfen…

Wir würden nun gerne glauben, dass das nur  ungeschickt ausgedrückt war. Oder falsch übersetzt. Und dass er das überhaupt alles nicht so gemeint hat. Der Papst.

Aber was zum Teufel, kann man da missverstehen?

Auch ich bin Mutter zweier Kinder, die mich mitunter an den Rand des Wahnsinns treiben und zur höchst unpädagogischen Furie werden lassen. Ich habe meine Kinder schon so angebrüllt, dass die Wände wackeln. Ich habe idiotische Strafen in Aussicht gestellt und nicht eingehalten. Ich habe ihnen mehrfach für mindestens eine halbe Stunde verboten, das Kinderzimmer zu verlassen (Freiheitsberaubung?). Ich habe ihnen Gegenstände aus den Händen gerissen, mit denen sie auf andere  Kinder losgehen wollten.

Ich habe dabei schon unzählige Male irgendwo auf diesem steinigen Weg der Erziehung und des familiären Zusammenlebens meine eigene Würde verloren. Aber ich habe niemals die Würde meiner Kinder verletzt, indem ich die Hand gegen sie erhoben habe. Ich möchte niemanden verurteilen.  Ich kenne  durchaus Mütter, die mir verzweifelt erzählt habe, ihnen sei in einer restlos eskalierten Streitsituation die „Hand ausgerutscht“.

Alle hatten eines gemeinsam: Sie haben sich unendlich geschämt. Sie wussten genau, dass es falsch war, das Kind zu schlagen. Und sie wollten kein Verständnis für ihr Verhalten sondern darüber sprechen. Über die eigene Scham und über die Hilflosigkeit.

Möglicherweise hat auch jener  Vater, von dem Papst Franziskus sprach, eigentlich genau das gesucht:  Trost und Zuspruch. Vielleicht hat er gehofft, dass  die Kirche ihm die Stärke und Kraft geben kann, geduldig, nachsichtig  und langmütig im Umgang mit den eigenen Kindern zu werden.  Vielleicht hat er sich sogar Vergebung für seine Ungeduld erhofft.

Kraft, Trost, Zuspruch, Hilfe, Güte und Vergebung. Dies dürfen wir von einem Papst erwarten. Aber sicher nicht die Absolution für das Schlagen von Kindern, den schwächsten und schutzlosesten Mitgliedern in unserer Gesellschaft.

Meine Kinder haben mir das übrigens nicht geglaubt, dass der Papst das gesagt hat.

„Das kann nicht sein“, ist meine Tochter überzeugt.
„Weil alle Menschen in der Kirche immer gute Menschen sein müssen.“

von  Sarah Hinney

 

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1 Kommentar

Hallo Frau Hinney,
ich habe großen Respekt davor, dass Sie diesen Entschluss gefasst haben.
Mein Sohn ist 19 und meine Tochter fast 16 Jahre, meine Frau und ich haben es geschafft nicht einmal die Hand gegen unsere Kinder zu erheben worauf wir auch Stolz sind. Dazu müssen Sie wissen das Ich, unter einer brutalen Kindheit mit viel Schlägen und Gewalt gegen uns Kinder aufgewachsen bin und mir schon als Kind geschworen habe niemals meine Kinder, Gewalt anzutun. Ich habe es bis heute nicht vergessen und sowas darf sich einfach nicht wiederholen..
Mit freundlichen Grüßen
Manfred Bube

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