Mein Kind ist bereit für die Inklusion. Aber bin ich es auch?

Inklusion
Liebe S.,

Ich sitze auf einem sehr kleinen Stühlchen. Links hat sich ein Vater auf ein ebenso kleines Stühlchen gequetscht. Rechts neben mir sitzt … ? Mist, Namen vergessen, nennen wir sie einfach mal, die Mutter von Lea.* Ich trage eine große schwarze Sonnenbrille. Heute ist nämlich das Abschiedsfest im Kindergarten und ich musste bisher jedes Jahr hemmungslos schluchzen, obwohl meine Tochter weiterhin im Kindergarten blieb. Deshalb die Sonnenbrille. Unser Kindergarten ist nämlich so schön, dass ich morgens – wenn ich H. auf dem Weg zur Arbeit ablieferte – gerne einfach auch dageblieben wäre und mich in die Puppenecke gelegt hätte. Hier stimmt einfach alles und das ist nicht selbstverständlich. Wir haben einige andere Einrichtungen ausprobieren müssen …

Aber zurück zum Thema.

Und das ist heute: Inklusion.

Unser Kindergarten hat nämlich immer mindestens ein Kind in jeder Gruppe, mit „besonderen Bedürfnissen.“

Huch!

Ich werde aus meiner entspannten Erwartungshaltung auf meinem Stühlchen rausgerissen. Lea hat mir die Noten fürs gemeinsame Singen aus der Hand gerissen und quer durch den Raum geschleudert. Die anderen Mütter schauen mich komisch an, sie denken wohl, ich war das. Schnell die Noten geholt und mich wieder aufs Stühlchen gequetscht.

Ich schaue Lea streng an.

Sie schaut vollkommen ungerührt zurück und als ich mit dem Kopf schüttele, beginnt sie mich auch noch nachzuahmen. Ich überprüfe den Sitz der Sonnenbrille, sie macht es mir nach. Und als bei mir die ersten Tränen der Rührung hervorkullern – ahmt sie mich weiterhin nach. Leas Mutter unterhält sich angeregt mit dem Vater auf ihrer anderen Seite. Von ihr kann ich keine Hilfe erwarten. Aber warum auch, denke ich plötzlich. Warum sollte Lea aufhören, mit Noten zu schmeißen und sich auf andere Weise zu unterhalten. Ihr ist nun mal langweilig.

Lea hat das Down Syndrom.

Drei Jahre ging sie mit meiner Tochter gemeinsam in unseren fantastischen Kindergarten. Und nicht nur wegen Lea musste ich mich immer mal wieder kritisch zurechtweisen. Bin ich nicht absolut wirklich liberal? Bin ich nicht für Wahlfreiheit, für die Gleichheit aller Menschen und natürlich für Inklusion?

Tatsache ist, man kann für viele Dinge sein. Wenn sie einem dann aber begegnen, ist es nicht mehr so einfach „JA“ zu schreien. Überall dort, wo man dem Fremden, dem Anderen, dem Ungewöhnlichen begegnet – begegnet man auch sich selbst.

Und oft auch seinem hässlichen Selbst.

Dem bin ich zum Beispiel begegnet, als Heinrich, das andere „Inklusionskind“ im Kindergarten, meine Tochter so heftig in die Schulter biss, dass sie mit einer tiefen Wunde nach Hause kam. Oder, als sie nur noch mit Kappe in den Kindergarten gehen sollte, weil Heinrich ihr sonst bei jeder Gelegenheit so heftig an den Zöpfen zog, dass sie weinen musste. Ihm war es oft einfach zu hektisch und zu eng. Das war seine einzige Möglichkeit, darauf aufmerksam zu machen.

Das konnte ich natürlich verstehen.

Aber wieso meine Tochter? Wieso mein zartes, defensives Kind, dass sich niemals trauen würde, ein anderes Kind zu ärgern, oder sich zu wehren, und dass einfach nicht schnell genug war, um den Attacken zu entkommen?

Ich bin an meine Grenzen der Toleranz gestoßen. Und habe gemerkt, dass die keinesfalls so weit weg sind, wie ich immer dachte. Mein hässliches, kleinliches, gemeines Selbst schaut ganz in der Nähe über den Zaun und raunte mir leise Fiesheiten zu: „Kann der sich nicht besser benehmen?“ Und: „Wenn eine Narbe in der Schulter bleibt, dann ….!“

Zurück zum Abschiedsfest. Alle singen, alle weinen. Die Kinder sitzen stolz in der Mitte mit Kronen auf dem Kopf und sind so munter und fröhlich uns so bereit fürs Leben, wie es nur ein wirklich guter Kindergarten vorzubereiten vermag. Lea macht mich immer noch nach. Ich muss lachen.

Zwei Tage später sind wir mit den Fahrrädern unterwegs. Lea wohnt ganz in der Nähe. Ich grüße sie. Sie schaut mich ungerührt an. Meine Tochter dagegen beginnt ein lebhaftes Gespräch mit Lea. Lea erzählt etwas. Ich glaube das Wort „Schule“ zu verstehen.

Wir fahren weiter.

„Und freut sich Lea auf die Schule?“ frage ich H. Sie schaut mich komisch an. „Lea hat gerade erzählt, dass sie mit ihrer Familie heute nach Kalifornien fliegt. Ihr Vater ruht sich gerade noch aus, er hat versucht einen Schrank zu verschieben und hat jetzt Rückenschmerzen. Außerdem hat Lea mein neuer Fahrradhelm gefallen …“.

Ich bin sprachlos.

Und so froh. So froh, dass meine Tochter es niemals in Frage stellen wird, mit den unterschiedlichsten Kindern, die die unterschiedlichsten Bedürfnisse haben, gemeinsam aufzuwachsen und zur Schule zu gehen.

In diesem Sinne,
Deine …

*Die Namen der Kinder wurden geändert.

* Die wunderbare Illustration ist aus Birte Müllers ebenso wunderbarem Bilderbuch: Planet Willi, Klett Kinderbuch 2012. www.klett-kinderbuch.de/index.php?id=261

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