Alleinerziehende sind keine Familie. Oder doch?

Alleinerziehende, oder besser: Ein-Eltern-Familien, sind die stillen Helden unserer Gesellschaft. Sie sind eine gesellschaftliche Gruppe ohne Lobby, ohne Glamour, ohne Schlagkraft. Sie sind der schwächste ökonomische Teil der Gesellschaft – die zudem vom Gesetzgeber in den vergangenen Jahren immer stärker benachteiligt wurde und weiterhin wird. Erst durch das neue Scheidungsrecht, dann kam das neue Unterhaltsrecht, das neue Umgangsrecht, das neue Sorgerecht … Stadt-LandKind hat sich gefragt: wie schaffen die das bloß? Und hat einige von ihnen zu Hause besucht.

In Deutschland ist jede fünfte Familie alleinerziehend. 2,2 Millionen Kinder wachsen bei nur einem Elternteil auf. Meist leben die Kinder bei den Müttern. 90 Prozent aller Alleinerziehenden sind Frauen. Rund ein Drittel aller Alleinerziehenden ist arbeitslos, ein weiteres Drittel zählt zu den Geringverdienern (Quelle: Bertelsmann Stiftung 2014 –Alleinerziehende unter Druck. Prof. Dr. Anne Lenze, Hochschule Darmstadt). Einen Vollzeitjob können nur wenige annehmen, oft fehlt es an Kinderbetreuungsplätzen und Ganztagsschulen.

Zudem werden Alleinerziehende im Familien-, Steuer- und Sozialrecht systematisch benachteiligt. Jedes zweite Kind das in Deutschland auf Grundsicherungsleistungen angewiesen ist, wächst in einer Ein-Eltern-Familie auf. Diese Familienform ist die einzige mit Zuwachsraten in Deutschland. Alleinerziehende sind fünfmal so oft auf Hartz IV angewiesen wie Paarfamilien. Viele „Reformen“ der vergangenen Jahre haben die Situation Alleinerziehender noch verschlechtert.

Erstes und bestes Beispiel: Das Unterhaltsrecht. Per Gericht wurde festgelegt, dass Alleinerziehende mit Kindern über drei Jahren voll erwerbstätig sein müssen. Ein katastrophal ungerechtes Gesetz! Der vom Gericht festgesetzte Unterhalt für ein Kind reicht nicht aus, um das kindliche Existenzminimum zu decken, geschweige denn die steigenden Bedarfe für Bildung, Persönlichkeitsentwicklung und soziokulturelle Teilhabe (Lenze, 2014, S.7). Ebenso absurd: Seit der Abschaffung des Haushaltsfreibetrags für Alleinerziehende Ende des Jahres 2003 werden Alleinerziehende – insbesondere in den unteren Einkommensbereichen – fast so besteuert wie Singles, obwohl sie mit ihrem Einkommen auch ihre Kinder versorgen. Selbst im internationalen Vergleich werden Alleinerziehende in den unteren und mittleren Einkommensbereichen überproportional hoch durch Steuern und Sozialabgaben belastet und dies macht es ihnen fast unmöglich, ihre Kinder mit ihrem Einkommen zu versorgen.

Abb-02-Presse-Erwerbstätigenquote

Die Politik hat einen massiven Anteil daran, dass es Alleinerziehenden in Deutschland finanziell deutlich schlechter geht als beispielsweise in Frankreich oder Skandinavien. In  Skandinavien müssen nur zehn Prozent von ihnen mit weniger als der Hälfte des Durchschnittseinkommens auskommen, bei uns sind es mehr als ein Drittel. Warum kann ein kinderloses Ehepaar mit einem drastischen Gehaltsunterschied bis zu 15 000 Euro Steuern im Jahr sparen? Warum haben berufstätige Alleinerziehende nur einen Freibetrag von 1300 Euro? Das zeigt, welche Lebensform der Staat subventioniert und welche nicht. Und es führt dazu, dass Alleinerziehenden der Status der Familie einfach aberkannt wird.

Alleinerziehende zahlen also zu viele Steuern – weil man die Unterhaltsleistungen an ihre Kinder steuerlich nicht berücksichtigt und auch sonst die Vorteile, die der Gemeinschaft durch ihre Investition in Kinder entstehen, sozialisiert (sprich: ihnen wegnimmt), den Aufwand aber bei ihnen belässt.

Das bedeutet nicht nur eine größere Existenznot der Betroffenen, sondern zeigt ganz klar: die alltägliche Leistung dieser Familienform wird weder honoriert noch geschätzt, noch unterstützt.

Noch ein Satz zum Unterhalt: Der viel beschworene „Unterhaltsvorschuss“ vom Jugendamt wird nur bis zum 12. Lebensjahr eines Kindes bezahlt (kosten Kinder dann nichts mehr?) und der monatliche Betrag deckt noch nicht einmal die Betreuungskosten (130 Euro für Kinder bis 6 Jahre, 180 Euro für Kinder von 6 bis 12 Jahre) – geschweige denn das Existenzminimum des Kindes. Übrigens: Alleinerziehende Mütter sind häufiger in einem Vollzeitjob erwerbstätig (45 Prozent) als Mütter in Paarfamilien (30 Prozent). Wenn das jüngste der von ihnen betreuten Kinder drei Jahre alt ist, verlieren sie einen eigenen Anspruch auf Unterhaltszahlungen.

Trotzdem gilt: Das Leben Alleinerziehender ist nicht an sich unglücklicher als das Leben in anderen Familien. In den Gesprächen mit zahlreichen Ein-Eltern-Familien wurde deutlich: Wenn der Alltag nicht von Existenzangst oder Auseinandersetzungen mit dem Ex-Partner belastet werden, haben viele eine sehr innige Beziehung zu ihren Kindern.

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Eigentlich hatte sich Silvia Förster ihr Leben anders vorgestellt. Sie selbst wuchs in einer intakten Familie auf und ihr war immer klar: „das will ich auch!“ Doch als der gemeinsame Sohn zwei Jahre alt war, trennte sich ihr Partner plötzlich von der heute 44-Jährigen. Seitdem lebt er mit einer anderen Frau und deren drei Kindern zusammen, das Sorgerecht für den sechsjährigen Felix teilen sie sich. Auch an der Betreuung – zwei Tage ist Felix bei seinem Vater in der neuen Patchworkfamilie – und der finanziellen Versorgung beteiligt sich der Vater. Doch, um ohne Existenzangst finanziell über die Runden zu kommen, ist Silvia auf die Unterstützung ihrer Eltern angewiesen. „Und dafür bin ich so dankbar! Ich weiß genau, was ich für ein Glück habe, als Alleinerziehende ohne finanziellen
Druck abends einschlafen zu können …“

„Von meiner Teilzeitstelle und dem Unterhalt könnte ich unseren Lebensstandard auf keinen Fall halten.“

Silvias Wunsch nach einer „richtigen“ Familie ist immer noch groß. Und manchmal, „wenn ich Väter mit ihren Kindern auf dem Spielplatz beobachte, ist der Schmerz wieder da. Obwohl ich vom Kopf her genau weiß, dass es bei uns nie wieder so sein wird.“ Trotzdem: Das „Wichtigste ist, dass es Felix gut geht. Und ihm geht es gut, das weiß ich. Und ich genieße die innige Beziehung zu ihm sehr …“

„Auch etwas Positives? Nein. Für mich war die Trennung und Tatsache alleinerziehnd zu sein, der persönliche Supergau. Ich finde es auch nicht normal, wenn Mütter ihre Kinder allein großziehen. Vielleicht bin ich für diese Vorstellung zu konservativ.“ Einen Tag vor dem ersten Geburtstag der gemeinsamen Tochter verließ der Vater Ulrike R. und ihre Tochter Ella (*Namen geändert). „Die Trennung kam nicht ganz plötzlich. Wir hatten uns im ersten Jahr nach der Geburt immer weiter voneinander entfernt. Dazu kamen Konflikte und Auseinandersetzungen. Die fest angestellte Hebamme brauchte Jahre, um mit der Trennung klarzukommen. „Zum Glück hatte und habe ich einen sehr verständnisvollen Arbeitgeber, der mich meine Dienste so einteilen lässt, dass wir uns Ellas Betreuung teilen könnnen.“ Jeden Tag holt Ulrike ihre Tochter aus dem Kindergarten ab und betreut sie am Nachmittag, fährt sie zum Ballett und zur Musikschule. Die Abende und Nächte verbringt Ella dann bei ihrem Vater, wie auch jedes zweite Wochenende. Eigentlich ist alles bestens organisiert. Nur die Wochenenden waren die ersten Jahre richtig hart. „Im Alltag sind ja die meisten Mütter praktisch alleinerziehend. Aber am Wochenende – da hat niemand Zeit. Ich bin dann irgendwann zum „Alleinerziehenden-Treff“ von ‚pro familia‘ gegangen und hier habe ich Freundschaften geschlossen, die bis heute halten.“ Klar ist, ohne dass der Vater die Hälfte der Betreuung übernimmt, könnte Ulrike nicht arbeiten.

„Wie andere Mütter das ganz ohne Hilfe des Vaters schaffen, ist mir ein großes Rätsel“

Bei Katharina und Simon (*Namen von der Redaktion geändert) lief eigentlich alles gut. Bis Katharina vor sechs Jahren schwanger wurde. Plötzlich verschlimmerten sich die psychischen Probleme ihres damaligen Partners, er entwickelte eine tiefe Depression mit wirren manischen Phasen. „Als ich eines Tages nach Hause kam, hatte er mein Arbeitszimmer komplett verwüstet, jedes Buch aus dem Regal gerissen, jeden Zettel untersucht – auf der Suche nach Beweisen für meine Untreue.“  Katharina zog einen Schlussstrich – für sich. Doch nach der Geburt setzte der Vater durch, dass er das Baby regelmäßig sehen durfte. „Ich wollte bei diesen Treffen nicht dabei sein. Simon schrie und weinte jedes Mal. Das überstieg meine Kraft.“ Als der Vater merkte, dass Katharina sich verweigerte, brach er den Kontakt komplett ab. Katharina hatte kurz vor Simons Geburt ihre Doktorarbeit eingereicht, zurzeit schließt sie die Habilitation im Fach Ethnologie ab und hat eine Professur an der Universität Münster. Katharina pendelt regelmäßig von Heidelberg nach Münster, wenn es passt, nimmt sie Simon mit. Die restliche Zeit wird er von einem befreundeten schwulen Paar betreut. Das klappt bestens.

„Das größte Geschenk, das mir die Situation als Alleinerziehende gemacht hat, sind die vielen guten Freunde. Das hat mich gerettet.“

Seitdem ist das Thema Freunde für Katharina untrennbar mit dem Thema „Alleinerziehend“ verbunden. „Ich habe früh begriffen, ich muss um Hilfe bitten und sie dann auch annehmen, auch wenn mir das anfangs schwer fiel. Ich mache das für meinen Sohn. Ich wollte und musste Menschen in unser Leben lassen.“ Denn diese symbiotische, alleinige Zweisamkeit zwischen Mutter und Sohn, das wollte sie nicht. Inzwischen schätzt die Professorin ihre Freiheit und die würde sie „auch nicht mehr aufgeben.“

Und wie ist die Situation für ihren Sohn? „Für Simon wurde das Thema Vater immer wichtiger. Ich war sehr offen mit ihm, er weiß, dass sein Vater krank ist und sich nicht kümmern kann. Aber irgendwann begann er Geschichten von seinem abwesenden Papa zu erfinden: „Mein Vater wurde in Indien von Krokodilen gefressen.“ Davon erfuhr Katharina übrigens ganz nebenbei, beim Abholen, als eine Erzieherin ihr Beileid zu diesem tragischen Ableben Ausdruck verlieh.

Bettina Wolf // Quelle: Bertelsmann-Studie, Dr. Anne Lenze, Hochschule Darmstadt.2014, bertelsmann-stiftung.de

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