Meine beste Freundin, ihr Baby und ich

skalFolgeXVKurz bevor ich an diesem Abend den Klingelknopf drücken möchte, fällt mir Tinas SMS wieder ein: „Bitte nicht klingeln, Paulina schläft schon.“ Die Katastrophe erübrigt sich, denn Tina öffnet mir bereits die Haustür und legt ihren Zeigefinger auf den Mund. Sie flüstert mir ein leises „Komm rein“ ins Ohr, schließt die Tür hinter mir und führt mich direkt ins Wohnzimmer, das einem Spieleparadies gleicht. Rot, Blau, Grün, Türkis, Gepunktetes, Gelb, Gestreiftes … ein wahrliches Farbenspiel springt mich an. Kuscheltiere, Bauklötze, Stifte, Bücher …

Wir setzen uns und ich weiß gar nicht genau, wo ich meine Tasse abstellen soll, die mir Tina in die Hand drückt. Denn was früher mal ein Couchtisch war, ist jetzt ein Spiel- und Basteltisch. „Wie hast Du das Loch da reinbekommen?“, frage ich sie und zeige auf den Tisch, in dessen Mitte ein Korb eingelassen ist, aus dem Kuscheltiere und Malbücher herausgucken.  Wo soll ich nur die Tasse abstellen … „Mit einer Stichsäge. Ist doch klar“, sagt sie und nippt an ihrer Tasse. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass sie jemals so ein Werkzeug besessen hat. Sie klärt mich auf. So sieht also Nachbarschaftshilfe unter Müttern aus: Von wegen Stricknadeln oder Kochrezepte tauschen, hier wechseln Säge, Hammer und Farbeimer den Besitzer. Schon während ihrer Schwangerschaft nähte und gestaltete Tina was das Zeug hielt. Jetzt geht es gerade so weiter.  „Im Winter habe ich vor, hier und hier noch zwei Löcher hineinzusägen“, erklärt sie mir und tippt auf den Tisch. „Für Stifte und Co.“

Ich: „Ist Paulina auch schon so bastelbegeistert wie Du?“

Ich wundere mich darüber, wie viele Spielsachen in ein Zimmer passen können und  finde doch noch ein Plätzchen für meine Kaffeetasse.

Tina: „Nein, noch nicht. Obwohl: Schau mal an den Kühlschrank.“

Auf dem Weg zur Küche trete ich auf ein Bauklötzchen, macht aber nichts. Dann sehe ich Paulinas erstes kreatives Werk. Ihr erstes gemaltes Bild ist an den Kühlschrank gepinnt, sodass es alle sehen, die sich an ihm bedienen wollen. Schwarze, blaue, lilafarbene und orangene Striche sind darauf zu sehen. „Nicht schlecht, so futuristisch. Auf dem Kunstmarkt würde es bestimmt ganz hoch gehandelt werden“, sage ich zu Tina, zwinkere ihr zu und strecke meinen Kopf um die Ecke. „Ja“, sagt sie und schaut etwas verträumt auf den Fernseher. Als ich die Bauklötzchen aus dem Weg geräumt und mich wieder neben sie setze, weiß ich auch warum. Auf einem Sender ist gerade eine junge Mutter zu sehen, die davon erzählt, wie glücklich sie ist, vor ein paar Tagen zum ersten Mal Mutter geworden zu sein. Ihr Kind ist so klein wie eine Puppe.

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Paulina ist inzwischen 17 Monate alt und schon lange kein Baby mehr. Sie hat ihren eigenen Kopf, Lockenkopf um zu genau zu sein. So demonstriert sie, wenn ich sie sehe, was sie schon Neues kann. Da wäre zum Beispiel das Wörtchen „Nein“. Das kann sie schon gut und wackelt dann auch immer mit ihrem Zeigefinger von links nach rechts, weil Mama das so macht. Oder auch das Wörtchen „heiß“ gehört jetzt zu ihrem Wortschatz. Das kennt sie auch von Mama, deren Kaffeetasse immer so heiß ist. Meine übrigens auch und stelle sie wieder ab.

Während ich darüber nachdenke, wie viel Paulina in den vergangenen Monaten schon gelernt hat, beobachte ich Tina. Sie liegt mit dem Bauch auf dem Sofa, den Kopf in beide Hände gestützt, den Blick starr auf den Bildschirm gerichtet. In der Sendung ist gerade zu hören, wie das Neugeborene schreit. Sie merkt, dass ich sie beobachte und schaut zu mir rüber.

Tina: „Es ist unglaublich, aber ich kann mich schon gar nicht mehr daran erinnern, wie es war, als Paulina erst wenige Tage oder Wochen alt war. Das ist schon so lange her.“

Stimmt, das ist es. Erst kürzlich schickte ich Tina ein Bild, das ich beim Aufräumen meines digitalen Fotoalbums gefunden habe: Es zeigt Paulinas und mein erstes Aufeinandertreffen. Viel erkennen kann man darauf nicht. Es zeigt viel mehr ein in eine Decke eingehülltes Menschlein auf meinem linken Arm. Ganz klein.

Ich: „Hat Paulina denn schon wieder etwas Neues dazu gelernt?“

Tina: „Ja, es geht so schnell. Aber vor allem zeigt sich immer mehr, was ihr Spaß macht und was sie leidenschaftlich gerne macht.“ Ihr Blick ist wieder dem Fernseher zugewandt.

So liebt Paulina immer mehr ihre Bücher. „Sie sitzt ganz oft auf ihrem Schaukelstuhl, während ich hier zu tun habe. Wenn es leise wird, dann frage ich mich, was sie wohl wieder anstellt. Aber dann sehe ich wie sie sich ihre Bücher ganz konzentriert anschaut, Bild für Bild“, sagt Tina. Davon konnte ich mich des Öfteren auch schon selbst überzeugen. Außerdem scheint der Bücherstapel im Wohnzimmer gewachsen zu sein. Der Buchstaben-Teppich, auf dem sie anfangs krabbelte, wurde allmählich verkürzt. Von A bis Z, auf A bis M … bis E. Jetzt ist er ganz gewichen.

Apropos Buchstaben: Auch den allerersten Besuch in der stadtlandkind-Redaktion haben Paulina und ihre Mama schon hinter sich. Klar, dass sich Paulina hier wohlgefühlt hat, denn wer Bücher mag, ist da, wo es ganz viele Buchstaben gibt, gut aufgehoben. Und wenn man dann noch ein neues Bilderbuch geschenkt bekommt, ist der Tag gerettet „Sie hat es den ganzen Heimweg lang im Kinderwagen nicht aus den Händen gegeben“, erzählte mir Tina und schickte mir ein Bild davon.

Das Babyschwimmen ist immer noch eine große Leidenschaft von ihr. Wurde sie anfangs durch das Wasser gezogen, planscht sie jetzt schon selbst darin. „Davon ist sie abends dann auch richtig müde“, sagt Tina, setzt sich aufrecht hin und stellt den Fernseher leiser.

Tina: „Und ich habe eine weitere Leidenschaft entdeckt: Sie liebt es, Auto zu fahren.  Das Wohnzimmer macht sie jeden Tag mit ihrem Bobbycar unsicher.“

Das kann ich mir vorstellen, sie scheint es vorhin direkt vor dem Kühlschrank geparkt zu haben.

Tina: „Aber hinten zu sitzen, wenn ich fahre, findet sie blöd.“

Paulina ist ein Papakind: Wenn Markus von der Arbeit nach Hause kommt, dann steht sie an der Tür und ruft ,Papa, Papa, Papa’. „Wenn ich zu ihr sage, Papa kommt gleich, dann sagt sie ,brummbrumm’“, sagt Tina und schildert mir das allabendliche Szenario: Paulina bleibt dann an der Tür stehen, bis Papa auf die Einfahrt kommt. Er schaltet den Motor aus, sie springt dann auf seinen Schoß und verstellt alle Sender im Radio, schaltet die Warnblinker und Scheibenwischer an und versucht zu lenken. „Dann wissen auch wirklich alle Nachbarn, dass mein Mann nach Hause gekommen ist“, sagt Tina und lächelt.

Paulina aus dem Auto dann wieder herauszubekommen, ist harte Arbeit. Das geht aber am besten mit Essen. Ihr Leibgericht sind und bleiben Nudeln. Füttern lassen will sie sich aber schon lange nicht mehr. Dann schüttelt sie den Kopf und dreht sich weg wie eine kleine Diva.

Ich: „Vielleicht wird sie ja einmal eine Rennfahrerin, wenn sie so gerne im Auto sitzt?“

Tina: „Mal sehen, vielleicht. Vielleicht ändert sich diese Leidenschaft auch wieder. Denn für die nächsten paar Jahre muss sie erstmal noch im Auto hinten sitzen – und das mag sie gar nicht.“

Außerdem hat sich das allabendliche Familienritual, das gemeinsame Abendessen, erweitert: „Nach dem Essen laufen wir zu dritt noch ein bisschen spazieren. So kommen wir an die Luft – das ist eine schöne Familienzeit und tut uns allen gut. Danach wird noch ein bisschen aufgeräumt und dann kann der nächste Tag kommen“, sagt Tina.

In der Fernsehsendung schreit das Neugeborene. Tinas Blick richtet sich erst auf den Bildschirm, dann auf das Babyfon. Alles im grünen Bereich. Paulina schläft wie ein Baby.

Das war nicht immer so, vor allem nicht dann, wenn sie krank ist.

Tina: „Paulina hatte vor Kurzem Fieber, das war anstrengend für sie und auch für uns. Währenddessen ist sie so schnell gewachsen, dass ich sie komplett neu einkleiden musste – von Kopf bis Fuß. Da sieht man mal wieder,  wie schnell die Kinder wachsen … Dabei sieht man es als Eltern ja am wenigsten,  weil man sie jeden Tag um sich herum hat“, sagt Tina und fügt mit einem Zwinkern hinzu: „Aber man merkt es auf jeden Fall am Geldbeutel.“

Stimmt, jedes Mal, wenn ich Paulina sehe, rutscht mir der Satz „Du bist aber groß geworden“ heraus, obwohl ich mich in dem Moment, in dem ich ihn ausspreche, schon wieder über mich ärgere. Aber ich kann nicht anders. Es stimmt einfach. Auch an der Eingangstür fallen mir ihre kleinen Schuhe auf, wobei einige schon viel größer zu sein scheinen als andere.

Ein letzter Blick auf den Fernseher, dann wird der rote Knopf gedrückt. Tina fallen langsam die Augen zu. Nichts wie ins Bett. Licht aus, morgen wird weitergespielt. „Komm gut nach Hause“ flüstert sie mir ins Ohr als sie mich zur Haustür bringt. Als ich zu Hause angekommen bin, sehe ich eine SMS von Tina. „Schlaf gut“, schreibt sie. „Das werde ich. Wie ein Baby.“

Von Ann-Kathrin Weber 

Zur Autorin:

Redakteurin Ann-Kathrin Weber hat zwar selbst noch keine Kinder, schreibt aber besonders gern über Kinderthemen. Für StadtLandKind hat sie ihre Freundin Tina durch die Schwangerschaft begleitet und besucht ab sofort Baby Paulina und ihre Eltern einmal im Monat für uns.

 

 

 

 

 

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