Meine beste Freundin, ihre Tochter und ich

Folge XXIX: „Ich kann alles alleine“

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Paulina dreht kräftig an der Salatschleuder, sie jagt die grünen Blätter förmlich durch sie hindurch. Sie dreht schneller, schneller und schneller. Tina und ich schnippeln währenddessen fleißig das Gemüse in immer kleiner werdende Stückchen. Und für diese brauchen wir natürlich einen kleinen Vorkoster. Wie praktisch, dass Paulina an diesem Abend mit uns kocht. Es schmeckt gut, bestätigt sie uns. Dann winkt sie mich zu sich her und gibt mir zu verstehen, dass sie mir etwas ins Ohr flüstern möchte. „Anki, komm.“ Aber erst zu Ende kauen, denn sonst kann ich kein Wort verstehen. Dann geht’s los. „Meine Mama hat ein Baby im Bauch“, sagt sie, kichert und steckt sich ein weiteres Stückchen Karotte in den Mund, sodass es beim Kauen ordentlich knackt.

Paulina wird also in diesem Jahr eine große Schwester werden. Wie aufregend. Das findet sie übrigens auch.

„Sie erzählt überall, dass sie ein Geschwisterchen bekommt“, sagt Tina, während sie sich die Zucchini vornimmt.

Tina: „Sie fragt jeden Tag nach dem Baby, sie küsst meinen Bauch. Sie kann es kaum abwarten bis es da ist. Wenn sie danach fragt, wann es kommt, dann sagen wir ihr immer, dass dem Baby noch zu kalt ist und es erst im Sommer kommt, wenn es warm ist. Das akzeptiert sie dann.“

Ich: „Ich kann mich noch sehr genau an Deine erste Schwangerschaft und Deine entstandenen Vorlieben erinnern. Ich sage nur: Eiscreme. Merkst Du Unterschiede zur ersten Schwangerschaft?“

Tina: „Ja, ich merke es schon, obwohl ich keine speziellen Vorlieben entwickelt habe. Eiscreme mag ich nach wie vor… Aber ich merke den größten Unterschied darin, dass ich nicht einfach die Beine hochlegen oder schlafen kann, wenn mir danach ist. Paulina fordert Markus‘ und meine ganze Aufmerksamkeit ein, was ja auch gut so ist. Gerade in den ersten Monaten war es für mich aber sehr anstrengend, da ich extrem mit Müdigkeit zu kämpfen hatte. Wenn wir abends alle drei zusammen sind, dann fängt der Tag für uns als Familie quasi ja erst an. Paulina fordert die Familienzeit am Abend mit Mama und Papa.“

Paulina zieht an Mamas Pulli. Genug gequatscht, wie wär’s mit Essen?

Wir decken zusammen den Tisch. Ich soll neben ihr sitzen. Ok, wird gemacht. Sie lehnt sich zu mir rüber.

Paulina: „Teilen, Anki.“

Sie greift sich mein Glas und stellt mir blitzschnell ihren Plastikbecher hin. „Sie will mit dir teilen. Ich habe ihr beigebracht, dass man das macht. Jetzt will sie eben das Getränk mit dir teilen“, sagt Tina, zuckt mit den Schultern und schmunzelt. Wir müssen zusammen aus einem Glas trinken, da duldet sie keine Widerrede. Über die kleinen, schwimmenden Karottenstückchen sehe ich einfach hinweg.

Wir sitzen am Tisch und erzählen über dies und das – und Paulina beteiligt sich am Gespräch. Genauer gesagt, plappert sie alles nach, was man sagt. Das ist mir noch nie so bewusst geworden, wie an diesem Abend.
„Weißt Du, Tina, und dann habe ich …“, sage ich und komme nicht weiter. Denn Paulina plappert hinterher. „Du, Tina …“. Ich muss mich beim Erzählen also ziemlich zurückhalten, schließlich möchte ich nicht, dass sie womöglich Wörter aufschnappt, die eigentlich nicht für Kinderohren gedacht sind, die aber trotzdem einfach so rauskommen. Klingt ziemlich spießig, ist aber echt so. So finde ich das Wetter nicht sch…, sondern ziemlich „schade“ und das, was der oder die gesagt hat, nicht besch…, sondern echt „blöd“. „Das ist aber wirklich echt blöd“, antwortet Tina dann. „Echt, blöd“, sagt Paulina ein Stückchen Pizza kauend hinterher.

Ich: „Wie war euer Weihnachtsfest?“

Tina: „Es war ein sehr schönes Fest – vor allem für Paulina, da die ganze Familie zusammen war, samt Großeltern und Großtante und und und. Wir haben alle zusammen bei uns gefeiert. Klar, dass sich da das Nesthäkchen ganz besonders wohl fühlt, wenn alle ganz in der Nähe sind.“

Ich: „Das kann ich mir vorstellen. Ich weiß ja mittlerweile, dass Paulina Trubel mag. Aber wie war denn die Silvesternacht?“

Tina: „Trubel mag sie wirklich, aber Silvester findet sie nicht so super. Sie ist zurückhaltend und hat Respekt vor den Raketen. Gemeinsam mit Mila, Emil und Maxi, den anderen Kindern in der Nachbarschaft und ihren Eltern, haben wir schon früher am Abend ein paar Raketen in den Himmel gejagt, damit sie etwas davon haben. Den Trubel um Mitternacht hat sie dann allerdings verschlafen …“

Naja, fast. Schlaftrunken, im Schlafanzug und sich müde die Augen reibend stand sie plötzlich im Flur, weil sie vom lauten Knallen aufgewacht ist. Aber sie ist zum Glück auch ganz schnell wieder eingeschlafen.

Was kommt nach dem Essen? Spielen. Was sonst?
Paulina ist zwar noch klein, hat aber schon ihren eigenen Kopf. Und den will sie – komme, was wolle – auch durchsetzen. „Spielen, jetzt“, „Anki, komm! Jetzt“, „Ich zeig’s dir, jetzt“ … das sagt sie nicht nur einmal an diesem Abend. Und sie möchte, wenn möglich, alles alleine machen, egal ob anziehen, ausziehen, Essen schneiden und was man eben sonst noch so alles machen kann.

Eines muss man der kleinen Dame aber lassen: Mit ihren fast drei Jahren ist sie schon ziemlich witzig. So kann ich mir ein herzliches Lachen nicht zurückhalten.
Ein kleines Beispiel? Bitteschön. Ich sitze mit Tina auf der Couch und wir erzählen über unglaublich Wichtiges, wie das Fernsehprogramm oder irgendeine Playlist, die gerade im Hintergrund zu hören ist. Paulina pirscht sich langsam und so geschmeidig wie ein Babytiger – sie stolpert über ein überdimensional großes Puzzlestück – an uns heran bis sie direkt vor meinem Gesicht stehen bleibt.

Paulina: „Was hast Du da?“

Ich: „Hä? Was meinst Du?“

Noch ehe ich das gesagt habe, zeigt sie auf meinen Hals, sodass ich nach unten schauen muss. Dann nutzt sie ihre Chance, stupst meine Nase mit ihrem Finger und kringelt sich vor Lachen. Und ihre Eltern gleich mit. Gar nicht schlecht, die Kleine. Kurz danach schlägt sie mit ihrem Papa ein. Aha, ich weiß also jetzt, von wem sie das hat.

Ich werde zum Spielen geholt. Paulina geht in die „Schule“, schmeißt sich ihren Rucksack um und hält ihre Puppe in der einen und meine Hand in ihrer anderen. Ich muss mich mit ihr auf ihre Miniaturstühle setzen. Dann geht’s los und sie zeigt, was sie schon kann. Zum Beispiel bis 10 zählen – auf Deutsch und auf Spanisch. Das klappt schon super, wenn man zum Beispiel ein Freund der Zahl 7 ist, weil sie in Paulinas Aufzählung zweimal vorkommt. Die Zahl 3 habe ich eh noch nie wirklich außerhalb von Märchen gemocht. Ist also gar nicht so schlimm, dass sie sie einfach weglässt. Genug mit Schule. „Puzzle, jetzt“. Alles klar. In Windeseile sitzt sie über ihrem überdimensionalen Puzzle, das sie auf dem gesamten Teppich verteilt hat. Es ist ihr Lieblings-Puzzle. Das Motiv? Die Feuerwehr.

Tina: „Die Feuerwehr ist momentan das Größte für sie. Als wir letztens im Auto waren und ich Platz machte, um die Feuerwehr vorbeifahren zu lassen, war sie sauer auf mich, weil wir nicht hinterhergefahren sind. Ihre Lieblingssendung, die sie schauen darf, heißt Feuerwehrmann Sam. Dann muss es mucksmäuschenstill um sie herum sein. Sonst könnte man ja ein kleines, aber entscheidendes Detail verpassen. Und Puzzeln ist ihr liebstes Hobby. Das könnte sie den ganzen Tag lang machen. Ich habe sogar schon damit angefangen, mit ihr Memory zu spielen. Zwar noch mit aufgedeckten Karten, aber sie ist schon echt schnell.“

Paulina: „Tatü Tata, Feuerwehr ist da.“

Sie ist voll und ganz in ihrem Element. Dann geht sie mit einem Spiel unter dem Arm wieder zurück an den Tisch. „Kommt alle her! Spielen“, ruft Paulina durch das Wohnzimmer. Papa geht schon mal vor und baut mit Paulina das Brettspiel auf, danach zieht sie nacheinander Puppe, Stickerbuch und Buntstifte aus ihrer riesigen Spieltonne heraus, um sich anschließend selbst in sie hineinzusetzen und sich darin zu verstecken.

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Tina: „Paulina liebt auch den Schnee und spielt so gerne draußen. Wir waren natürlich auch schon Schlittenfahren und im Schnee spazieren. Vor allem mit den Nachbarskindern macht ihr das am meisten Spaß. Aber trotzdem fragt sie noch oft nach der Sonne und dem Meer.“

Zum Abschied krabbelt sie doch noch aus ihrer Tonner heraus, zieht ganz „alleine“ ihren Schlafanzug an und ich bekomme eine extra große Umarmung und ein Küsschen von ihr. Dann sollen Tina und ich uns umarmen. „Los, jetzt Mama und Du“, sagt sie – und hat Recht. Das haben wir schon viel zu lange nicht mehr gemacht.

Von Ann-Kathrin Weber

Zur Autorin
Seit drei Jahren begleitet die Redateurin und AUtorin Ann-Kathrin Weber ihre Freundin Tina für StadtLandKind – erst durch die Schwangerschaft und dann durch Paulinas Baby- und Kleinkindjahre. Wir sind gespannt, wie es weiter geht.

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