Mit Milchflecken zum Meeting. Oder: Kitaplatz gesucht!

Blogkiskal

Ja, ja ich weiß, wir haben noch Zeit. Aber mit manchen Dingen kann man gar nicht früh genug anfangen. Wir gehen da jetzt rein machen einen richtig guten Eindruck, okay?

Also, liebe S.,

wenn ich mich mit anderen Eltern unterhalte und sie sagen Dinge wie: „Wir haben den besten Kindergarten der Welt“ oder: „Unser Babysitter ist einfach unbezahlbar, so einfühlsam, so zuverlässig!“, dann bin ich zwar etwas peinlich berührt, es klingt so überschwänglich, aber prinzipiell weiß ich, wovon sie sprechen. Und ich denke genauso.

Denn mein Weg zur richtigen Kita war lang und steinig.

Alles begann mal wieder in der Schwangerschaft. Da redete eine mir fremde Frau mit meiner Stimme und sagte Dinge wie: „Also, wenn das Kind endlich da ist, dann gehe ich natürlich trotzdem abends aus/ins Kino/essen/in die Therme (das letzte Beispiel habe ich mir komischerweise genau gemerkt. Warum weiß ich nicht. Außer, dass ich die Therme, in die keine Kinder unter 6 Jahre dürfen, früher geliebt habe).

Arbeiten wollte ich natürlich spätestens wieder, wenn das Kind sechs Monate alt ist und das hatte ich auch so mit meinem Arbeitgeber vereinbart.

Und überhaupt, alles ganz easy und kein Problem.

Bis dann mein Sohn dann auf die Welt kam und ich jede Trennung von ihm, die zeitlich die Spanne von zehn Minuten überzog, als körperlichen Schmerz empfand.  So, als würde mir ein Körperteil  – und zwar das Wichtigste –  fehlen.
Wie genau sollte ich ohne mein wichtigstes Körperteil zur Arbeit gehen? Irgendwie war das alles eine Rechenaufgabe ohne Lösung. Ich war ratlos. Mein damaliger Arbeitgeber wollte aber unbedingt, dass ich zurückkomme, wenn es sein musste auch in Einzelteilen. Zu den ersten Meetings fuhr ich mit Milchflecken auf dem T-Shirt, mitten im Gespräch rief der Vater beim Empfang an: Das Baby weint. Eine Lösung musste her. Aber die Voraussetzungen eine zu finden, waren nicht die besten:

Ich wollte ja gar keine Lösung finden. ICH WOLLTE BEI MEINEM BABY BLEIBEN und wenn möglich, bis es 18 ist und nach Harvard geht.

Vor der Geburt hatte ich mir zahlreiche Kitas in H. angesehen.  So richtig gefallen hatte mir keine. Aber jetzt brauchte ich dringend einen Platz. Also rief ich erneut überall an und schrieb Bettelbriefe. Ließ mich auf Wartelisten setzen und pries uns als absolute Vorzeigefamilie mit dem schönsten, friedlichsten Baby an. Außerdem würde ich natürlich freiwillig und völlig umsonst Pressetexte über die beste Kita der Welt schreiben/eine Internetseite erstellen/Fundraising betreiben.

Ich zog also durch die Häuser und Institutionen und … hatte überall etwas zu meckern. Mein Baby zurücklassen, wo der Fernseher lief? Hatte hier nicht gerade jemand geraucht? Zwischen 20  anderen weinenden Babys sollte ich ihn lassen? Niemals.

Nur langsam kristallisierte sich ein Unterschied zwischen meiner Unlust mein Baby abzugeben und der Realität heraus. Ich merkte, dass es schöne Kitas für 900 Euro im Monat gab, die bilingual füttern, ein Atelier haben und in die zwei Mal die Mal die Woche die Cellistin kam. Dann gab es die Tagesmutter um die Ecke, hier konnte ich zwar nicht ein einziges Buch entdecken, dafür einen wandgroßen Fernseher. Kostenpunkt: 150 Euro.

Auf meinem steinigen Weg besuchte ich auch eine englischsprachige Kita, untergebracht in einem Kellerraum. Hier saßen gerade 15 Kleinkinder auf gelben Plastikstühlen und aßen von Plastiktellern mit Plastikgabeln ihren Lunch, während sie lautstark mit Diskomusik beschallt wurden. Meine vorsichtige Frage, ob das denn immer so sei, wurde fröhlich mit einem: „Nein, heute haben wir das Thema summer, deshalb hören die Kids Sommerhits, morgen haben wir natürlich ein anderes Thema!“ beantwortet. Aber vielleicht habe ich die Dame auch falsch verstanden und sie hat gesagt: „Geben Sie mir ruhig ihr Baby. Ich fresse es und sie bekommen ein anderes Kind  am Ende des Tages zurück.“ Ich konnte sie kaum verstehen, wie gesagt, es war so laut und meine Nerven flatterten.

Aber eine Lösung musste her. Und so fiel die Entscheidung auf eine Kita in der Nachbarschaft. Wenn wir unser Kind morgens hinbrachten weinte es, und wenn ich es abholte, weinte es schon wieder – oder immer noch?  Unnötig zu erwähnen, dass ich ebenfalls völlig aufgelöst zur Arbeit fuhr. Das war jetzt also die Lösung, dachte ich? So vereinbart man also Kind und Karriere? Aber warum heulen die anderen (Mütter) nicht?

Also, mein Fazit? Zum Glück habe ich alle meine Körperteile wieder. Aber: Eigentlich hätte ich statt dieses Blogeitrags nur eine Zeile für meinen Sohn schreiben sollen: Entschuldige! Und:  Danke, dass Du heute einfach nur gut oder schlecht oder gar nicht gelaunt bist, wenn ich dich abhole. Aber noch nicht einmal in Tränen aufgelöst warst.

Deine …

 

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