Paul ist Paula

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Bild: Simon Hofmann

Transgender-Kinder: Wenn der Körper nicht zur Seele passt

„Heißt das, erst wenn ich gestorben bin, kann meine Mädchenseele im Himmel auch endlich ein Mädchen sein?“ Diese Frage stellte Ellen ihrer Mutter mit vier. Damals hieß Ellen noch Lukas. Es war der Moment, in dem Ellens Mutter klar wurde, dass da etwas anders ist mit ihrem Kind. Ganz anders. Der Moment, an dem sie die vielen kleinen Hinweise nicht mehr verdrängen konnte.

Das Desinteresse an anderen Jungs, an Jungsspielzeug, an Baustellen und Autos. Im Gegenzug die anhaltende Begeisterung für das Tragen von Kleidern und Röcken, für lackierte Fingernägel, Schminke, die Farbe Rosa, für Glitzerpferdchen und Rollenspiele, in denen das Kind immer die Mutter sein wollte oder wenigstens die große Schwester. Nur eine Phase, hatten sich Ellens Eltern bis zu jener Frage gesagt. Und waren da ganz entspannt. Aber mit diesem einen Satz wurde alles anders. Da fügte sich plötzlich alles zu einem Gesamtbild.

Und dann?

„Dann habe ich angefangen zu googlen“, sagt Ellens Mutter heute. Sie stieß auf ProFamilia, sie stieß auf eine Selbsthilfegruppe von transsexuellen Erwachsenen. Helfen konnte ihr keiner. Ja, ihr Kind sei wohl trans – hieß es lapidar. Transsexuell. Die Eltern blieben ratlos zurück. „Damit rechnet doch keiner bei einem vierjährigen Kind, vielleicht in der Pubertät, aber mit vier?“ Im Gespräch spürt man noch heute die Hilflosigkeit der Eltern damals. Es ist das Wort „sexuell“ das dabei so stört. Das möchte man mit einem Kind nicht in Verbindung bringen. Aber trans hat mit Sexualität erst mal gar nichts zu tun. Es beschreibt einzig den Zustand, dass der Körper nicht zum Gefühl des Daseins passt. Sexualität und sexuelle Orientierung entwickeln sich viel später. Das ist bei Transkindern genauso, wie bei allen anderen Kindern auch.

Halt und Unterstützung fand die Familie erst im Verein Trakine (Trans-Kinder-Netz e.V.), ein Zusammenschluss von Eltern mit trans*Kindern (weitere Infos siehe unten). Der Verein bevorzugt diese Schreibweise mit dem Sternchen. Warum mit Sternchen? Weil es so viele unterschiedliche Begriffe gibt: transsexuell, transident, transgender, Transkind – in trans* steckt alles drin. Ein eingetragener Verein ist Trakine erst seit 2014. Allein das zeigt, dass Transsexualität bei Kindern lange kein Thema war und wenn, dann eines dem man psychologische Ursachen zuschrieb.

Ursachen, die man glaubte, mit Therapien „heilen“ zu können. Man dachte: Das könne ein kleines Kind noch gar nicht wissen. Das haben dem Kind doch die Eltern eingeredet. Die Mutter wollte bestimmt lieber ein Mädchen. „Die Meinung, man könne Kinder durch verhaltenstherapeutische und psychiatrische Mittel dazu bewegen, ihr bei der Geburt aufgrund der Genitalien zugewiesenes Geschlecht anzunehmen, ist inzwischen überholt“, schreibt der Verein Trakine auf seiner Webseite.

Die Wahrheit ist aber auch, dass diese Meinung trotzdem noch weit verbreitet ist. Das „Deutsche Institut für Jugend und Gesellschaft“ spricht im Zusammenhang mit Transgender von einem reinen „Bindungsproblem“ und „Identitätsverwirrung“, die „behandelt werden müsse“. Überspitzt gesagt: Die Mutter trägt die Schuld. Dazu muss man wissen, dass jenes „Institut“ auch glaubt, Homosexuelle müssten „geheilt“ werden. Die Haltungen, die auf der scheinbar seriösen und wissenschaftlich anmutenden Internetseite vertreten werden, lassen aufgeklärten Menschen sicherlich die Haare zu Berge stehen.  In Wahrheit ist diese Seite keineswegs vor einem wissenschaftlichen Hintergrund zu betrachten, sondern wird von der „Offensive junger Christen“ betrieben.  Unglücklicherweise ist ausgerechnet diese Internetseite eine der ersten, die Google anzeigt, wenn man den Suchbegriff  „Transsexuell“ eingibt. Genau hinschauen lohnt sich also.

Auch Paul war vier Jahre alt, als „er“ seine Mutter fragte, ob „er“ später mal eine Frau wird. Die Mutter macht sich heute noch Vorwürfe, dass sie ihrem Kind damals die Antwort gab, dass das nicht so einfach sei. Dass aus Jungs normalerweise Männer werden und keine Frauen. Danach ging es Paul eine Zeit lang nicht gut. „Paul hat ganz stark versucht, doch ein Junge zu sein, versucht, mit Jungs zu spielen und mit klassischem Jungsspielzeug. Mit Dingen, für die ‚er‘ sich eigentlich überhaupt nicht interessiert hat“, erinnert sich die Mutter. Denn eigentlich spielte ‚er‘ am liebsten „Kochen“ und „Vater-Mutter-Kind“ mit den anderen Mädchen. In Rollenspielen und Theateraufführungen sicherte „er“ sich – wenn möglich – die weibliche Rolle. Mit Begeisterung hatte „er“ jeden Kleiderschrank bei befreundeten Mädchen geentert und sich an deren Anziehsachen bedient, mit der Oma hatte „er“ ein Spiel, in dem „er“ die „Opernsängerin“ war.

„Ich glaube, sie hat einfach ganz stark versucht, ob es nicht doch irgendwie geht, als Junge zu leben“, erklären sich die Eltern heute diese schwierige Phase. Schließlich hat die Erzieherin im Kindergarten eingegriffen. Hat Pauls Mutter angesprochen. Was los sei? Paul sei immer ein so glückliches Kind gewesen, so fröhlich und aufgeschlossen. Und auf einmal war aus dem Kind ein trotziges, immer wütendes, unglückliches geworden. Grob und gemein zu anderen.

Die Eltern waren ratlos. Suchten ebenfalls Hilfe bei ProFamilia. Der Rat: Dem Kind beide Seiten offen lassen. Die Eltern versuchten, ihn zu befolgen. „Eigentlich habe ich damals schon gewusst, dass Paul anders ist, eigentlich habe ich es schon viel früher gewusst“, sagt die Mutter heute. Die Befreiung kam für Paul beim Kauf des Schulranzens. Als „er“ sich für einen dunkelblauen Ranzen mit klassischem Jungsmotiv entschied und die Mutter die Bremse zog.

„Gefällt dir das wirklich?“, fragte sie damals. „Nein“, war die Antwort. „Aber wenn ich als Junge einen Mädchenschulranzen trage, lachen mich alle aus.“ Es brach Pauls Mutter schier das Herz. Zu sehen, wie sich ihr Kind verbiegt, versucht so zu sein, wie es sein soll. Sie erzählte ihrem Kind, dass es viele andere Menschen gibt, die ähnlich fühlen.

Dass sich manche Menschen – auch Kinder – entschließen, als Frau, beziehungsweise als Mädchen zu leben, auch wenn sie bei der Geburt, wie ein Junge aussahen. Und so entschloss sich Paul nach außen zu Paula zu werden. Der Schulranzen wurde in ein Mädchenmodell umgetauscht und niemand hat gelacht.

Heute ist Paula ein aufgewecktes, fröhliches Kind. Sieben Jahre alt, zart und feingliedrig. Sie trägt ein hübsches Kleid mit rosa Glitzerstern und möchte vor allem eins: So schöne lange Haare haben wie Ellen, die neben ihr am Tisch sitzt und lächelnd Kuchen isst. Beide Kinder möchten gerne erzählen, wie das ist, trans zu sein.

StadtLandKind hat die Familien getroffen. Die Namen der Kinder haben wir geändert. Beide Familien wohnen in unterschiedlichen Städten in unserer Region.

Ellen, als Du auf die Welt gekommen bist, hast Du ausgesehen, wie ein kleiner Junge. Und dann haben Deine Eltern Dir einen Jungennamen gegeben. Aber irgendwann hast Du gemerkt, dass Du gar kein Junge bist. Weißt Du noch, wann das war?

ELLEN (10 Jahre): Ich weiß, dass ich da noch im Kindergarten war. Ich dachte immer, das würde gehen, dass ich jemand anderes bin. Und dann habe ich das plötzlich verstanden, dass das nicht geht und das hat mich traurig gemacht.

Was hat Dich traurig gemacht?

ELLEN: Dass ich kein Mädchen sein kann.

Das hast Du mit vier schon gemerkt?

ELLEN: Ja, schon früher. Ich habe immer gesagt, ich sehe aus wie ein Junge und meine Seele ist ein Mädchen. Ich dachte immer, dass ich eigentlich ein Mädchen bin und deshalb habe ich meine Mama auch immer wieder gefragt, wann es denn endlich so weit ist, dass ich ganz ein Mädchen bin, also mein Körper ein Mädchenkörper wird.

Du hast gedacht, weil Du weißt, dass Du zu den Mädchen gehörst, muss sich dein Körper daran anpassen.

ELLEN: Ja, genau. So habe ich das gedacht.

Und irgendwann ist Dir klar geworden, dass das nicht funktioniert. Wie war das dann?

ELLEN: Da war ich schon richtig traurig.

Und jetzt?

ELLEN: Ich bin immer noch ein bisschen traurig, aber ich bin ja jetzt ein Mädchen und so viel gibt’s da gar nicht mehr zu trauern.

PAULA (7): Und vor allem, man kann das ja später dann auch machen.

So operieren oder so?

PAULA: Ja, genau.

Ja, man kann das natürlich operieren aber bist Du nicht manchmal sauer, dass die einen schon so auf die Welt kommen und Du erst eine Operation brauchst?

PAULA: Klar bin ich sauer darüber aber seit ich weiß, dass man das machen kann, später, bin ich nicht mehr so sauer.

Wisst ihr, wie das abläuft?

ELLEN: Ja, ich war schon mal beim Arzt deshalb. Ich kann dann erst mal Tabletten kriegen, damit mir Brüste wachsen und ich nicht in den Stimmbruch komme oder so. Die Tabletten nimmt man dann, wenn die Pubertät beginnt.

Und möchtest Du das dann machen? Also Tabletten nehmen?

ELLEN: Ja. Da bin ich mir sehr sicher.

Ist das denn unangenehm, mit Ärzten über solche Dinge zu sprechen?

ELLEN: Ja, es nervt schon und ich muss jetzt auch eine Therapie machen. Das muss man tun, sonst bekommt man später keine Medikamente.

Wann hast Du denn bemerkt, dass Du ein Mädchen bist, Paula?

PAULA: Im Kindergarten, glaube ich. Ich habe ja auch erst gedacht, dass ich ein Junge bin, weil ich ja so ausgesehen habe, aber irgendwann habe ich gemerkt, dass das nicht so ist.

Woran hast Du das denn gemerkt?

PAULA: Das ist eine schwierige Frage. Ich habe das einfach gemerkt. Ich wusste das und dann habe ich das irgendwann der Mami gesagt.

Und was hat die gesagt?

PAULA: Dann hat die Mami gesagt, das kannst Du natürlich sein. Sie hat gesagt, dass das geht, dass ich ein Mädchen werden kann. Und da war ich sehr froh.

Und dann hast Du beschlossen, als Mädchen zu leben?

PAULA: Dann hat die Mami mir nur noch Mädchensachen gekauft.

Damals warst Du noch im Kindergarten. Wie war das dann, als Du nur noch Mädchensachen getragen hast? Was haben die anderen Kinder gesagt?

PAULA: Zuerst gar nichts, aber dann haben sie mich irgendwann ausgelacht und gehänselt.

Und was hast Du dann gemacht?

PAULA: Ich habe nicht hingehört.

Und dann hast Du auch Deinen Namen gewechselt?

PAULA: Ja. Die Mami hat vorgeschlagen, dass wir einfach ein A dranhängen. Das fand ich prima.

Und dann haben die Kinder im Kindergarten auch Paula gesagt?

PAULA: Ja, am Anfang schon, aber nach einer Zeit wollten sie das nicht mehr akzeptieren. Zum Glück bin ich dann in die Schule gekommen und dort haben mich alle Kinder schon als Paula kennengelernt. Das war dann leichter. Aber meine Mami hat das dann der Lehrerin trotzdem erklärt mit mir und den anderen Eltern hat sie es auch gesagt. Da war ich sehr froh.

Wie war das denn bei Dir, Ellen?

ELLEN: Naja, mir war das ja schon viel früher klar, dass ich ein Mädchen bin, aber meinen Namen habe ich dann am Ende der ersten Klasse bekommen. Ich konnte mich lange nicht entscheiden, wie ich heißen will, aber irgendwann stand es dann fest.

Das ist ja schon ein großer Schritt, seinen Namen zu wechseln. War das schön für Dich oder hattest Du ein bisschen Angst davor, Ellen?

ELLEN: Also ich fand das schon aufregend, weil – wer weiß, ob mir der Name in drei Jahren noch gefällt, aber ich war mir schon sicher und hab mich vor allem gefreut. Und ich durfte drei Freundinnen einladen und dann haben wir so eine Art Geburtstag gefeiert.

Haben das dann alle akzeptiert oder gab es Schwierigkeiten?

ELLEN: Meine Freundinnen haben das alle sofort akzeptiert, ich war für die ja irgendwie eh schon ein Mädchen und meine damalige Lehrerin war toll. Die hat das auch sofort akzeptiert. Die Schüler in meiner Klasse auch. Aber von anderen Schülern aus anderen Klassen werde ich schon manchmal gehänselt. Selten, aber es kommt vor.

Was sagen die dann so?

ELLEN: Naja, Du bist doch ein Junge. Und die sagen dann DER Ellen und so.

Was machst Du dann?

ELLEN: Ich ignoriere das meistens, aber manchmal ärgere ich mich: Es verletzt mich auch und manchmal widerspreche ich dann auch und sage Nein.

Gibt es Erwachsene, die damit überhaupt nicht klargekommen sind?

ELLEN: Ja. Meine Oma. Die will das überhaupt nicht und die fragt mich auch fast jedesmal „Willst Du immer noch ein Mädchen sein?“ und sagt „Du hast viel zu lange Haare, schneid‘ die doch endlich mal ab.“ Das tut mir weh, das nervt mich und ich finde das so blöd, dass die das einfach nicht akzeptiert.

Sagst Du Deiner Oma das?

ELLEN: Ja klar, aber das bringt nichts.

Deine Eltern und ihr seid in einem Verein…

ELLEN: Ja, Trakine.

Was macht man da so?

ELLEN: Wir treffen uns regelmäßig mit anderen Familien mit Transkindern. Das ist schön, weil ich mich manchmal schon ausgeschlossen fühle, weil alle
meine Freundinnen sind halt richtige Mädchen. Und wenn wir uns da im Verein treffen, da sind alle so wie ich.

Kann man sich mit denen anders unterhalten, anders spielen?

ELLEN: Ja, wir spielen schon anders. Aber am besten ist, man muss denen nichts erklären.

Du kommst nächstes Jahr in eine weiterführende Schule? Wie willst Du das denn dann machen? Den Kindern das erzählen?

ELLEN: Ich weiß nicht so genau. Aber die Lehrerin muss es ja wissen. Wenn wir Sport haben zum Beispiel.

Wie machst Du das dann?

ELLEN: Beim Schwimmunterricht letztes Jahr in der Schule habe ich immer eine Extrakabine bekommen. In der Klasse wussten es ja auch alle. Manche sprechen mich da auch drauf an, aber die meinen das nicht böse.

Wie erklärst Du das dann?

ELLEN: Wenn sie es blöd meinen, um mich zu ärgern, sage ich nichts.

PAULA: Mache ich auch so. Oder ich sage: Ich bin ein Mädchen, was denkt ihr denn?

Ellen, bist Du froh, dass Dich Deine Eltern so unterstützen?

ELLEN: Ja, ich bin total froh. Es gibt nämlich auch Eltern, die das ihren Kindern einfach verbieten, so zu sein. Die sagen dann, du bist ein Junge und fertig.

Und was wünscht ihr euch für die Zukunft?

ELLEN: Das ich irgendwann ganz eine Frau werde.

PAULA: Ich weiß, dass ich eine Frau bin und deshalb denke ich, das wird schon klappen.

Die Kinder sind ohne jeden Zweifel. Aber wie ist es für die Eltern?

„Natürlich haben wir uns gefragt, ob das alles so richtig ist“, sagt Paulas Mutter. Beide Elternpaare trieb die Frage um, ob sie ihre Kinder unbewusst in eine Entscheidung drängen. Und was war neben dem ständigen Zweifel, das Richtige zu tun, die größte Schwierigkeit?

„Die Anfangszeit. Die Zeit, bis endlich alle Bescheid wissen, die ist richtig doof“, sagt Ellens Mutter geradeheraus und alle Elternteile nicken heftig. Paulas Mutter erklärt müde:

„Man trifft dauernd Leute, die sich wundern. Hattest Du nicht früher zwei Jungs? Teilweise sind es Menschen, die man nicht mal gut kennt, nur flüchtige Bekannte und trotzdem muss man denen immer wieder dasselbe erklären, die Blicke ertragen. Die Leute meinen das nicht böse, aber manchmal möchte man einfach nicht mehr erklären. Einmal habe ich sogar eine Mutter angelogen. Bei einem Fest. Ich habe einfach behauptet, die Mutter würde sich irren, ich hätte schon immer einen Jungen und ein Mädchen gehabt“, sagte Paulas Mutter mit einem dünnen Lächeln. „Ich habe die Frau dann aber später angerufen und das aufgeklärt. Es war einfach dieser Moment an dem ich nicht mehr konnte. Nicht wieder dasselbe erklären konnte. Paula war gerade so glücklich an diesem Nachmittag und ich wollte nicht wieder vor allen anderen dieses Thema besprechen.“

Hinzu kommt, dass es wenige Ärzte gibt, die sich mit dem Thema Transsexualität bei Kindern befassen, es gibt wenig Literatur zum Thema. In den vergangenen Jahren hat sich zum Glück viel verändert, auch die medizinische Sicht.

„Wenn Du Dein Kind wirklich gern hast, musst Du es so akzeptieren“

Die vier Eltern sind inzwischen aktive Mitglieder im Verein Trakine geworden. Ellens Mutter berät andere Betroffene und die Gespräche wühlen sie manchmal sehr auf, denn nicht immer sind die Eltern von Transkindern so aufgeschlossen wie die Eltern von Paula und Ellen. „Vor allem die Väter haben oft ein großes Problem“, sagt Ellens Vater, der ebenfalls in der Trakine-Elternberatung aktiv ist. Ellens Mutter hat schon mehrfach verzweifelte Frauen am Telefon gehabt, deren Männer einfach nicht akzeptieren wollen, dass ihr Kind anders ist. Dem Kind dann eigenmächtig die Haare schneiden, weil sie nicht dulden, dass der vermeintliche Sohn sie lang tragen will. Das Tragen von Kleidern rigoros verbieten. Wie ist es für die Väter von Ellen und Paula, wenn der vermeintliche Sohn eine Tochter ist?

„Wenn Du Dein Kind wirklich gern hast, musst Du es so akzeptieren“, sagt Ellens Vater und Paulas Vater stimmt ihm bedingungslos zu. Das heißt nicht, dass er keine Ängste hat: „Wenn Paula später Hormone bekommt, oder sich operieren lässt, dann mache ich mir natürlich Sorgen. Sie wird ihr Leben lang von der Schulmedizin abhängig sein.“ Ellens Mutter will darüber noch gar nicht nachdenken. „Ich verdränge dieses Thema noch vollkommen.“

Gemeinsam haben beide Elternpaare eins: Sie wollen, dass ihre Kinder glücklich sind und später glückliche Erwachsene werden. Sie möchten sie auf diesem Weg bestmöglich begleiten.

Und wir auch. Wenn wir dürfen.

shy // Foto: sho

Hinweis:  Zahlreiche Mediziner haben ihre Einstellung zur Transsexualität in den vergangenen Jahren revidiert, was nicht zuletzt an den Erfahrungswerten liegt, dass sich Transmenschen eben nicht „umtherapieren“ lassen und oft ein Leben lang leiden. In unserer Nähe ist es das Universitätsklinikum Frankfurt, das eine Transidentitätssprechstunde für Kinder und Jugendliche bis zum Alter von 18 Jahren anbietet. Die Klinik bietet Fachdiagnostik und Begleitung an. Ferner die Erstellung von Gutachten bei medizinisch geschlechtsangleichenden  Behandlungen.

http://www.kgu.de/startseite.html

Trans


Literatur

Es gibt noch wenig Literatur zum Thema Transsexualität bei Kindern.
Empfehlenswert für einen ersten Überblick ist das Buch „Trans*Kinder: Eine kleine Fibel“ von Peter Keins.
ISBN:  1508789665
Ein kluger Ratgeber, für Eltern und Pädagogen ist das Buch „Wenn Kinder anders fühlen  – Identität im anderen Geschlecht“ von Stephanie Brill und Rachel Pepper. ISBN 3497022160

TRAKINElogo

 

Hilfe
Der Verein Trakine besteht seit 2014. Er ist ein Zusammenschluss von Eltern mit  transidenden  Kindern.  Ziel ist es,  „anderen Eltern von Trans*Kindern und *Jugendlichen samt deren Angehörigen – natürlich auch den Kindern und Jugendlichen – Mut zu machen und vor allem mit Informationen und Rat zur Seite zu stehen“, schreibt Trakine auf seiner Homepage.
http://www.trans-kinder-netz.de/index.html

Auf der Homepage finden aber nicht nur Eltern Ansprechpartner und viele Informationen, sie eignet sich auch für Pädagogen, die im Kindergarten oder in der Schule mit dem Thema konfrontiert werden und eine erste Informationsquelle oder Unterstützung im Umgang mit der Situation suchen.
Trakine hat auch ganz praktische Hilfe. Beispielsweise findet sich auf der Homepage eine umfassende Liste von Psychotherapeuten und Gutachtern sowie anderen Beratungsstellen.

Jill


Für Kinder
Mit „Jill ist anders – ein Kinderbuch zur Intersexualität“ gibt es auch ein  Bilderbuch, anhand dessen man  schon kleineren  Kindern erklären kann,  dass manche Kinder  nicht dem typischen Geschlechterschema zuzuordnen sind. Die Autorin Ursula Rosen ist Gymnasiallehrerin und hat sich umfassend mit dem Thema beschäftigt. Auf ihrer Homepage finden sich im Downloadbereich auch „Handreichungen für Grundschullehrer und für Erzieher“ sowie Hilfestellung für eine Unterrichtseinheit zum Thema Intersexualitätan an einem Gymnasium.

http://www.kinderbuch-intersexualitaet.de/index.html

Rechtliches und Praktisches
Akzeptanz und Toleranz sind eine Seite. Oft sind es auch ganz praktische Probleme, die es zu überwinden gilt.  Ellens Lehrerin beispielsweise ist sehr tolerant und verständnisvoll. Sie schreibt Ellen zwei Zeugnisse am Ende des Schuljahren. In einem steht ihr eingetragener Name, im anderen ihr heutiger Rufname. Dass sie das tut, ist keineswegs selbstverständlich. Und das Grundschulzeugnis ist nur die Spitze des Eisbergs.
Wo bekommen Eltern Dokumente für ihr Kind?
Wie geht die Namensänderung vonstatten?
Was muss die Krankenkasse wissen?
Wie informiert man die Schule?
Wo bekommt man ein Gutachten für das Amtsgericht, das letztendlich über die Namensänderung entscheidet? Mit all diesen Fragen und vielen weiteren werden Eltern von trans*Kindern konfrontiert. Hilfreich ist hier die Internetseite der Deutschen Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität e.V.
Hier gibt es beispielsweise auch Musterbriefe für Eltern, in denen die richtigen Sätze im Umgang mit Behörden und Institutionen stehen.

http://www.dgti.org/musterbriefe.html

 

Text: Sarah Hinney

 

 

 

 

Ein Kommentar zu “Paul ist Paula

  1. Johanna D.

    Ihr Artikel ist gut, aber sie nennen hier auch die Position des „Deutschen Instituts für Jugend und Gesellschaft“. Hilfreich wäre es, die Ausrichtung und Trägerschaft zu erwähnen, um deren Position besser einordnen zu können. Das Institut ist Teil der „Offensive Junger Christen“, einer evangelikale und christlich fundamentalistischen Gruppierung, die das Thema in kleinster Weise wissenschaftlich sondern christlich fundamentalistischen betrachtet. Eine Meinung, die in einer faktenbezogenen Auseinandersetzung mit dem Thema wenig zu suchen hat.

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