Pegida-Fische mit ADHS und eine neue Ebene der Streitkultur

Batman

Können Fische ADHS haben?

Liebe B.,

wir haben einen neuen Mitbewohner. Batman. Batman ist ein Wels und lebt gemeinsam mit seinem Kumpel Dübbers in einem Aquarium im Kinderzimmer auf schwarz-rot-goldenem Kies. Böse Zungen behaupten deshalb, Batman sei ein Pegida-Fisch, der sich ausschließlich von zu Tabs gepressten SchniPoSa  ernähre. Das stimmt aber nicht. KeineFlossebreit käme mir ein deutschtümmelder Wels ins Kinderzimmer.

Richtig ist, Batman ist eine Rampensau. Sobald jemand an die Scheibe tritt, fängt er an, Purzelbäume zu  zu schwimmen.  Ich bilde mir auch ein, dass er immer guckt, ob jemand guckt. In diesem Zusammenhang: Können Fische ADHS haben? Dübbers zieht sich derweil dezent ins Grün zurück.  Immerhin  – trotz charakterlicher Unterschiede – vertragen sich die Fische oder gehen sich zumindest aus dem Weg, wenn sie gerade nicht auf einer Wellenlänge schwimmen.

Kann ich von den Kindern nicht behaupten. Im Gegenteil: Die Streitkultur meines Nachwuchses hat –  seltsamerweise seit diese Fische bei uns wohnen –  eine ganz neue Ebene erreicht. Die Ebene „Alles“.  Zunächst wird natürlich darum gestritten, wer das Aquariumlicht ein- bzw. ausschalten darf.
Dann wird natürlich darum gestritten, wer die Fische füttern darf, wen die Fische lieber haben, wer die Fische lieber hat, wer wo vor dem Aquarium stehen darf, um die Fische anzugucken, welcher Fisch, wer ist usw.
Soweit, so normal. In solchen Fällen kann ich vermitteln, Regeln aufstellen, für Gerechtigkeit sorgen.  Irgendwie.

Es gibt aber Streitigkeiten, die sind einzig und allein dafür ausgelegt, ein neues Kapitel des Buches „Pädagogisches Versagen der S.“  zu füllen. Trauriger Höhepunkt der kindlichen Streitkultur und meiner Hilflosigkeit?  Eine Käserinde,  die bis dato restlos unbeachtet ihr Dasein auf dem Abendbrottisch gefristet hatte.

Bis der Sohn fragte: „Darf ich die abnagen?
Und was tat ich? Ich sagte in einer unverzeichlichen Sekunde der Unaufmerksamkeit einfach: „Ja“.
Oh hätte ich sie doch einfach ins Aquarium geworfen, die Käserinde.
„NEIN“, brüllte das Töchterchen spontan. „Ich will die!“
„Aber ich hab zuerst gefrahaaagt!“, griff der große Bruder lässig und gehässig grinsend zur Rinde. (Hintergrund: Er mag den Käse gar nicht, seine Schwester aber schon, was sie natürlich genau weiß und er auch.)
In der selben Sekunde hackte die Schwester spontan mit der Gabel in Richtung Rinde und streifte mit einem Gabelzinken die äußerste Spitze des kleinen Fingernagels des Bruders.
„Uaaaahhhhh!!!! Sie hat mich erstochen!“, brüllte der Bruder in einer Lautstärke, die vermuten ließ,  dass die Gabel noch  tief in seiner Hand steckte. Erstaunlich behände grapschte er dennoch mit der schwer verletzten Hand  nach der Gabelzinken-Hand seiner Schwester und bog ihr den Finger um.
„STOPP!“ Ein markerschütternder Schrei ließ die Fensterscheibe erzittern. Es war meiner.
„Seid ihr komplett wahnsinnig!“, brüllte ich meine synchron  heulenden Kinder an, um anschließend ganz kurz pädagogisch und wahnsinnig verständnisvoll einzulenken und die fachmännische Teilung der Käserinde vorzuschlagen inclusive Gerechtigkeitsnachweis per Küchenwaage.
„NEIN! Ich teile NICHT mit der KACKKUH“, so die brüllende Antwort des Bruders.
„PUPSARSCH!“ schrie die Tochter zurück.
„RAUS! ALLE! BEIDE!“, brüllte ich lauter als alles je dagewesene.

Wutschnaubend verließen die Kampfzwerge den Tatort Abendbrottisch. Früher hätten sie sich jetzt gemeinsam gegen mich verschworen. Nicht so heute.
„Das ist alles nur Deine Schuld!“, hörte ich den Bruder auf dem Weg ins Kinderzimmer wütend zischen.
„Nein, Deine, weil Du IMMER alles kriegst und der blödeste Bruder auf der ganzen Welt bist“, keifte die Tochter zurück.
„Dafür darfst Du jetzt nie wieder meine Fische angucken!“, ätzte der Bruder.
„Ich guck hin, wo ich will!“, hörte ich das Töchterchen kreischen, begleitet von einem dumpfe Schlag, der sich genau so anhört, als hätte der harte Plastikschädel ihrer Puppe den nicht minder harten Schädel ihres Bruders getroffen.

Und dann prügelen sie sich. Die Kinder. Und jetzt stehe ich hier,  stehe fassungslos in der Tür des Kinderzimmers, nage gedankenverloren an der Käserinde und Batman, Batman hängt hinter der Scheibe, schaut meinen aufeinander eindreschenden Kindern zu, wirft einen Blick auf meinen hilflosen Gesichtsausdruck und  als sich unsere Blicke treffen, da  könnte ich wetten, er grinst.

Vielleicht ist er doch ein Pegida-Fisch.

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