„Rituale vermitteln Zugehörigkeit und Identität“

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Den Weihnachtsbaum schmücken, mit der Laterne durch die Dunkelheit laufen, am Abend eine Geschichte vorlesen. Rituale strukturieren unser Leben und geben uns Halt. Das Titelthema der aktuellen StadtLandKind-Ausgabe lautet: Rituale. Dompteure des Alltags. Was ist das eigentlich genau, ein Ritual? Und seit wann gibt es Rituale? Wir haben uns mit Rudolf Petersen unterhalten. Er ist Familientherapeut, Seminarleiter am Odenwald-Institut und vierfachem Familienvater. unterhalten.

SLK: Woher stammen Rituale?

Rituale sind symbolische Handlungen, die dem Bedürfnis der Menschen nach Bedeutung und Wandlung entspringen. Sie geben Sicherheit, helfen Abschied nehmen und erleichtern den Weg ins Unbekannte und Neue. Rituale begleiten in allen Kulturen den Weg in neue Lebensphasen. Das Osterritual beispielsweise beinhaltet Abschied, Niedergang, Tod und dann die Wandlung zu Auferstehung, neuem Leben.

SLK: Sind Rituale wirklich älter als die Menschheit?

Ob sie älter als die Menschheit sind, kann ich nicht sagen. Rituale können tatsächlich sehr alt sein wie das Osterritual, das höchste Fest im Christentum. Der Ursprung ist jedoch nicht gesichert. So wurde wohl bereits zu Ostara ein Schwerttanz getanzt, der den Kampf des Sonnengottes mit den Wintermächten und deren Niederlage versinnbildlichen sollte.

SLK: Warum sind Rituale für Kinder so wichtig? Gibt es Zeitpunkte, da sie besonders wichtig sind?

Rituale haben etwas Magisches. Sie erzeugen Bilder, sind spielerisch. Auch Spielen ist zu großen Teilen symbolisches Handeln. Rituale schaffen auch Geborgenheit und Gemeinsamkeit. Sie signalisieren: Du bist nicht allein, wir sind bei Dir. So hilft die Gute-Nacht-Geschichte oder das Schlaflied, den Tag abzuschließen, gemeinsam zur Ruhe zu kommen und vertrauensvoll in den Schlaf zu finden. Rituale vereinfachen auch, weil sie den Alltag strukturieren und berechenbar sind. Wichtige Zeitpunkte sind immer Phasen des Übergangs wie Tag/Nacht, Sonnwende, Einschulung, der Übergang von der Kindheit in das Erwachsenenalter, Hochzeit, Geburt oder Tod.

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Und was für Rituale gibt es?

Es gibt chronologisch wiederkehrende Rituale wie Sonnwendfeiern, der Maibaum, Neujahr, Rituale zu Weihnachten und Ostern sowie Rituale zu einem bestimmten Anlass wie Hochzeit oder auch die Aufnahme in eine Gruppe. Es gibt Rituale für große Gruppen, für Familie oder ganz persönliche Rituale. Sie sind eingebettet in die jeweilige Kultur, verbinden Gesellschaften und Gruppen. Naturverbundene Völker wie Indianer sind große Meister von „Lebensabschnittsritualen“. Im Osten Deutschlands gab es zum Beispiel die Jugendweihe zum Übergang ins Erwachsenenalter.

SLK: Was signalisieren Rituale?

Rituale signalisieren Wandlung, würdigen Abschied und Neubeginn. Sie symbolisieren etwas. So kann das Verbrennen des Fotos des ehemaligen Partners dazu dienen, gemeinsame Erlebnisse zusammenzufassen, zu würdigen, abzuschließen, Klarheit und Platz zu schaffen für Neues. Gemeinsame Rituale vermitteln Zugehörigkeit. Man schafft gemeinsam „Magie“.

SLK: Kinder lieben die immer gleichen Abläufe – Jugendliche reagieren oft genervt, wenn sich“ nicht mal etwas ändert“. Sollte man trotzdem an Ritualen festhalten, oder vielleicht lieber neue einführen?

Nein, Rituale, die nerven, haben ihre Bedeutung für die jeweiligen Personen verloren. Jugendliche haben ein Bedürfnis der Abnabelung, der Distanz, da braucht es andere Rituale als die für Kinder, in denen Kuscheln, Geborgenheit usw. im Vordergrund stehen. Rituale sind nur sinnstiftend, wenn sie einen aktuellen Bezug für alle Beteiligten haben. Da ist es nicht einfach Rituale zu schaffen, die ein altes Bild durch ein neues ersetzen.

SLK: Kennen Sie ein, zwei Rituale, die auch in Familien funktionieren, die sehr wenig Zeit und einen hektischen Alltag haben?

Rituale können je nach Familie sehr unterschiedlich sein, damit sie im Familien-Alltag funktionieren und Gemeinsamkeit schaffen. Bei kleinen Kindern kann es das Gute-Nacht-Lied, die Geschichte oder das gemeinsame Gucken von Sandmännchen sein oder am Essenstisch das Fassen an den Händen mit „Gutem Appetit“. Auch ein Stimmungsbarometer am Abend mit Daumen hoch/runter zur Frage „Wie geht’s Dir?“ oder „Wie war Dein Tag?“ Dann ist es wichtig, zu signalisieren, „Ich bin bei Dir“ Das kann durch reden, durch in den Arm nehmen sein oder durch gemeinsames Tun. Wichtig ist weniger die Dauer als die Intensität und das Gemeinsame. Später kann es das gemeinsame Spaghetti- oder Pizzaessen sein, das je nach Zeit und Lust auch gemeinsam gekocht werden kann und gleichzeitig eine besondere Gesprächsrunde sein kann.

SLK: Viele Familien orientieren sich – auch ohne jeden Bezug zu einer Religion – an den christlichen Festtagen. Ostern, St. Martin, Weihnachten … ergänzt durch importiere Festtage wie Halloween, Mittsommer. Woran liegt es, dass sich manche Bräuche institutionalisieren, andere aber nicht?

Meist fußen diese Rituale auf uralten Riten und jahrtausenden alten symbolischen Bildern astronomischen Ursprungs wie die Sonnwendfeuer oder der grüne Christbaum. Die ursprüngliche Bedeutung der Wandlung ist oft nicht mehr bewusst, doch sie wirkt immer noch und wir lassen uns gerne einfangen von der Magie. Die Wirtschaft stützt Bräuche, wenn sich damit Bilder, Illusionen und Umsatz erzeugen lassen und wir lassen uns gerne ein auf die glitzernde Traumwelt.

SLK: Es gibt nicht nur lebensfrohe Rituale, sondern auch Rituale, die Kindern bei einschneidenden, schmerzhaften Veränderungen helfen sollen. Zum Beispiel beim Tod eines nahen Angehörigen. Wie wichtig sind hier bestimmte Bräuche- und welche gibt es?

Sehr wichtig, denn sie stehen für Wandlung im Sinne von Abschied und Neubeginn. Sie erleichtern den Umgang mit dem Unfassbaren, mit dem man eigentlich nicht umgehen kann. Hier spielen Vertrauen, Sicherheit, Geborgenheit und Zuversicht eine besonders große Rolle. Zum Beispiel können das Einwickeln des gestorbenen Hundes in die Lieblingsdecke und das Begräbnis helfen. Auch bei schlechten Noten kann ein Ritual helfen, das den Schüler, die Schülerin in die Mitte nimmt und vermittelt: „Wir lassen Dich nicht alleine“, „Wir tragen es mit Dir.“ Das könnte eine Form sein, um Schulstress in der Familie zu bewältigen.

bw // Fotos: sho

Infos zu Rudolf Petersen im Odenwald-Institut unter: odenwaldinstitut.de/kursleitende/kollegium/petersen

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