Rosa und Hellblau sind mehr als Farben

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Alle Mädchen lieben Rosa. Das ist einfach so. Wirklich? 

Mit spitzen Fingern hält die schwangere Frau eine Kinderhose in die Höhe und lässt sie wieder zurück auf den Stapel fallen. Sie ist entsetzt. „Das ist eine Jungenhose? Aber die ist doch rot!“, blafft sie und zieht von dannen. Eine kurze Begegnung auf dem Flohmarkt, ein paar Sekunden nur, und trotzdem entlarvend. Junge, Mädchen. Blau, rot (oder besser rosa). Harter Kerl, sanfte Elfe – die Einteilung der Welt in die Kategorien männlich und weiblich hat Hochkonjunktur. Wer denkt, Rollenklischees seien ein Relikt der Vergangenheit und Gleichberechtigung seit Alice Schwarzer ein Fakt, der irrt. Tatsächlich drängt sich der kleine Unterschied in sämtlichen Bereichen unseres Lebens in den Vordergrund – auch dort, wo er überhaupt keine Rolle spielt. In Supermarktregalen und in Spielwarengeschäften, ebenso im Gespräch mit Freunden und Bekannten, gibt es Erstaunliches zu entdecken: Frauenbratwurst und Männerchips, Lady- Klopapier und Boys-Mineralwasser. Roller, CD-Spieler, Kulis, Duschgel, Bastelkleber – alles gibt es wahlweise für coole Jungs oder zarte Mädels. 

Gendermarketing teilt unser Leben in Hellblau und Rosa auf Gendermarketing nennt sich diese Verkaufsstrategie, die unser Leben in Hellblau und Rosa aufteilt und die immer mehr Branchen für sich entdecken. Der Vorteil für die Industrie liegt auf der Hand: Statt einmal, kann das gleiche Produkt zweimal verkauft werden – dasselbe in Pink sozusagen. Denn natürlich passen blaue oder braune Schuhe auch an Mädchenfüße und natürlich laufen die „Drei ???“ genauso gut in einem rosa CD-Spieler. Trotzdem schaffen selbst emanzipierteste Familien vieles doppelt an – und sei es nur, um die eigenen Nerven zu schonen und dem Nachwuchs die soziale Ächtung im Freundeskreis zu ersparen.

Sind doch nur Farben? Und wen’s stört, der muss es ja nicht kaufen? Für Almut Schnerring sind diese Reaktionen zu kurz gedacht. „Viele übersehen, dass mit den Farben auch zwei völlig unterschiedliche Welten verbunden sind“, sagt die Autorin des Buches ‚Die Rosa-Hellblau-Falle‘. Gendermarketing, davon ist sie überzeugt, beeinflusse unser Verhalten und Rollenverständnis – und das unserer Kinder.

Da ist der elfjährige Caspar: Losgeschickt, um Sahne zu holen, kommt er mit leeren Händen zurück. Das von der Mutter gewünschte Produkt könne wohl nicht ihr Ernst sein, er weigere sich sowas zu kaufen! Wieso? Die Sahne hat einen pinkfarbenen Deckel. Und in der Welt des Jugendlichen ist pink nun mal bäh… Da ist der siebenjährige Tom, der ins Ballett geht, der neunjährige Jonas, der gerne Kuchen bäckt, die elfjährige Anna*, die ihre Haare im Gegensatz zu allen ihren Klassenkameradinnen kurz trägt. An den besseren Tagen werden sie als „außergewöhnlich“ bestaunt – an den schlechteren ausgelacht und ausgegrenzt. Und da ist der dreijährige Franz. Weil er zu Opas Geburtstag genauso schick sein will wie seine Zwillingsschwester, zieht er kurzerhand eines ihrer Kleider an – und stürzt damit seine Eltern in Gewissensnöte. Wen sollen sie vor den Kopf stoßen: Den stolzen Opa, indem sie ihm seinen Enkelsohn im Kleidchen präsentieren? Oder Franz, indem sie ihm erklären, dass für Jungen und Mädchen eben doch nicht die gleichen Regeln gelten?

Eine Kindheit ganz ohne Rollenklischees gibt es nicht

Eine Kindheit ganz ohne Rollenklischees gibt es nicht und gab es auch noch nie, das weiß auch Almut Schnerring. Trotzdem findet sie es wichtig, ein größeres Bewusstsein dafür zu entwickeln, „in wie vielen Momenten wir die Kategorie Geschlecht heranziehen, in denen sie uns weniger Orientierung gibt, als dass sie uns und andere einschränkt“. Sie ist überzeugt: „Die Teilung der Welt in Rosa und Hellblau, in niedliche Prinzessinnen und tapfere Ritter zieht eine Trennung des Alltags von Mädchen und Jungen nach sich, deren Ausmaß die meisten noch gar nicht wahrhaben wollen.“ Die dreifache Mutter will sich damit nicht abfinden und informiert in Vorträgen und Seminaren über Geschlechterklischees und ihre Folgen. Damit und mit Aktionen wie der Verleihung des „Goldenen Zaunpfahls“ für die absurdesten Auswüchse des Gendermarketings, stößt sie allerdings nicht überall auf Verständnis. Massiv wird im Internet gegen die vermeintliche „Gleichmacherei“ und den „Gender-Wahn“ anpolemisiert. Gestützt werden diese Positionen von Leuten, die wissen, dass sich mit Hellblau und Rosa viel Geld verdienen lässt. So zitierte etwa die Zeitschrift w&v Diana Jaffé, die selbsternannte Begründerin des Gendermarketings, mit Aussagen wie: „Alle Wissenschaften sind sich inzwischen einig, dass Mädchen und Jungen keineswegs gleich auf die Welt kommen und erst dann in Geschlechterrollen hineinerzogen werden. Vielmehr wissen wir heute, dass sie nicht nur mit unterschiedlichen Geschlechtsorganen geboren werden, sondern auch mit unterschiedlichen Gehirnen.“

Der Druck auf die Jungen wächst

Dieser Logik folgend wäre Gendermarketing also nur die Antwort auf naturgegebene Tatsachen – nach dem Motto: „Mädchen mögen eben lieber Pink.“ Stevie Schmiedel ist da anderer Meinung. Die Genderforscherin ist Geschäftsführerin der Organisation Pinkstinks Germany, die sich mit ihren Kampagnen unter anderem für mehr Vielfalt bei Spielzeug und in der Werbung einsetzt, damit Kinder nicht immer die gleichen Stereotypen vorgesetzt bekommen. Mit dem Theaterstück „David und sein rosa Pony“ tourt Pinkstinks bundesweit durch Grundschulen   dabei, so die Erfahrung, erzählen viele Jungen, dass sie David verstehen: Auch sie würden geärgert, wenn sie mit „Mädchendingen“ spielten.

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Alle Jungen lieben Fussball. Wirklich alle?

„Der Druck auf Jungen, einem archaisch-männlichen Stereotyp zu entsprechen, ist in den letzten Jahren wieder gestiegen“, so Stevie Schmiedel. Analog dazu sollen Mädchen möglichst schlank, schön und sexy sein. Dafür allein die „böse Industrie“ verantwortlich zu machen, wäre Schmiedel zufolge allerdings zu einfach. „Stereotype Geschlechterrollen sind in Deutschland tief im kulturellen Erbe verwurzelt und werden – anders als in den angelsächsischen Ländern – häufig immer noch nicht hinterfragt.“ Im Gegenteil. Es gibt in Deutschland eine große Angst vor Veränderung Schmiedel beobachtet einen Rückschritt in den Kinderzimmern: „Eltern, Paten und Großeltern greifen bei Toys’R’Us auf die gute alte Zeit zurück, in der alles noch seine Ordnung hatte. Es gibt in Deutschland eine große Angst vor Veränderung“, so die Halb-Britin. Während in der Politik inzwischen Themen wie die Gehaltsschere zwischen Männern und Frauen oder Sexismus in der Werbung immer öfter auf der Tagesordnung stehen, sieht sich auch Stevie Schmiedel ebenso wie Almut Schnerring vor allem im Internet einer „unglaublichen Opposition von Menschen, die sich nicht bewegen wollen“ gegenüber. Für die Trendforscher des Zukunftsinstituts um Matthias Horx ist diese Rolle rückwärts in Sachen Geschlechterrollen allerdings nur ein Symptom einer Gesellschaft, die sich mitten im Umbruch befindet. Den eigentlichen Megatrend sehen sie im sogenannten „Gender Shift“: Demnach verlieren Geschlechterrollen zunehmend an Verbindlichkeit, künftig werde ihnen immer weniger Aufmerksamkeit geschenkt, so die Prognose. Ob sie sich bewahrheitet? Das haben wohl wieder einmal wir selbst in der Hand – in unserer Rolle als Konsumenten, Eltern und Vorbilder.

npo // Fotos: sho, fotolia

*Namen von der Red. geändert

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