Sehnsucht nach Kind

In Deutschland ist fast jedes zehnte Paar ungewollt kinderlos. Die Ursachen sind vielfältig, ebenso die Möglichkeiten der modernen Medizin. Wenn es aber trotz aller Anstrengungen nicht klappt, bedeutet das für viele Beziehungen eine große emotionale Belastung und eine existentielle Lebenskrise. An der Sehnsucht nach einem Kind scheitert manchmal die Liebe, aber manchmal kommt das Glück dann doch. Mit oder ohne Kind.

Beim ersten Kind funktionierte alles problemlos. Die Schwangerschaft verlief unauffällig, die Geburt war leicht und nahezu schmerzfrei. Das Baby, ein Mädchen, war rundum gesund und fröhlich. Umso weniger konnte die 35-jährige Cello-Lehrerin Josephine* (Name von der Redaktion geändert) verstehen und akzeptieren, dass es mit der zweiten Schwangerschaft einfach nicht funktionieren wollte. Drei Jahre lang versuchten sie und ihr Mann schwanger zu werden, bis sie aufgaben. Beide hatten keine Kraft mehr. Dann zog sich Josephine zurück. Aus dem gesellschaftlichen und sozialen Leben – kein Treffen mit Freunden war ihr mehr möglich, da wurde natürlich über Kinder und Babys gesprochen – keinen Termin in Kindergarten und später in der Schule ihrer Tochter nahm sie wahr. „Ich konnte den Anblick der vielen Schwangeren nicht ertragen“, erzählt die schlanke, ernste Frau. In meiner Vorstellung waren sie alle überglücklich und ohne Probleme. Ich fragte mich ununterbrochen: warum sie – und ich nicht?“ Selbst mit dem Hund wollte Josephine irgendwann tagsüber nicht mehr spazieren gehen. Zu viele Kinderwagen, zu viele tobende Kleinkinder. Dass viele Freunde und Bekannte sich irgendwann ebenfalls zurückzogen und mit Unverständnis und sogar Kritik reagierten, setzte ihr ebenfalls zu. „Ja, ich weiß. Es ist egoistisch. Ich habe ja schon ein gesundes Kind, das ich sehr liebe. Aber ich kann es nicht ändern. Ich wünsche mir bis heute so intensiv ein zweites Kind, dass ich nachts oft von Babys träume. Die ich zu meinem eigenen Schrecken versuche zu stehlen. Natürlich nur im Traum.“

Was sich für Außenstehende überspannt oder übertrieben anhört, ist für die Betroffenen schmerzhafte Realität und Alltag. Die WHO bezeichnet Infertilität bereits als Krankheit und weist auf die teils gravierenden psychischen Folgen von Unfruchtbarkeit hin. Die Schwere der Belastung wird sogar mit der Belastung verglichen, die nach einer Krebserkrankung auf den Betroffenen lastet.

Die Ursachen für eine ungewollte Kinderlosigkeit liegen statistisch gesehen ebenso oft beim Mann wie bei der Frau. Gründe können das Alter der Frau sein, zu hohes oder zu niedriges Gewicht, Rauchen, eine hormonelle Störung, um nur einige der vielen Gründe zu nennen. Aus allen Schichten, allen Nationalitäten, zunehmend auch Paare mit Migrationshintergrund, suchen Hilfe und Rat in den zahlreichen Kinderwunschkliniken- und Praxen. Damit die Krankenkassen die Kosten einer Behandlung übernehmen, müssen einige Kriterien erfüllt bzw. ausgeschlossen werden: Keinen Zuschuss erhalten (bisher): Alleinstehende, gleichgeschlechtliche Partnerschaften, unverheiratete Paare. Für alle anderen hat die rot-grüne Bundesregierung die Kostenübernahme im Zuge der Gesundheitsreform 2003 (GKVModernisierungsgesetz) für künstliche Befruchtung halbiert, mit dem Effekt, dass in den darauffolgenden Jahren bedeutend weniger Kinder durch IVF-Behandlungen (Invitro-Fertilisation) geboren wurden als in den Vorjahren. Für einen IVF-Zyklus liegt der Anteil für verheiratete Paare bei etwa 1.500 Euro, für das ISCI-Verfahren (Intrazytoplasmatische Spermieninjektion) bei etwa 2.000 Euro – ist ein Paar unverheiratet, liegen die Kosten doppelt so hoch, da die Krankenkassen die Behandlung nicht bezuschussen dürfen. In einigen Bundesländern gibt es einen staatlichen Zuschuss zur Behandlung. Die gesetzlichen Regelungen der Kinderwunschbehandlungen sind in Deutschland strenger als im europäischen und außereuropäischen Ausland. Die Eizellenspende oder die Leihmutterschaft sind in Deutschland verboten. Das deutsche Embryonenschutzgesetz soll eine „gespaltene Mutterschaft“ verhindern und sicherstellen, dass die genetische und biologische Mutter eines Kindes eine Person ist. In den USA wird mit dem Thema deutlich liberaler umgegangen. Die dortige gesellschaftliche Offenheit gegenüber der Gentechnik ist für viele Wissenschaftler ein Indiz, dass viele (gut betuchte) US-Amerikaner in den nächsten Jahrzehnten
generell auf künstliche Befruchtung und Selektion setzen werden.

Was aber tun, wenn es trotzdem nicht klappt? Wenn alle Möglichkeiten ausgeschöpft sind, kein Geld mehr da ist oder keine weitere Fehlgeburt riskiert werden kann?

Was aber tun, wenn es trotzdem nicht klappt? Wenn alle Möglichkeiten ausgeschöpft sind, kein Geld mehr da ist oder keine weitere Fehlgeburt riskiert werden kann? Denn: Zehn bis 15 Prozent der Paare müssen sich endgültig von ihrem Kinderwunsch verabschieden. Manche bemühen sich anschließend um eine Adoption oder um ein Pflegekind, andere brauchen Jahre, um aus
der Trauer hinaus- und in einen Plan B, in ein Leben ohne Kind – hineinzuwachsen. „Um gar nicht erst in solch eine verzweifelte Lage zu kommen, empfehlen wir, dass sich Paare frühzeitig Hilfe suchen“, erläutert Dr. Petra Thorn, die Vorsitzende des Beratungsnetzwerk Kinderwunsch Deutschland, kurz BKID. „Erfahrungen haben gezeigt, dass es Paare leichter haben, die sich
im Vorfeld – gleich wenn sie merken, dass es ohne technische Unterstützung mit dem Kinderwunsch nicht klappt, Unterstützung suchen, um durch die emotionale Achterbahnfahrt zu kommen, die eine medizinische Behandlung mit sich bringt.“ Und diese Paare hätten es auch leichter, zu einem Plan B zu kommen.

Im Schnitt, so Thorn, seien die Frauen, die sich für eine künstliche Befruchtung entschieden, 36 Jahre alt. Dauerte die Behandlung im Durchschnitt um die drei Jahre, seien anschließend andere Möglichkeiten, ein Kind zu bekommen, unwahrscheinlich. „Mit 40 Jahren können Frauen in Deutschland keinen Säugling mehr adoptieren“, so Thorn. Deshalb: „Paare sollten sich im Vorfeld mit allen Optionen auseinandersetzen, damit alternative Wege nicht anschließend verbaut sind. Und sich auch überlegen, wie können wir unser Leben sinnvoll gestalten, wenn es mit dem Kinderwunsch definitiv nicht klappt.“

Aber zurück zu „Josephine“. Was tun, wenn die Verzweiflung so groß ist, dass das Thema alles bestimmt? „Hilfe suchen!“, so Thorn. „Gemeinsam mit dem Partner. Und sich gemeinsam aus dieser Verzweiflung herausarbeiten. Manchmal braucht es eine professionelle Begleitung, aber manchmal auch nur eine gute Freundin. Die einen wachrüttelt und für einen da ist.“

bw // Fotos: photocase

Austausch und Hilfe unter: bkid.de und informationsportalkinderwunsch.de/familienplanung

bkid.de: Das „Beratungsnetzwerk der psychosozialen BeraterInnen bei unerfülltem Kinderwunsch/ungewollter Kinderlosigkeit Deutschland“, kurz BKID, sammelt umfangreiche Informationen, Anlaufstellen und Adressen auf seiner Homepage. Auf einer Landkarte können Betroffene Anlaufstellen in ihrer Nähe finden. Das BKID bietet Frauen und Männern nicht nur Hilfe bei der Vermittlung zu psychosozialer Beratung, sondern unterstützt reproduktionsmedizinisch tätige Professionelle, begleitet Menschen auf dem Weg durch die Kinderwunschzeit, hilft bei Entscheidungsfindungen oder begleitet den Weg des Abschieds vom Traum vom eigenen Kind.

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