„Wichtig ist die Liebe zum Kind“

IrleIm Gespräch: Die Autorin Katja Irle…

über die aktuelle Debatte zur Homosexualität und ihr nagelneues Buch

Katja Irle  arbeitet seit über als 20 Jahren als Journalistin, unter anderem war sie viele Jahre Bildungs- und Wissenschaftsjournalistin bei der Frankfurter Rundschau.
Heute arbeitet Irle als freie Journalistin, Autorin und Moderatorin für verschiedene Tageszeitungen und Zeitschriften, Fachpublikationen sowie für Verbände und andere Organisationen, beispielsweise die Bundeszentrale für politische Bildung.

Ihr aktuelles Buch „Das Regenbogenexperiment – Sind Schwule und Lesben die besseren Eltern?“  ist im März 2014 erschienen.

SLK: Frau Irle, unabhängig von der aktuellen deutschen Debatte um den Bildungsplan in Baden-Württemberg, scheint kaum ein Tag zu vergehen, an dem Homosexualität nicht in den Medien thematisiert wird. Warum ist dieses Thema in auf einmal so präsent?

Weil es trotz aller Schritte zur Gleichstellung und einer mehrheitlich toleranten deutschen Gesellschaft immer noch Vorbehalte gegen homosexuelle Lebensformen gibt. Das erleben wir exemplarisch beim Bildungsplan in Baden-Württemberg: Die Unterzeichner betonen, nichts gegen sexuelle Vielfalt zu haben. Wenn es um ihre eigenen Kinder geht, also nahe an sie heran rückt, dann aber doch. Gleichzeitig erleben wir eine starke Gegenbewegung, die Aus- und Abgrenzung nicht länger hinnehmen will. Diese beiden Seiten der Medaille zeigen sich aktuell auch bei der Debatte über Homophobie in Russland sowie bei der Diskussion über Sexualität und Familie innerhalb der katholischen Kirche. Da ist sehr viel in Bewegung geraten – sogar im Vatikan.

Homosexualität wird von vielen Menschen in unserer Gesellschaft inzwischen akzeptiert. Kommen Kinder ins Spiel, kippt diese Akzeptanz. Das zeigt sich bei der Haltung der Menschen zum Bildungsplan, das zeigt sich erst recht in der Debatte um das Adoptionsrecht von gleichgeschlechtlichen Paaren. Das wirft die Frage auf, ob die die Akzeptanz von Homosexualität nur vordergründig ist. Wie sehen Sie das?
Bei meinen Recherchen über Regenbogenfamilien habe ich genau diese Diskrepanz auf verschiedenen Ebene immer wieder erlebt: Einerseits fallen die Vorbehalte. Umfragen in der Bevölkerung belegen eine große Akzeptanz gegenüber gleichgeschlechtlichen Paaren, und auch die Regenbogenfamilien selbst berichten, dass sie im Alltag bis auf Ausnahmen akzeptiert werden. Im Gespräch mit Menschen aus ganz unterschiedlichen Milieus habe ich aber auch Skepsis und offene Ablehnung erlebt. Viele sehen die Regenbogenfamilie als Abkehr vom Adam-und-Eva-Prinzip und befürchten, dass damit die traditionelle Familie in Frage steht.
Auch auf der Eben der Politik gibt es nach wie vor große Ambivalenz. Der Gesetzgeber hat einerseits in den vergangenen 15 Jahren die Gleichstellung von Schwulen und Lesben vorangetrieben. Doch vor dem letzten Schritt, nämlich homosexuellen Paaren – genau wie heterosexuellen Ehepaaren – ein gemeinsames Adoptionsrecht einzuräumen, schreckt die Regierung zurück. Ich glaube nicht einmal, dass Bundeskanzlerin Merkel persönlich ein Problem mit Regenbogenfamilien hat. Aber aus Rücksicht auf die Konservativen in der Union und ihre Stammwählerschaft windet sie sich. Sie wartet lieber darauf, dass das Bundesverfassungsgericht die Regierung zum gemeinsamen Adoptionsrecht zwingt.

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Der Titel Ihres Buches provoziert. „Sind Schwule und Lesben die besseren Eltern?“. 
Die Fragestellung suggeriert auf den ersten Blick, das Buch würde inhaltlich nach Beweisen für diese These suchen. Warum?

Es ist, wie Sie sagen, eine Provokation. Ich habe den Spieß einfach mal umgedreht. Bislang wurde ja immer gefragt, ob Lesben und Schwule verglichen mit heterosexuellen Paaren nicht doch die schlechteren Eltern sind. Nun gibt es einige wissenschaftliche Befunde von Forschern, die bei gleichgeschlechtlichen Eltern die Tendenz zu einer vorurteilsfreieren Erziehung sehen und glauben, dass geschlechtstypische Rollenklischees weniger vorkommen. Ich selbst betrachte solche Studien, die vor allem den Homo-Hetero-Vergleich im Blick haben, mit Vorsicht. Letztlich ist die sexuelle Orientierung der Eltern für die Entwicklung der Kinder weniger wichtig als die Beziehung der Eltern untereinander und ihre Liebe zum Kind. Einschränkend muss man allerdings sagen, dass die Forschung über Kinder, die direkt in eine gleichgeschlechtliche Partnerschaft hineingeboren werden, noch sehr jung ist. Wir wissen nicht genau, ob es einen Unterschied macht, wenn ein Kind klassisch mit Vater und Mutter aufwächst, bei zwei Müttern oder zwei Vätern, in einer homosexuellen oder heterosexuellen Patchworkfamilie oder bei nur einem Elternteil. Ich vermute, dass es Unterschiede gibt – ob die positiv oder negativ sind fürs Kind, lässt sich jedoch nicht pauschal beantworten.

Liest man das Buch, merkt man schnell, dass dieses Buch sehr ausgewogen geschrieben ist und unterschiedliche Sichtweisen berücksichtigt. Ist ein solcher Titel dann nicht kontraproduktiv, weil er tendenziell homophobe Menschen eher abstoßen könnte?
Das hoffe ich nicht. Die Erfahrung zeigt allerdings, dass homophobe Menschen neuen Argumenten gegenüber generell verschlossen sind. Diese Gruppe würde – unabhängig davon, ob der Titel nun provoziert oder nicht – schon ein Buch mit den Farben des Regenbogens auf dem Cover nicht lesen. Dabei ist mein Buch keine Szene-Lektüre, sondern reflektiert die politische Debatte, wissenschaftliche Befunde und den Alltag von Regenbogenfamilien.

Was war für Sie ausschlaggebend, sich mit dem Thema zu befassen?
Ich habe mich gefragt, warum über homosexuelle Paare mit Kindern und das gemeinsame Adoptionsrecht so heftig und häufig gestritten wird – obwohl beispielsweise vom Thema Kinderarmut sehr viel mehr Mädchen und Jungen in Deutschland betroffen sind. Regenbogenfamilien sind – trotz der breiten medialen Debatte – nach wie vor eine Ausnahme in Deutschland. Hinzu kommt, dass viele Regenbogenkinder absolute Wunschkinder sind – lange geplant und von den Eltern sehr gefördert. Die Gesellschaft müsste sich also um diese Mädchen und Jungen eigentlich keine großen Sorgen machen. Was steckt also dahinter? Meine These: Die Frage nach dem Kindeswohl, um die es in den öffentlichen Debatten immer wieder geht, ist oft vorgeschoben. Hinter den Kulissen tobt der Kampf um richtige und falsche Erziehung und um die jahrhundertealte Überzeugung, dass ein Kind nur mit Vater und Mutter glücklich aufwachsen kann. Ich fand es spannend, diese Polarisierung zu analysieren und am Ende festzustellen: homosexuelle und heterosexuelle Eltern haben eigentlich die gleichen Sorgen, Ziele und Nöte.

Was würden Sie sich persönlich für die Zukunft wünschen? Sollten gleichgeschlechtliche Paare auch beim Adoptionsrecht gleich behandelt werden?

Ja, das sollten sie. Die Bundesregierung wird früher oder später das gemeinsame Adoptionsrecht verwirklichen müssen. Das wäre auch im Interesse der betroffenen Kinder, die damit ja auch eine bessere rechtliche Absicherung hätten. Gleichzeitig müsste unsere Gesellschaft aber eine offene Debatte um die neue, bunte Familienvielfalt führen – vor allem darüber, wie Eltern mit dem Recht der Kinder umgehen, ihre Herkunft zu kennen. Diese Frage stellt sich nicht nur für homosexuelle Paare, sondern auch für heterosexuelle Eltern, die zum Beispiel mit Hilfe von Samenspenden eine Familie gründen. Man kann den unbekannten Dritten bei der Familiengründung zwar ausblenden – und manche Eltern tun das aus egoistischen Motiven – aber spätestens in der Pubertät gehen Heranwachsende auf die Suche nach ihren Ursprüngen. Werden sie nicht fündig, kann das gravierende Folgen für ihre Identitäts- und Persönlichkeitsentwicklung haben. Eltern haben aus meiner Sicht kein Recht dazu, den Kindern einen Teil ihrer Entstehungsgeschichte vorzuenthalten.

Und abschließend natürlich noch eine persönliche Frage: 
Hand auf Herz? Sind Schwule und Lesben ihrer Meinung nach die besseren Eltern?
Da schließe ich mich den Worten des dänischen Familientherapeuten Jesper Juul an, der das Vorwort zum „Regenbogen-Experiment“ geschrieben hat: „Homosexuelle Eltern sind einfach wie alle anderen auch: genauso warm, wunderbar, kompetent, rätselhaft, selbstaufopfernd, sorgenvoll, kränkend, überbehütend und gewalttätig.“

shy// Foto: Christoph Boeckheler

 

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