Spielzeitverlängerung

Weniger Zeit im Beruf, mehr Zeit für die Familie – über die Hälfte der deutschen Väter wünscht sich das. Ihre Arbeitszeit reduzieren trotzdem nur die wenigsten. StadtLandKind hat einige Vertreter aus der seltenen Spezies der Teilzeit-Väter getroffen.

Vor unorthodoxen Entscheidungen schreckt Andreas Schmitt nicht zurück. Schon mehrfach hat der 42-Jährige seinem Lebensweg überraschende Wendungen verpasst. Zum Beispiel 2012. Nach einer beruflichen Auszeit beschloss der studierte Wirtschaftsingenieur, seine Karriere in der Industrie an den Nagel zu hängen. Stattdessen eröffnete er „Beans of Joy“, eine Kaffee rösterei mit Coffeeshop in Heidelberg Dossenheim. „Kaffee ist eine meiner größten Leidenschaften“, begründet der Mann mit dem blonden Vollbart seine Herzensentscheidung. Doch es gibt noch etwas anderes, woran sein Herz hängt: Yolanda, seine viereinhalbjährige Tochter. Für sie hat Andreas Schmitt die Öffnungszeiten seiner Rösterei limitiert: Geöffnet ist von Donnerstagnachmittag bis Sonntag. Der Montag, der Dienstag und der Mittwoch gehören Yolanda. Damit ist Andreas Schmitt nicht nur Diplom-Ingenieur und Chef-Diplom-Kaffeesommelier, sondern auch praktizierender Teilzeit-Papa.

Solange Frauen schlechter bezahlt werden als Männer, wird sich nichts ändern

Im Durchschnitt arbeiten Väter in Deutschland rund 41 Wochenstunden, die Teilzeit-Papas reduzieren diese Stundenzahl und sind stattdessen länger für ihre Familien da. Weit verbreitet ist dieses Modell allerdings noch nicht: Lediglich sechs Prozent aller Männer mit Kindern unter sechs Jahren hatten 2016 einen
Teilzeitjob, und nur 4,3 Prozent der Papas von Kindern über sechs Jahren, so das Statistische Bundesamt. Demgegenüber haben fast Dreiviertel aller Frauen mit Kindern unter sechs Jahren einen Teilzeitjob und 65 Prozent der Mütter mit Kindern über sechs. Wirklich erstaunlich ist das nicht. Solange Frauen schlechter bezahlt werden als Männer, ist die Entscheidung nachvollziehbar, im Zweifelsfall lieber auf einen Teil des geringeren Einkommens zu verzichten. Studien zeigen außerdem: Männer wie Frauen haben das Gefühl, dass eine Teilzeittätigkeit bei Frauen stärker akzeptiert ist als bei Männern.

Als selbstständiger Unternehmer ist Kaffeeröster Andreas Schmitt natürlich keinem Chef Rechenschaft schuldig und kann seine Arbeitszeit frei einteilen – theoretisch. Allerdings bedeutet für ihn jede Minute, die er nicht selbst im Laden steht, weniger Einkünfte. „Für die drei Tage mit Yolanda habe ich mich ganz bewusst entschieden“, sagt er. „Aber man muss ganz klar sagen: Ich kaufe mir diese Zeit.“ Von der Mutter seiner Tochter lebt Schmitt seit einiger Zeit getrennt. „Ich habe mich anfangs schon gefragt, wie das weiter funktionieren soll mit dem Vatersein. Ich wollte meine Tochter ja nicht nur jedes zweite Wochenende sehen“, erzählt er. Die Aufteilung der Woche in Mama-Tage und Papa-Tage ist für Schmitt ein guter Kompromiss. Und an den Yolanda-Tagen die Arbeit auszublenden, fällt ihm nicht schwer – auch weil er gar keine andere Wahl hat. „Man kann ja kaum telefonieren, wenn sie da ist“, sagt er, grinst und findet diesen Zustand eigentlich ganz ok. „Man würde sich ja sonst gleich wieder alles mit Terminen vollpacken.“

Über die Hälfte der Väter hätten gerne kürzere Arbeitszeiten

Der Wunsch, es Andreas Schmitt gleichzutun ist groß: Über die Hälfte der Väter hätten laut dem Väterreport 2016 des Bundesfamilienministeriums gerne kürzere Arbeitszeiten. Vielen von ihnen würde schon eine Reduzierung um ein paar Stunden reichen – und weniger Überstunden. Deswegen beim Chef anzuklopfen, wagen jedoch nur wenige. Auch Markus de Jesus Oliveira hat vor dem Gespräch mit seinem Vorgesetzten gezögert. „Man hat schon den Eindruck, das will doch keiner. Dazu kommt die Sorge um die Karriere“, erinnert sich der 41-Jährige, der als Senior Manager im Bereich Gesundheits-, Arbeits- und Umweltschutz
bei der Freudenberg Gruppe in Weinheim tätig ist. Seine Frau arbeitet in Vollzeit. Weil es an zwei Wochentagen keinen Hortplatz für die jüngere der beiden Töchter gab, reduzierte Markus de Jesus Oliveira auf 30 Wochenstunden, zunächst im Rahmen der Elternzeit, seit Juli 2016 unbefristet in Teilzeit. Negative Kommentare von den Kollegen muss er sich deshalb nicht anhören, denn Freudenberg fördert die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. „Es fallen eher Sätze wie: ‚Das würde ich auch gern machen.‘“ „Mach doch!“, empfiehlt der Darmstädter dann. Montags bis mittwochs arbeitet er Vollzeit, donnerstags geht er früher und ist dann, wie auch am Freitag, komplett Hausmann und Papa. „Viele gute Ideen für den Job kommen mir freitags beim Kochen, Spielen oder beim Einkaufen mit ein bisschen Abstand zum Büro“, hat er festgestellt. „Durch die knappere Zeit im Unternehmen arbeite ich dort dafür fokussierter.“ Bis zur Rente werde er die Teilzeit wohl nicht beibehalten, wohl aber die nächsten Jahre, sagt Markus de Jesus Oliveira, dem die Zeit mit seinen Töchtern wichtig ist. „Es ist ja nur eine Phase, die will ich jetzt wertschätzen. Irgendwann nimmt die Nachfrage nach den Eltern wieder ab“, sagt er. „Zurück zur Vollzeit kann ich dann immer noch.“ Dass seine Geschlechtsgenossen ihren Wunsch nach weniger Beruf und mehr Familie nicht vehementer äußern, ärgert de Jesus Oliveira. „Väter in Teilzeit sollten keine Exoten sein, sondern die Regel“, findet er. Denn: „Wenn das mehr Männer machen würden, hätten wir vermutlich auch bald keine Diskussionen mehr über  Gleichbezahlung. Die Arbeitgeber wüssten dann, dass ihnen die Männer ebenso vorübergehend abhandenkommen können wie die Frauen.“

npo // Fotos: fotolia

Mehr zum Thema „Väter in Teilzeit“ in der aktuellen Printausgabe von StadtLandKind. 

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