The Simple Club: Die zwei Zahlenzauberer

skal.Alex & Nico

Mathe ist doof? Von wegen! Mit ihrer You-Tube-Nachhilfe „The Simple Club“ treten die Studenten Alexander Giesecke und Nicolai Schork den Gegenbeweis an und zeigen: Auch die vermeintlich drögen Naturwissenschaften können die Basis für eine Internet- Karriere sein.

Erfolg auf You Tube – das hat meistens zu tun mit Comedy oder Kätzchen, mit Schminktipps oder Videospielen. Alexander Giesecke und Nicolai Schork haben damit nicht viel am Hut. In ihren Online-Videos beschäftigen sie sich stattdessen mit Mathe, Physik, Bio und Chemie – und haben Erfolg damit. „The Simple Club“ haben die beiden Studenten ihre Nachhilfe im Netz getauft. Auf über 400.000 Aufrufe bringt es der beliebteste Clip. Das ist zwar nicht die Kategorie, in der sich You-Tube-Größen wie Erik Range alias Gronkh oder Florian Mundt alias LeFloid bewegen. Bemerkenswert ist die Zahl dennoch – schon mit Blick auf den Titel des Videos: „Exponentialfunktion und Logarithmus“ heißt der Quoten-Hit von The Simple Club. Sexy ist anders.

Was ist denn da los?! Mal ausprobieren. Ich fürchte, mit Exponentialfunktionen einzusteigen wäre vermessen. Was gibt’s denn noch…? Binomische Formeln. Das klingt besser. Sympathisch, dass die zwei Jungs gleich in den ersten Sekunden mit der Wahrheit rausrücken: „Es gibt drei binomische Formeln, die musst du einfach auswendig lernen.“ Genau! So war das nämlich mit Mathe. Immerhin: Nach zwei Minuten Videogucken bin ich in Sachen a2 und b2 wieder einigermaßen auf dem Laufenden. Auch die Mathe-Dauerfrage (WARUM??) wird beantwortet. Und wer falsch rechnet, den frisst das grimmige Kätzchen…

„Bildung muss Spaß machen“, finden Alex Giesecke und Nico Schork. In Mosbach im Neckar-Odenwald-Kreis haben die beiden das Nikolaus-Kistner- Gymnasium besucht und wurden schon als Schüler immer wieder von Klassenkameraden um Nachhilfe gebeten. Statt des klassischen Einzelunterrichts begannen sie, Videos zu drehen und ins Netz zu stellen. Die Idee dahinter ist ebenso einfach wie selbstbewusst: „Mit Privat-Nachhilfe können wir nur eine Person erreichen. Online erreichen wir mit einem Video Millionen von Leuten und können so viel mehr Schülern und Studenten helfen“, sagen die beiden 20-Jährigen, die inzwischen Maschinenbau in Karlsruhe (Alex) und Medieninformatik in München (Nico) studieren.

Dass sie gut erklären können, ist dabei nur ein Baustein im Gesamtkonzept. Denn das können andere auch. Allerdings findet Nachhilfe im Netz häufig vor weißen Tafeln statt, die ein Tutor, den Rücken zum Zuschauer gewandt, mit langen Zahlenreihen beschriftet. The Simple Club funktioniert anders: Die beiden Chef-Erklärer haben nicht  nur Köpfchen, sondern sie sind auch kameraaffin und bringen schauspielerisches Talent ebenso mit wie ein gutes Gespür für das Medium Internet.

Die Simple-Club-Videos sind aufwändig und einprägsam – auch dank so manchem albernen Kommentar. Sich selbst nehmen die beiden Macher dabei kein bisschen ernst. Ihre Mission dagegen schon. „Wir wollen unseren Zuschauern mehr bieten als nur reine Nachhilfe. Wir wollen zeigen, wie man es schafft, die eigenen Ziele zu erreichen“, sagen Alex Giesecke und Nico Schork. Ihr Rat: „Wenn man ein Ziel hat, hinter dem man komplett steht, dann sollte man alles daransetzen es zu verwirklichen, egal wie unrealistisch es scheint.“

Mit The Simple Club machen sie vor, wie das geht. Gestartet sind die Mosbacher mit Mathe-Clips auf ihrem Kanal „The Simple Maths“. Inzwischen sind drei weitere Kanäle dazugekommen: „The Simple Physics“, „The Simple Chemics“ und „The Simple Biology“.

Bio? Warum nicht. Da stellt sich ja auch die eine oder andere interessante Frage. Zum Beispiel: Wieso gibt es Mädchen und Jungen? Erstmal lerne ich in dem Video Jan kennen. Er ist der Protagonist in vielen Simple Club-Clips. In diesem hier muss er nach sieben Bier aufs Klo und sinniert dann darüber, was eigentlich der Unterschied zwischen Männlein und Weiblein ist. Wieder gibt es gleich zu Anfang einen Hinweis: „In diesem Video sagen wir ein paar Mal Pimmel.“ Och nee, nur weil das Wort Pimmel fällt, soll das jetzt besonders toll sein? Wenige Minuten später muss ich zugeben: Der kleine Unterschied ist wirklich gut erklärt. Ich bin jetzt schlauer und wurde bestens unterhalten (und ganz ehrlich: das Wort Pimmel hatte durchaus Anteil daran).

„Wir erreichen unsere Zuschauer so, wie sie erreicht werden wollen: als Freund und nicht als Lehrer“, beschreibt  Alex Giesecke die Idee hinter The Simple Club. Er ist der Off-Sprecher in den Videos und seine Stimme ist inzwischen zum Markenzeichen der Nachhilfe-Filme avanciert – ebenso wie die flapsige Sprache. „Wir legen keinen Wert auf ein übertrieben hohes Sprachniveau wie die meisten Angebote im Nachhilfe-Bereich“, sagt Alex Giesecke und betont: „Seriös sind wir natürlich trotzdem.“ Nach eigenen Angaben hat The Simple Club insgesamt 450 000 Abonnenten, täglich kommen etwa 1000 neue dazu. Das Angebot verzeichnet 3,5 Millionen Videoaufrufe pro Monat, insgesamt wurden die Filme 24 Millionen Mal aufgerufen. Glück oder Zufall, das stellen die Simple-Club-Macher unmissverständlich klar, sei das alles nicht. Hinter dem, was im Internet so locker und lässig rüberkommt, stecke viel Ausprobieren, Scheitern, Weitermachen.

Kurz: richtig harte Arbeit.

13 Videos gehen jede Woche online, jeder der Filme hat einen Produktionsaufwand von 10 bis 15 Stunden. Die Themenvorschläge für die Clips kommen täglich von den Zuschauern selbst. Ein Team von sechs Mitarbeitern – Autoren und Video-Editoren – ist mittlerweile für Alex Giesecke und Nico Schork tätig. Gearbeitet wird verteilt über ganz Deutschland – oft per Videokonferenz. Die beiden kooperieren außerdem mit dem Vermarktungsnetzwerk Mediakraft, das mehrere prominente Online-Stars jüngst öffentlich kritisiert hatte. Die Bedenken der Kollegen teilen die zwei Mosbacher Jungs nicht. Sie fühlen sich mit The Simple Club bei dem Münchener Unternehmen gut aufgehoben und planen sogar eine GmbH in Zusammenarbeit mit Mediakraft.

Vom Erfolg ihrer Video- Nachhilfe Rückschlüsse ziehen auf die Qualität des Schulunterrichts, das möchten die Online-Erklärer nicht. Allerdings gehen sie davon aus, dass der Trend weggeht von der klassischen linearen Wissensvermittlung hin zu fl exibleren Lernmethoden – zum Beispiel mit Hilfe digitaler Medien. Kritik an ihrem Angebot gebe es kaum, sagen die beiden – im Gegenteil: „Wir werden sogar ständig von Lehrern angeschrieben, die unsere Videos im Unterricht verwenden wollen.“

Vielleicht hätte mir das seinerzeit auch geholfen! Mal schauen, ob mir The Simple Club jetzt die Gesetze des Freien Falls näherbringen kann. Also ab nach Berlin. Dort fällt nämlich dem Simple- Club-Helden Jan ein Apfel vom Fernsehturm. Uuups. Ausgehend von diesem Missgeschick erklärt mir die Off-Stimme, wie man aus Fallhöhe und Beschleunigung die Zeit berechnen kann, bis der Apfel auf der Erde aufprallt. Tja, ich erinnere mich: Auch in Physik geht es vor allem darum, Zahlen an der passenden Stelle in komische Formeln einzufügen, die man – Tipp – am besten „einfach auswendig lernen oder in den Taschenrechner als Spickzettel einspeichern“ sollte. Aber was für ein Glück: Physikformeln will heute niemand mehr von mir wissen! Guck ich doch lieber mal, wie Nordlichter entstehen …

Auch über eine Art Nachhilfe für Lehrer – das Erklären erklären sozusagen – haben sie schon nachgedacht, wollen dazu aber noch nichts verraten. Fünf Tage waren die beiden im Frühsommer auf einer „Simple Tour“, bei der sie an Schulen Workshops zu Themen wie Motivation, Effi zienter lernen und Selbstbewusstsein gegeben haben. Ein anderer Höhepunkt, ebenfalls im Frühsommer, war die Nominierung für den Digital Emmy in Cannes. Wundern sie sich manchmal über den Hype, der da um sie entstanden ist? „Wir freuen uns, dass unsere Arbeit Anerkennung findet“, sagt Alex Giesecke.

„Allerdings haben wir auch darauf hingearbeitet, daher wundert es uns nicht, sondern bestätigt uns eher.“ Ebenso herzhaft unbescheiden fallen auch die Zukunftspläne aus. In den Schuldienst treten – man ahnt es – wollen die beiden nicht. Entsprechend der Simple-Club-Botschaft liegt die Latte etwas höher. Als Lebensziel nennen Alex Giesecke und Nico Schork: „The Simple Club nicht nur in Deutschland, sondern auf der ganzenWelt etablieren.“

npo // Fotos: The Simple Club


Mehr unter: thesimpleclub.de

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