„Unterhalt und Umgang dürfen nicht an Bedingungen geknüpft werden“

Am 1. 7. 2017 kommt der erweiterte Unterhaltsvorschuss für alle Alleinerziehenden, die keinen Unterhalt von ihrem Expartner/in bekommen. Bisher hat ein alleinerziehendes Elternteil nur bis zum 12. Geburtstag des Kindes Unterstützung vom Jugendamt bekommen. Diese zeitliche Begrenzung fällt weg. Gezahlt werden ab 1. Juli 2017: Für Kinder von 0 bis 5 Jahre 150 Euro, für Kinder von 6 bis 11 Jahre 201 Euro und für jedes Kind von 12 bis 18 Jahre 268 Euro. Wir begleiten die neuerungen mit einer kleinen Serie von Informationen und Interviews. Den Anfang macht Dr. Charlotte Michel-Biegel vom Verband alleinerziehender Mütter und Väter Landesverband Baden-Württtemberg.

Sind Sie erleichtert, Frau Michel-Biegel?

Ja, sehr. Das Thema steht seit Jahren auf unserer Agenda und wir haben uns bei allen möglichen Gremien und in der Politik für diese Verbesserungen eingesetzt. Die Streitigkeiten um das Geld, die ständige Sorge, ob der Unterhalt kommt, die Einforderungen, ggf. durch einen Anwalt bringen viel Unruhe in eine Familie. Das kann man sich sparen.

Sind die Beträge Ihrer Einschätzung nach ausreichend?

Die vorgesehenen Beträge sind Mindestbeträge. In den meisten Fällen sind die vom Unterhaltspflichtigen gem. Düsseldorfer Tabelle zu zahlenden Beträge höher.
Deswegen wird es in vielen Fällen nicht reichen.
Hatten Sie Bedenken, dass sich die Parteien doch nicht auf die Neuerung einigen würden?

Da hatten wir tatsächlich Bedenken. Schließlich bedeutet die Änderung, bzw. Umsetzung finanzielle und personelle Belastung und Mehrarbeit für die auszahlenden Stellen. Und die haben sich gewehrt. Bei allem Verständnis kann es aber nicht das Problem der Betroffenen sein, wie sich Bund und Länder mit den Kommunen einigen und wie sich die Ämter organisieren.

„Natürlich kann man sich auch arm rechnen“

Wollen oder können die Eltern ihre Kinder nicht unterstützen?

Das ist ganz unterschiedlich. In einigen Fällen macht die Trennung tatsächlich beide Eltern arm, wenn zum Beispiel eine Immobilie auf der Kippe steht, oder Schulden da sind. Oft kommt es zu Unregelmäßigkeiten oder Zahlungsstopp, wenn das unterhaltspflichtige Elternteil einen neuen PartnerIn hat oder in die neue Beziehung ein Kind kommt. Einem verlassenen Elternteil fällt die Zahlungspflicht mitunter schwer, wenn man sich als  „Zahlvater“ – oder mutter fühlt. Es gibt viele durchaus nachvollziehbare Gründe. Sie dürfen jedoch nicht zu Lasten des Kindes gehen. Natürlich kann man sich auch arm rechnen. Einige sehen auch einfach nicht ein, dass ein Kind so viel geld braucht. Es geht hier aber nicht um teure Markenklamotten, das neuste Handy oder jeden Tag ein Eis … Es geht darum, dass mit Kindern eine größere Wohnung fällig ist, Fahrten, Klasssen-Ausflüge usw notwendig sind. Ausgaben für Möbel, Spielsachen sind variabel, für Miete, Verkehrsmittel oder Zahnspange sind es nicht.

Ist es Ihrer Beobachtung nach ein tatsächliches finanzielles Unvermögen, oder wird das Verweigern der Unterstützung auch als Macht-Demonstration eingesetzt?

Sicher ist es in einigen Fällen auch ein Machtinstrument. Die Unterhaltszahlungen werden oft als Erpressung oder Tauschgeschäft eingesetzt. Da gibt es auch schin einmal unbedachte Bemerkungen wie: Wenn deine Mutter nicht mit Geld umgehen kann, könnt ihr eben nicht in den Urlaub fahren“. Oder: „Wenn dein Vater den Unterhalt zahlen würde, könntest Du auch auf die Klassenfahrt“. Unterhalt und Umgang sind aber nicht an Bedingungen zu knüpfen. Die Unterhaltsbeiträge sind errechnet und werden überwiesen wie Steuern, Miete und andere Verpflichtungen.

Ist den Eltern Ihrer Beobachtung nach bewusst, welchen Schaden sie mit der Uneinigkeit auch beim Kind anrichten?

Zugunsten der Eltern gehe ich davon aus, dass es Ihnen nicht bewusst ist. Nach einer schmerzhaften Trennung bleiben oft Rachegelüste, Ängste und Wut, die unbewusst das Kinderleben begleiten. Eltern, die das überwinden, zeigen wirkliche Größe. Vielen Eltern ist es nicht bewusst, sonst würden sie daran arbeiten, den Kindern eine Kindheit ohne Erwachsenen-Belastungen zu ermöglichen, denn sie lieben ja ihre Kinder.

Was brauchen Alleinerziehende am allernötigsten?

Da Alleinerziehende aus allen Bevölkerungsschichten und Milieus kommen und sich auch Trennungsgründe und das Alter der Kinder unterscheiden, sind natürlich die Vorstellungen und Bedürfnisse unterschiedlich. Was ALLE brauchen: Frieden   – und das Bewusstsein, dass sie ihre Aufgabe gut machen, dass sie auch mal Fehler machen dürfen, wie es in allen Familien geschieht. Und Sicherheit, die sich auf alle Beteiligten auswirkt. Wir wünschen uns bessere Rahmenbedingungen für eine berufliche Tätigkeit, die das Auskommen sichert, flexible Arbeitszeiten, wo es möglich ist, familienfreundliche Betriebe, Teilzeitausbildungsangebote, familiengerechte Besteuerung, das heißt: Einzelbesteuerung mit Berücksichtigung der Kinder, nicht der Ehe. Wir brauchen mehr günstigen Wohnraum, denn für viele Alleinerziehende ist eine Wohnung in Ballungsgebieten oft nur zu bezahlen, wenn Mutter oder Vater auf ein eigenes Zimmer verzichten. Wir brauchen Sicherheit: Was ist, wenn ich krank werde und das andere Elternteil weit weg lebt? Wir brauchen eine anständige Renten-Lösung. Frauen, die wegen Kindererziehung jahrzehntelang in Teilzeitbeschäftigung waren, dürfen nicht mit Altersarmut bestraft werden.

„Alleinerziehende sind kein Jammer-Verein“

Wir wünschen uns niedrigschwellige Beratungsstellen und Treffpunkte. Zwar kommen die meisten Alleinerziehenden mit ihrer Situation gut zurecht, aber bei Erziehungsfragen, Vorgehensweisen und Entscheidungen fehlt doch oft der erwachsene mitverantwortliche Gesprächspartner. Wir sind aber kein Jammer-Verein.

Dr. Charlotte Michel-Biegel ist Landesvorsitzende des Verbands Alleinerziehender Mütter und Väter in Baden-Württemberg. Sie ist Erziehungswissenschaftlerin und Diplom-Sozialarbeiterin und freiberuflich für Familiengerichte tätig. In ihrem Buch: „Die Luft brennt“ beschreibt sie Fälle in familiengerichtlichen Auseinandersetzungen und deren Auswirkungen.

Interview: Bettina Wolf

Siehe auch: bmfsfj.de/bmfsfj/themen/familie/der-unterhaltsvorschuss

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