„Väter müssen Mütter werden“

Jochen König ist Autor, Blogger, Vater von zwei Töchtern. Seine siebenjährige Tochter Fritzi lebt seit ihrer Geburt überwiegend bei ihm. Von der Mutter ist er seit einigen Jahren getrennt. Später bekam er mit einem befreundeten lesbischen Paar eine zweite Tochter. Jochen König gilt als exemplarisch für den „neuen Vater“. Fritzi sagt übrigens „Mama“ zu ihm. Sein aktuelles Buch: Mama, Papa, Kind? Von Singles, Co-Eltern und anderen Familien ist im Herder Verlag erschienen.

Lieber Herr König, Thema der „neue Vater“, der medial inszenierte Super-Papa. Gibt es ihn?
Heute gehört es zum Selbstverständnis vieler Väter dazu, ein echter Teil der Familie zu sein und Zeit mit den Kindern zu verbringen. Zum Großteil passiert das aber auf einem sehr niedrigen Niveau. Das zeigt ja auch, dass nur ein ganz geringer Anteil der Väter mehr als zwei Monate Elternzeit nimmt. Um zu einer gleichberechtigten Elternschaft zu kommen, und nur so verstehe ich den Sinn des „neuen Vaters“, muss noch viel passieren. Das wird in den nächsten zehn Jahren nicht erreicht werden.

Erleben Sie auch Situationen, in denen Sie als „Super-Papa“ gefeiert werden, obwohl Sie vielleicht einfach nur auf den Spielplatz gehen?
Das passiert mir ständig. Ich werde für Banalitäten gefeiert. Ich werde aber auch in Situationen, in denen Mütter ganz bestimmt Kritik zu hören bekommen, unterstützt und getröstet: „Oh, die Hausschuhe vergessen?! Das macht doch überhaupt nichts. Da finden wir eine Lösung!“ Nach dem Motto: das ist für einen Vater mit Kind sowieso alles so stressig und wie toll, dass er das überhaupt macht, da greifen wir ihm gerne unter die Arme.

Warum fällt es Vätern so schwer in diese Rolle hineinzuwachsen?
Naja, es ist nun mal einfach sehr anstrengend, sich verantwortungsvoll um ein Kind zu kümmern. Es ist viel Arbeit und man muss dazu noch finanzielle Einbußen hinnehmen, immer im Hintergrund die Gefahr der Altersarmut, man reibt sich zwischen Teilzeitstelle und Haushalt auf. Man erfährt plötzlich die ganzen negativen Begleiterscheinungen, die bisher nur Mütter kannten. Es ist schon verständlich, dass Männer sich nicht darum reißen. Speziell wo doch die Frauen das bisher so prima hingekriegt haben. Es kann aber nicht die Lösung sein, dass Väter weiterhin die genannten Schwierigkeiten, die mit dieser Rolle zusammenhängen, alleine den Müttern überlassen.

Leistet die deutsche Familienpolitik an der Stelle genug?
So ganz allgemeine Fragen finde ich immer schwierig. Natürlich sind Dinge wie das Elterngeld ect. wichtige Schritte. Aber andere, weitaus wirksamere Maßnahmen wie das Ehegattensplitting verhindern nun mal eine echte Gleichberechtigung. Bei Vätern kommt die Vereinbarkeitsfrage erst jetzt richtig an. Müssen Väter einfach lernen hier zurückzustecken, oder müssen sich die Rahmenbedingungen ändern hin zu einer Väterförderung. Beides. Es ist überfällig, dass Väter spüren, wie schwierig es ist Beruf und Kinder zu vereinbaren – und das es eben nicht oder nur ganz selten gut klappen kann, mal eben so nebenbei Kinder zu haben. Aber natürlich müssen sich auch die Rahmenbedingungen ändern. Wir brauchen eine generelle Familienförderung.

Sie selbst leben ein ungewöhnliches Lebensmodell. Hat sich das zufällig so entwickelt oder war es so geplant?
Das hat sich entwickelt. Bis wir ein Modell hatten, mit dem sich alle wohlfühlten.

Es klingt etwas anstrengend …?
Nur organisatorisch. Man muss sich für alles verabreden – aber eigentlich ist es ideal. Nicht nur für die Kinder. Auch ich und die Mütter haben große Vorteile. Viel Zeit mit den Kindern und dann auch immer wieder freie Tage, um uns zu erholen. Das haben die meisten Eltern, bzw. Mütter, nicht.

Wenn Sie über Familie sprechen, fällt oft das Stichwort „Feministische Vaterschaft“. Was genau können wir uns darunter vorstellen?
Unter feministischer Vaterschaft würde ich verstehen, dass beide Teile, Mütter und Väter, die Entscheidungsfreiheit haben, unabhängig von irgendwelchen Rollen:  will ich mich um das Kind kümmern, oder lieber arbeiten. Es bedeutet aber auch, dass der Vater für alles, auch die unsichtbaren Arbeiten wie Geschenke für den Kindergeburtstag besorgen oder Arzttermine wahrnehmen, sich genauso verantwortlich fühlt wie die Mutter. Dieser Beitrag ist nicht geleistet, wenn der Vater das Kind zweimal aus der Kita abholt und dann noch die ganze Zeit darüber redet.

Bei Ihren Überlegungen zu Familie lassen Sie offensichtlich den „biologischen“ Aspekt, dass die Mutter automatisch eine engere Bindung zum Kind hat, komplett außen vor.
Welche biologische Notwendigkeit könnte es geben, dass nur die Mutter für die Geschenke oder die Arzttermine zuständig ist? Keine!

Ihre Tochter Fritzi nennt Sie Mama. Warum ist dann der Begriff so viel inniger als der Begriff Papa? Wo Sie ihr doch genauso nahe, oder näher, sind wie ihre Mutter?
Das ist nicht der Grund. Sie hat damit angefangen, als sie gemerkt hat, dass die anderen Kinder in der Kita ihre engsten Bezugspersonen Mama nennen. Das ist die Person, die sie abholt, sie tröstet, sich kümmert. Fritzi hat gemerkt: Mama existiert unabhängig vom Geschlecht. Irgendwann haben die anderen Kinder komisch reagiert, Fritzi hat daraufhin damit aufgehört – aber dann wieder angefangen. Mittlerweile sagt sie es mit einem Bewusstsein dafür, dass unser Verhältnis etwas Besonderes ist. Ich bin mal gespannt, wie mich meine jüngere Tochter nennen wird.

Und wo haben Sie das „gelernt“, so ein guter Vater zu sein? Von anderen Vätern in ihrer Umgebung?
Nein, natürlich von anderen Müttern. Leider kann man in Deutschland bis heute nur von Müttern lernen, ein guter Vater zu sein. Väter müssen einfach lernen, Mütter zu werden.
Interview:

Interview: Bettina Wolf // Foto: Jochen König
Mehr unter: jochenkoenig.net

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