Vier Mahlzeiten für 30 Cent

Der Freundschaftsverein Garango-Ladenburg unterwegs in Burkina Faso. Ein Besuch bei den Patenkindern und ihren Familien.

Von Stepahnie Kuntermann

Marie-Claire ist schmal und klein für ihr Alter. Um zu uns zu kommen, war sie stundenlang mit der Mutter und dem kleinen Geschwisterchen auf den unbefestigten Wegen rund um Garango unterwegs, aufrecht stehend auf dem Erwachsenenfahrrad. Jetzt sitzt die Zehnjährige auf der Veranda im Gästehaus, das nach der französischen Partnerstadt „Case Laval“ benannt ist, und ihr spitzes Gesicht ist ausdruckslos. Ich gebe ihr eine kalte Orangenlimo, doch sie trinkt nicht, sondern gibt das Glas direkt an die Mutter weiter.

Die sechsköpfige Delegation hat sich Mitte Januar auf die Reise ins westafrikanische Burkina Faso gemacht. Sie gehört dem Verein Garango-Ladenburg e.V. an, der seit 35 Jahren auf ehrenamtlicher Basis Entwicklungshilfe betreibt, Staudämme baut, Frauenkooperativen und Schulen fördert und Brunnen bohren lässt. Die Ansprechpartner kommen vom lokalen Partnerschaftskomitee. Ladenburgs Vize-Vorsitzender Guido Golba betreut mit dessen Hilfe ein groß angelegtes Patenkinderprojekt, dem 1504 Kinder und Jugendliche aus bedürftigen Familien angehören. Darunter auch Marie-Claire, die als Gehörlose zu den Schwächsten in diesem Land zählt. Sie kommt zu einem ersten Paten-Treffen in erbärmlichem Zustand. Eins ihrer Augen tränt, ist rot, die Pupille ist trüb. Die Verständigung mit der Mutter ist schwierig, denn sie spricht nur den lokalen Dialekt Bissa. Raoul, der die Delegation im Gästehaus mit allem Möglichen versorgt, dolmetscht ins Französische, ich ins Deutsche. Es stellt sich heraus, dass das Kind in der Schule aufs Auge geschlagen wurde; die Mutter will mit ihr ins Hospital gehen, bittet um Geld für Medikamente.

Ein paar Tage später sehen wir das Mädchen wieder – ganz allein sitzt es in einer Bank im Klassenzimmer, Schulleiter Mahamoudou Yoda unterrichtet seine 12-köpfige Klasse und die fünfköpfige Parallelklasse in der internationalen Gebärdensprache; die kleine Einrichtung ist mit anderen Schulen auf dem Gelände der „Ecole Bougoula“ untergebracht, ihre Schüler tragen sandfarbene Uniformen mit dem Aufdruck eines durchgestrichenen Ohrs. Das Schulgeld kostet umgerechnet 12 Euro im Jahr, und die Kinder legen oft weite Wege zurück: Fünf, sechs Kilometer zu Fuß, mit dem Rad oder im Eselskarren auf den staubigen, mit Schlaglöchern gespickten Pisten sind eine andere Größe als in Deutschland. Auch das Essen hat hier einen anderen Stellenwert, ist für manche die einzige Mahlzeit des Tages.

Vor zwei Jahren hat der Verein Geld für Vorräte gespendet; nun sind sie aufgebraucht und es wird beschlossen, dass der Elternverein weiter unterstützt wird.Es ist eine der wenigen Entscheidungen, die wir unbürokratisch treffen können. Ansonsten wiederholt Vorsitzende Gaby Ensink bei jedem unserer Stopps, an welche Voraussetzungen eine Förderung geknüpft ist: Die Verantwortlichen müssen schriftlich darlegen, worin ihr Projekt besteht, wie viele Menschen davon profitieren und wie die Finanzierung aussehen soll. Vieles wird mit  Begeisterung präsentiert, doch manchmal müssen wir abwinken, etwa bei einem landwirtschaftlichen Projekt. Schon einmal haben dessen
Mitglieder das Saatgut verkauft und um Hilfe gebeten. Nun wurde erneut verkauft, was eigentlich die nächste Ernte garantieren  sollte – Entwicklungshilfe, das wird klar, heißt immer dranbleiben, nachfragen.

Die teuren Klimaanlagen sind spurlos verschwunden

Auch der Besuch einer neuen Handwerkerschule, die Ensink, Golba und Ingenieur Herbert Felbek bereits vom letzten Besuch vor zwei Jahren kennen, sorgt für Kopfschütteln. Es gibt Nähmaschinen, eine Säge, ein Gästehaus, eine Cafeteria, aber weder Strom noch Wasser. Die Partnerstadt Laval hat große Summen investiert, trotzdem funktioniert nichts richtig. Außerdem sind die 30 000 Euro teuren Klimaanlagen, die letztes Mal noch zu sehen waren, spurlos verschwunden. „Dabei wäre die Schule so wichtig“, bemerkt Ensink. Denn im Land gibt es zwar seit einigen Jahren Schulpflicht, aber danach oft keine Perspektive; die Arbeitslosigkeit ist hoch, viele Jüngere verlassen das Land. Raouls Bruder Gustave Bambara vom zuständigen Ministerium nennt Zahlen: „Aktuell leben 35 000 junge Leute aus dem Distrikt Garango in Italien. 46 Prozent kommen irgendwann zurück.“ Mit Vorträgen will das Ministerium aufklären, denn oft platzen die Träume vom „El Dorado“; Frauen prostituieren sich, vielen bleibt der reiche Kontinent eine fremde Welt.

Wenn die Gäste satt sind, essen Kinder die Reste

In Burkina Faso haben die Frauen durchschnittlich 5,5 Kinder und tragen im wahrsten Sinne des Wortes die ganze Last des Familienlebens: Kleinkinder und Säuglinge verbringen einen Großteil des Tages auf Mutters Rücken im Tragetuch. Da schauen sie friedlich auf die Welt, werden lange gestillt und mit Zärtlichkeit überhäuft. Doch ihre Erziehung ist auch strikt: Überall können wir beobachten, dass der Nachwuchs wort- und klaglos ausführt, was ihm aufgetragen wird. Erwachsenen gibt man die Hand, knickst und ist schnell wieder verschwunden. Wenn wir bei den Familien unserer afrikanischen Partner eingeladen sind, bringen die Frauen und Kinder das Essen und gehen wieder. Sie warten, bis der letzte Gast seine Gabel beiseitelegt. Dann tragen sie alles wieder ab und essen anderswo die Reste. Oft leben hier mehr Kinder als die eigenen: Es ist üblich, dass wohlhabende Familien die Sprösslinge armer Verwandten aufnehmen – eine Abwandlung des afrikanischen Sprichworts, dass es ein ganzes Dorf braucht, um ein Kind großzuziehen.

In den acht Schulen, die wir besuchen, gibt es Klassenstärken von bis zu 80 Kindern. Manchmal sitzen sie zu fünft in der Bank, nur ein Buch vor sich. Wir inspizieren neue Gebäude oder frisch eingezogene Wellblechdächer – eines wurde unlängst von einem Orkan abgedeckt. Der Kindergarten von Natenga erhielt 11 000 Euro und hat daraus viel gemacht: Ein Pavillon bekam ein neues Dach, es gibt saubere, gekachelte neue Toiletten (ortsübliche Plumpsklos), einen Zaun und einen neuen Trakt mit zwei Gruppenräumen. Hier wie auch in den Schulen wird nach dem Prinzip des Auswendiglernens unterrichtet: Die Lehrer sagen etwas vor, die Kinder wiederholen es gemeinsam. Wichtig ist auch hier wieder das Essen. Dass das bald zum Problem werden kann, wird uns beim Fahren durch die karge Landschaft klar. Überall liegen gebleichte Überbleibsel von Hirsestroh, die Maisernte wurde im Herbst von einem Schädling vernichtet. Im Frühjahr hat es kaum geregnet: Der Stausee von Boura, für den Felbek eine Mauer und ein Becken konzipiert hat, ist nicht wie in früheren Jahren ein riesiges Gewässer bis zum Horizont, sondern nur eine dürftige Pfütze, der See von Déga ist gar nicht vorhanden. Wo sonst Felder mit Reis, Erdnüssen, Zwiebeln oder Tomaten bestellt wurden, sieht man nur wenig Grün; in den Böschungen hausen Kaimane, die die Bauern vertrieben haben. Erst im April wird es wieder regnen, in den vielen Wasserlöchern sammelt sich jetzt der Müll. Doch es sind die Frauen, die Mut machen: Initiativen
verdienen Geld mit Weben, Seifenherstellung, Fischräucherei und der Produktion von „Farine enrichi“. Dieses angereicherte Mehl aus Erdnüssen, Soja, Zucker und Salz wird mit Wasser aufgekocht und garantiert einem Kind vier Mahlzeiten am Tag. Für umgerechnet nur 30 Cent.

Garango e.V., Hauptstraße 4 | Ladenburg 0 6203 139 32, garangoverein.de

Reisebericht und Fotos: stk

 

1. März 2018

Kommentar schreiben


Ich akzeptiere