„Vollnarkose für die Seele“

„Gestern gegen 17 Uhr habe ich den Tod meiner Tochter abgesagt. Heute früh, um 7.30 Uhr, wäre mein Kind gestorben.“

Sandra Schulz ist Journalistin, frisch verheiratet und überglücklich: sie ist schwanger. Das Baby ist ein absolutes Wunschkind, die ganze Familie fiebert der Geburt des Kindes entgegen.

«Ich habe leider kein komplett unauffälliges Ergebnis für Sie», sagt die Frauenärztin in der 13. Schwangerschaftswoche nach einer Blutuntersuchung. Plötzlich ist alles anders. Das ungeborene Baby leidet an Trisomie 21.

Die Diagnose ist ein Schock für die Autorin. Und sie wirft viele Fragen auf. Die Aussage Trisomie 21 sagt den Eltern erst einmal nichts über den Grad der Behinderung. „Kein Test dieser Welt kann den Grad der Behinderung feststellen. Statt eindeutiger Antworten liefert das Testergebnis lauter neue Fragen. Statt Beruhigung nistet sich Angst ein. Und die Angst ist groß beim Down-Syndrom. Die Abtreibungsrate beträgt mehr als neunzig Prozent, manche Frauenärzte sprechen von fünfundneunzig Prozent. Eine Zahl, die wir unter dem Stichwort Autonomie verbuchen.“

Der nächste Schock folgt nicht viel später. Das Kind, ein Mädchen, leidet an einem schweren  Herzfehler. Glücklicherweise operabel. Doch als der Herzspezialist die Aufnahmen vom Kopf des Kindes betrachtet, ist überall dort, wo Gehirnmasse sein sollte, nur Dunkelheit. Der Arzt platz heraus: „Das ist Schrott.“ Auch die Eltern von Sandra Schulz, schrecken vor dieser letzten schrecklichen Diagnose zurück. Hydrozephalus. Wasserkopf.

„Das Kind ist Schrott“

„Das ist Schrott“. Ist nur eine der Bezeichnungen, die Sandra Schulz in den kommenden Wochen von Ärzten hören wird. Dabei ist es doch ein menschliches Wesen, denkt die Autorin. Es ist ihre Tochter und sie hat einen Namen: Marja.  Trotzdem beginnt sich auch die Autorin zu fragen, ob sie ihr Kind lieben können würde. „Mit diesem Kind, denke ich dann, ist mein Leben zu Ende. Die Last wird mich erdrücken, ich selbst, meine Träume und Wünsche werden nichts mehr gelten, ich muss nur noch geben. Aufgeben. Und dann will ich nur noch, dass das Kind weg ist, dass ich eine neue Chance bekomme.“

Die Autorin beginnt abzuwägen. Welcher Schmerz ist schlimmer. Der einer Abtreibung? Oder der, ein schwerbehindertes Kind zu bekommen, dass vielleicht nicht lange leben wird? Die moderne Medizin, die vielen exakten Untersuchungen, bringen eine Verantwortung mit sich, die die Autorin als unmenschlich bezeichnet. „Würde es Ihnen leichter fallen, wenn Sie unter Vollnarkose wären?», fragte die Frau im Beratungszentrum. Und ich denke: Ja, ja, ja. Vollnarkose klingt verführerisch. Aber was ich mir eigentlich wünsche, ist eine Vollnarkose für die Seele. Und die gibt es nicht.“

„Im Innern ist es vollkommen“

Mit großer Offenheit,  dabei selbstkritisch und emotional führt die Autorin ihre Leser durch die komplizierte Schwangerschaft. Am Ende stehen zwei Wahrheiten nebeneinander. Zum einen die schonungslose Diagnose der Ärzte: dieses Kind „ist Schrott“. Zum anderen der Satz eines Taxifahrers, der ihr Gespräch am Handy während einer Fahrt zum Krankenhaus mithört:  „Im Innern ist es vollkommen.“

Sandra Schulz entscheidet sich gegen eine Abtreibung und für Ihre Tochter. Das Buch endet mit Szenen aus der Kita, in die Marja geht. Einfach wird ihr Leben – und das ihrer Eltern – wohl nie. Aber sie ist ein fröhliches, freches Mädchen. Und sie lebt.

Zur Autorin:

Sandra Schulz, aufgewachsen in China, studierte Politikwissenschaft in Freiburg und Berlin und berichtete als freie Journalistin aus Japan. Sie besuchte die Berliner Journalistenschule und war Autorin bei mare, Zeitschrift der Meere. Seit 2008 ist sie Redakteurin beim Spiegel, für den sie mehrere Jahre aus Asien berichtet hat, u.a. auch als China Korrespondentin in Shanghai. Ausgezeichnet wurde sie unter anderem mit dem Helmut Stegmann-Preis und dem Axel-Springer-Preis.

 

Foto: Katrin Probst Photography

 

Sandra Schulz: „Das ganze Kind hat so viele Fehler“: Die Geschichte einer Entscheidung aus Liebe 

Rowohlt 2017, 14.99 Euro

 

 

 

 

 

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