Von der Straße auf die Schulbank

Freezone Mannheim / Simon Hofmann

In der Mannheimer Straßenschule „Freezone“ holen Jugendliche und junge Erwachsene ihren Abschluss nach, die mit dem Thema Lernen ursprünglich längst abgeschlossen hatten. Lebensberatung und zur Not einen Schlafplatz für die Nacht gibt es bei Bedarf inklusive – und wenn es sein muss auch mal einen gutgemeinten Tritt in den Hintern.

Freezone Mannheim / Simon Hofmann

Love ist nervös. Die 27-Jährige steckt mitten in den Prüfungsvorbereitungen. Aber Prüfungen, man merkt es ihr an, sind gar nicht ihr Ding. Dabei ist es so wichtig, dass sie es dieses Mal schafft. Sie will den Hauptschulabschluss nachholen, endlich „alltagstauglich“ sein, wie sie es nennt – schon für ihre kleine Tochter, die momentan noch bei der Oma lebt.

„Rufst du mich morgen früh an?“, bittet sie ihre Lehrerin Ute Schnebel. Und die verspricht, um sieben Uhr durchzuklingeln und ihre Schülerin an die Prüfung zu erinnern…

Was anderswo undenkbar wäre, ist Alltag in der Mannheimer Straßenschule. Seit Herbst 2010 bereitet die Straßenschule Jugendliche und junge Erwachsene in schwierigen Lebenssituationen auf den Haupt- oder Realschulabschluss vor. Viele von ihnen haben sogenannte „Straßenkarrieren“ hinter sich, waren ganz oder teilweise auf der Straße zuhause – auch Love.

Die Straßenschule ist angelehnt an die Straßenkinderpädagogik in Südamerika

„Das Konzept der Straßenschule ist angelehnt an die Straßenkinderpädagogik in Südamerika“, erklärt Ute Schnebel, die den Unterricht und
die 35 Lehrkräfte koordiniert, die hier größtenteils ehrenamtlich unterrichten. „Der Grundgedanke ist, dass die Schule zu den Schülern kommt, beziehungsweise an einem Ort stattfindet, wo sie sich gerne aufhalten.“ In Mannheim ist dieser Ort ein markantes Gebäude im Quadrat  J7. Ein Graffiti an der Hofeinfahrt gibt Auskunft: „Freezone Anlaufstelle“.  Freezone, das ist seit knapp 20 Jahren eine Art sicherer Hafen in Mannheim für 12- bis 25-Jährige, deren Lebensmittelpunkt die Straße ist. Bei Freezone gibt es die Möglichkeit zu duschen, Wäsche zu waschen oder zu relaxen. Es gibt zu essen und zu trinken und für alle, die wollen, gibt es Beratung und Hilfe von Andrea Schulz und  ihrem Kollegen Markus Unterländer, die die Einrichtung gemeinsam leiten.

Freezone Mannheim / Simon Hofmann

„Bei so jungen Leuten geht es nicht nur um ein Dach über dem Kopf. Wir müssen sie befähigen, im ersten Arbeitsmarkt eine Chance zu bekommen“, formuliert der Sozialpädagoge seinen Anspruch. Das Tagesangebot allein konnte dem jedoch nicht gerecht werden. Die Lösung flatterte 2010 ins Haus in Form einer Spende über 250.000 Euro, um die sich die Mannheimer bei der Hilfsaktion „Herzenssache“ von SWR, SR und Sparda-Bank beworben hatten. Mit dem Geld war es möglich, Freezone zu erweitern um das Angebot „Streetnight“ sechs Notschlafplätze für junge Volljährige – und um die Straßenschule, die in dieser Form die erste ihrer Art in Deutschland ist. Aktuell bereitet sich hier der fünfte Jahrgang auf die Prüfungen vor.  In Zweiergrüppchen sitzen Lehrer und Lernende in dem kleinen Klassenzimmer
der Straßenschule, es herrscht eine konzentrierte Arbeitsatmosphäre. Von montags bis donnerstags jeweils zwischen 17 und 20 Uhr büffeln Love und ihre „Schulkameraden“ hier. Von den insgesamt 23 Kandidaten, die bisher zu Prüfungen angemeldet waren, haben 22 bestanden
– fast alle mit guten bis sehr guten Noten. Ihre Zeugnisse plus „Beweisfotos“ schmücken die Wände des Raums und signalisieren: „Ihr schafft das! Wir haben’s auch gepackt!“

„Ihr schafft das! Wir haben’s auch gepackt!“

Ein Einstieg in die Straßenschule ist jederzeit möglich, teilnehmen kann jeder, der nicht mehr schulpflichtig ist. Wer einen der zehn Plätze bekommt, muss aber zeigen, dass es ihm ernst ist. Nicht so einfach bei einem Angebot, dessen Erfolgsrezept Freiwilligkeit heißt. „Es gibt viele Durststrecken“, sagt Ute Schnebel. Um in ein „geregeltes“ Leben zu finden, müssen viele der Freezone-Kids erst lernen, Strukturen zu akzeptieren, Regeln einzuhalten. Sind diese zu streng, sind sie ruckzuck zurück auf der Straße. Mit Samthandschuhen fasst das Team die
jungen Leute trotzdem nicht an. Im Gegenteil. „Hier wird mit Herz eingedost“, bringt Andrea Schulz das Prinzip auf den Punkt – die Straßenschüler danken es ihr. Denn sie wissen genau: Hinter dem rauen Ton steckt der Wunsch, dass alle ihr Potenzial ausschöpfen und
ihr Recht auf Bildung wahrnehmen. So wie Adrian. Der 24-Jährige, rotes Karohemd, schwarze Baseballkappe, wohnt in einer WG in Mannheim-Waldhof. Seine Mitbewohner sind ehemalige Freezone-Kids und Absolventen der Straßenschule. Schon einmal hatte er eine Abendschule besucht und versucht, den Realschulabschluss nachzuholen – ohne Erfolg. Die Klasse war groß, die Lehrer dauergenervt. „Mir ist es egal, ob ihr was lernt oder nicht, ich bekomme mein Geld so oder so‘ – das war einer der Standardsprüche der Lehrer“, erzählt der junge Mann. Hier sei das anders. „Andrea, Markus und Ute stehen hinter uns“, sagt er. Woher er diese Gewissheit nimmt? „Wenn man hier ein paarmal nicht zum Unterricht erscheint, reißen sie einem gewaltig den A… auf und stellen klar: Schule hat oberste Priorität!“, sagt Adrian. Man sieht ihm an, wie dankbar er für solch einen verbalen Tritt in den Allerwertesten schon war. Heute, sagt er, sei er seinem Abschluss so nahe wie noch nie.

Text: Nicole Pollakowsky // Fotos: Simon Hofmann

Freezone Straßenkids Mannheim, J7,23 68159 Mannheim, 0621 1222093, freezone-mannheim.de

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