Von wegen Waffenruhe oder wenn Fußball auf Volksfest trifft

Waffenruhe

Das mit der Waffenbegeisterung geht bei allen kleinen Jungs wieder vorbei. Wirklich?

Liebe B.,

die Fußballweltmeisterschaft fordert ihren Tribut. Vollkommen übermüdete Kinder, die – weil sie abends das 21-Uhr-Spiel gucken durften – morgens nur noch eine sehr niedrige Toleranzgrenze haben und auf ebenso intolerante und übermüdete Eltern treffen, sind eine explosive Mischung.

Ich lerne: Die Tatsache, dass das geliebte Trikot des Achtjährigen in der Waschmaschine ist, kann den Familienfrieden gegen 6.55 Uhr nachhaltig stören.
Mein Vorschlag: Wir sollten unbedingt über eine farbliche Änderung in Sachen Nationalelf-Trikot nachdenken. (Plane Online-Petition.)
Warum WEISS?
Gibt es eine ungünstigere Farbe für Kinder? Selbst ein achtlos abgewischter Finger, der eben noch in einer harmlosen Paprikachipstüte steckte, hinterlässt auf WEISS nun mal spontan hellrote Schlieren. Ich möchte jetzt gar nicht über Ketchup-, Senf- oder Schokoladeneisflecken sprechen und selbst wenn das Kind gar keine Nahrung zu sich nimmt, einmal mit dem Ärmel an der Bundsandsteinwand entlanggeschubbert und es  sieht schmuddelig aus.

Eigentlich  sieht das Kind immer abends schmuddelig aus. Auch wenn es sich tagsüber gar nicht bewegt.

Kollidiert die Fußball-WM nun auch noch mit einer Dorfkerwe, dann steigen die kindlichen Emotionen ins Unermessliche. Und es ist ja auch wunderbar, die Begeisterung der Kinder zu beobachten.
Wenn sie staunend vor gigantischen Süßigkeitenständen stehen und heulen, weil sie nicht alles kriegen.
(DU BIST SOOOOO FIES!)
Wenn sie sich kreischend vor Glück und Schmerz Finger zwischen gegeneinander donnernden Autoscootern einklemmen.
(DER IST SOOOOO FIES!)
Wenn sie jubelnd mit grünen Gesichtern auf der Schiffschaukel stehen, weil der dritte Schaumkuss sich im Magen plötzlich so komisch anfühlt.

Ich mach das mit. Alles. Ich wasche das Fußballtrikot nach den Mitternachtsspielen, weil mir erst um 2 Uhr morgens einfällt, dass ich es vergessen habe. Ich ruße mein sauer verdientes Geld für schwachsinnige Aktivitäten wie Entenangeln aus und reklamiere dreimal hintereinander den Gewinn, eine Made-in-China-Air-Sport-Gun, die leider klemmt. Ich sammele sogar die bunten Plastikkügelchen vom  – nicht nur  – mit Kippen übersäten Boden auf, weil die Munition für den Plastik-Pistolen-Mist so schnell alle ist und ich nicht will, dass sich die Kinder an den herumliegenden Bierglasscherben schneiden.

Ich fühle mich dabei wahnsinnig tolerant und sage mir mantramäßig immer wieder:  Das mit den Waffen geht vorbei… genau wie die WM.

Auch der folgende Dialog am Schließstand kann mich nicht schocken:

Mein Kind (8): „Oh, cool, ich hab nen Lolli geschossen.“
Kind daneben (auch 8, aber mit älteren Geschwistern): „Das ist kein LollI:“
Mein Kind: „Was’n dann?“
Kind daneben: „Das ist Kondom.“ (wörtlich)
Mein Kind: „Was ist Kondom?“
Kind daneben: „Äh, das soll Dir mal Deine Mama erklären.“
Mein Kind (zu mir): „Was ist Kondom?“
Ich: „Hat was mit Sex zu tun, kann ich Dir gerne erklären, willst Du aber vermutlich nicht wissen.“
Mein Kind (lauft knallrot an, hält sich die Ohren zu singt lalalalal).
Kind daneben grinst.

Mein Kind muss auch lachen, begutachtet die Kondomverpackung, überlegt offensichtlich, ob es sich lohnt, da reinzuschauen. Dann wendet sich mein Kind souverän an die Frau hinter dem Schießstand:

„Kann ich das gegen nen Lolli tauschen?“

Ich rege mich wirklich nicht auf, dass Kondome heute offensichtlich zum Gewinnrepertoire des Schießstandes gehören. Immer nur Schraubenzieher, bunte Püschelfedern und Deutschlandfähnchen sind ja auch langweilig. Es irritiert mich auch nicht, dass die Kondome auf Schaschlikstäbchen gesteckt sind (wenn das mal gut geht…ich meine Kerwe ist Kerwe…).

Und nachdem das Kondom dann gegen den Lolli eingetauscht ist,  noch ein paar Schnitzelbrötchen-Fettflecken auf das weiße Deutschland-Trikot geschmiert sind und ich beim Durchqueren einer engen Gasse von einer kleine Bierdusche erfrischt daheim ankomme, da rege ich mich immer noch nicht auf und werfe nur gelassen das Fußball-Trikot in die Waschmaschine, packe pro forma meinen einzigen weißen BH dazu, ignoriere tapfer die Ökobilanz und überlege nur ganz kurz, ob es sich lohnt, wegen der Trikotfarbe mit der Familie in ein anders Land auszuwandern.

Zufrieden sinke ich ins Bett, mit dem guten Gefühl, eine großartige, von ihren Kindern innig geliebte Mutter zu sein, die ausnahmsweise  – zumindest aus Kindersicht – mal alles richtig gemacht hat.

Bis zum nächsten Morgen hält sie an, die Zufriedenheit und dann…

„Mama“, sagt mein Sohn aufgeregt direkt nach dem Erwachen: „Ich hab mir was überlegt“.

„Was denn?“

„Ich will in den Schützenverein!“

1 Kommentar

Sehr schön! Ein Tipp vielleicht noch: Das Auswärts-Trikot der Deutschen ist schwarz-rot-gestreift und daher sehr fleckentolerant.

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