Wenn zuhause etwas nicht normal ist

Haben Kinder psychisch kranke Eltern, dann ist das meistens ein belastendes Familiengeheimnis. Niemand soll davon erfahren, die Kinder schützen die Eltern und fühlen sich dabei schuldig und verantwortlich. StadtLandKind-Autorin Jule Leger hat sich mit der Heidelberger Initiative Balance von der Universitätsklinik Heidelberg über dieses sensible, schwierige Thema unterhalten.

Reden ist Gold und Schweigen tut nie gut. Gerade in Familien, in denen Kinder mit einem psychisch kranken Elternteil aufwachsen, sollte diese Regel gelten. Denn nur ein offener Umgang mit einer Krankheit hilft allen Beteiligten. Bei Recherchen zum Thema stößt man sehr schnell auf eine Zahl, die einen unwillkürlich zusammenzucken lässt: acht Millionen. Es geht um Menschen, die in Deutschland an psychischen Erkrankungen leiden und das sind derzeit etwa acht Millionen. Die Dänin Karen Glistrup, Sozialarbeiterin und Psychologin, nennt diese Zahl in ihrem kürzlich erschienen Buch „Sag mir die Wahrheit“ und sie rüttelt ihre Leser spätestens mit der sich aus dieser Zahl ergebenen Schlussfolgerung wach: In jeder Schulklasse sitzen also vermutlich zwei bis fünf Kinder, die in der Familie mit psychischer Krankheit konfrontiert sind. Automatisch geht man da doch die Gesichter der Schulkameraden der eigenen Kinder durch und fragt sich: Wo sind die denn alle? Und genau das ist die Schwierigkeit, berichtet die Autorin, denn von psychischer Krankheit in der Familie betroffene Kinder lassen sich nicht einfach in „angepasste“ oder „verhaltensgestörte“ Kinder unterteilen.

Kinder kranker Eltern wollen vor allem eines: nicht auffallen

Im Gegenteil: Sie werden gar nicht selten zu Profis in Sachen rein gar nicht aufzufallen. Dennoch haben sie einen riesigen Leidensdruck. Wissen sie doch ganz genau, dass bei ihnen zu Hause etwas ganz und gar nicht normal läuft. Was kann solche Kinder stärken? Wie stark und sicher sich ein Kind fühlt, hängt laut Karen Glistrup vor allem davon ab, was es über sich selbst und die Wirklichkeit denkt, in der es lebt. Und genau deshalb plädiert sie ganz unbedingt für offene Worte! Aus Sorge, die Kinder können die Wahrheit nicht verkraften, würden diese von ihren Eltern viel zu oft geschont, so die Autorin. Kinder sind verletzlich, verfügen aber auch über Kraft, genau wie Erwachsene. Und genau wie wir Großen sind sie am zufriedensten und handeln am ehesten zielgerichtet und selbstsicher, wenn sie einen guten Kontakt zu unseren Mitmenschen haben und unsere Wahrnehmungen, Gefühle und Gedanken im Einklang miteinander sind. Es ist wichtig, dass die Kinder wissen, was Sache ist, damit sie das, was sie erleben, einordnen können. In ihrem Buch gibt Karen Glistrup Eltern, Verwandten und Profis deshalb konkrete Gesprächsleitfäden an die Hand.

Auch kranke Eltern versuchen gute Eltern zu sein

Ebensolche Gespräche hat Brigitte Bach-Ba von der Psychiatrischen Ambulanz der Universitätsklinik Heidelberg schon zuhauf geführt. Seit 2002 betreut die Sozialarbeiterin und systemische Familienberaterin das Projekt „Balance“ – ein Beratungs- und Orientierungsangebot für Kinder psychisch kranker Eltern. „ Zu uns kommen Kinder, aber vor allen Dingen auch Eltern. Sie machen sich Sorgen und fragen sich, wie sie gute Eltern sein können, obwohl sie krank sind“, erzählt Brigitte BachBa. Vor allem gehe es oft darum, den Eltern eine Idee davon zu geben, wie sie die Krankheit kindgerecht erklären können. „Uns ist es zudem sehr wichtig, dass die Eltern verstärkt darauf achten, dass die Kinder in solchen Situationen aus lauter Sorge nicht in Verantwortlichkeiten rutschen, die sie nicht übernehmen sollten. Manche Kinder richten morgens regelmäßig die Tabletten aus Angst, die Mutter könne wieder krank werden“, berichtet Bach-Ba. Es habe sich viel getan in den 15 Jahren, seit es „Balance“ gibt, resümiert die Mitinitiatorin des Projektes freudig. Früher sei vermehrt darauf geschaut worden, ob die Kinder das kranke Elternteil stören oder stressen würden, heute hingegen laute der Common Sense, immer ein Auge darauf zu haben, wie es den Kindern in solchen Fällen ergeht und wie man sie unterstützen kann. Eine gute Entwicklung. jl // Foto: Photocase

Balance, Beratungs- und Orientierungsangebot für Kinder psychisch kranker Eltern, Sprechstunde nach Vereinbarung in den Räumen der Psychiatrischen Universitätsklinik Heidelberg Voßstr. 2 | 69115 Heidelberg balance@uni-hd.de | 06221 564436 klinikum.uni-heidelberg.de/Balance

 

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