Willkommen im „Sweet Home“

Abdoulie Manneh aus Gambia und seine Freundin Doris Mayer wollen gegen seine drohende Abschiebung nach Italien und gegen "Dublin" kämpfen. Foto: Philipp Rothe, 10.08.2015

Abdoulie Manneh aus Gambia und seine Freundin Doris Mayer und ihr „Sweet Home“. 

Wir können alle voneinander lernen – das ist der Grundgedanke der Initiative „Each1teach1“, die Asylsuchende und Heidelberger auf Augenhöhe zusammenbringt.

Was es genau zu essen gibt, weiß niemand so richtig. „Irgendwas Afrikanisches.“ Das wiederum war unschwer zu erraten – die drei Küchenchefs stammen aus Gambia. Bepackt mitMehl, Kartoffeln, Zwiebeln, Möhren, Hähnchenfleisch sind sie eben vom Einkaufen gekommen und beginnen nun mit ihren Vorbereitungen. Rezept? Brauchen die drei nicht. Sie wissen,was sie tun – und verteilen Aufgaben
an die zahlreichen Helfer: Zwiebeln schälen, Möhren schnippeln, Fleisch anbraten …

Willkommen im „Sweet Home“! So heißt die Veranstaltung, die jeden  Montag im Studierendenzentrum ZEPin der Heidelberger Zeppelinstraße, steigt: Eine große Küchenparty. Oder eher ein Netzwerktreffen? Ein Flüchtlingsprojekt? Ein Infoabend? Irgendwie von allem etwas. Doris Mayer ist die Initiatorin des Events. Mit rosa Kapuzenpulli und verwuschelten Haaren steht sie im Trubel, begrüßt, koordiniert, beantwortet Fragenund staunt auch diese Woche wieder über die Resonanz, auf die das „Sweet Home“ stößt. Um die 60 Leute drängen sich mittlerweile zwischen Küchenzeile und Sofaecke. Das Publikum ist überwiegend studentisch-alternativ, aber nicht nur. Zum ersten Mal ist eine syrische „Delegation“ aus einer Walldorfer Unterkunft dabei. Deutschlehrerin Valentina Meuren hat den Unterricht ihrer Gruppe heute ins „Sweet Home“ verlegt.

„Der Bedarf nach einem Ort, an dem sich Flüchtlinge und Deutsche lockerbegegnen und kennenlernen können,ist hoch“, sagt Doris Mayer. Das „Sweet Home“ ist das erste große Projekt der von ihr gegründeten Initiative „Each-1Teach1“ (etwa: „Jeder lehrt jeden“),die Asylsuchende und Heidelberger zusammenbringen will. Die „Sweet Home“-Abende fungieren in diesem Zusammenhang als Kontaktbörse: Welche Workshops stehen an,wo kann ich selbst Fähigkeiten anbieten?Auch heute sollen neue Kooperationen angestoßen werden: Vertreter der „Transition Town Heidelberg“ sind da, die Repair Cafés und andere kooperative Projekte organisieren. Das Begegnungsprojekt „Über den Tellerrand  kochen“, das nach Berliner Vorbild seit kurzem auch in Heidelberg aktiv ist,  sucht – und findet – ebenfalls Anknüpfungspunkte.

„Anfangs hab ich gedacht, ich muss sofort  alle zusammenbringen. Aber das hat keinen Sinn“, erzählt Doris Mayer. Nicht nur zwischen Asylsuchenden und Deutschen herrsche Abgrenzung, sondern auch unter den Flüchtlingen aus den verschiedenen Nationen. „Man muss das langsam aufbauen“, so die studierte Betriebswirtin. Sie arbeitet daran und ist inzwischen zur gefragten Ansprechpartnerin in Sachen Flüchtlinge geworden – und das obwohl sie eigentlich aus einer ganz anderen Ecke kommt. „Mein Fokus war Wissensvermittlung und Stadtentwicklung“, erzählt sie. Erst durch ihren Freund Abdoulie Manneh, der aus Gambia geflohen und in den Heidelberger Patton Barracks untergekommen ist, kam der Flüchtlings-Aspekt dazu. Aber Doris Mayer ist es wichtig, dass ihr Projekt nicht allein darauf reduziert
wird. Mit den „Sweet Home“-Montagen hat sie einen Raum geschaffen, wo wie auf einer großen WG-Party geplaudert und gesmalltalked wird – auf Augenhöhe. Funktioniert so Integration? Wer weiß. Doch statt lange über das richtige Rezept zu diskutieren, probieren sie es
montags im „Sweet Home“ einfach aus.

npo // Foto: Philipp Rothe

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