Wo die wilden Kerle wohnen. Oder: Diagnose: Sohn!

WildeKerleStreetartGermanyBildquelle: facebook.com/StreetArtGermany

Liebe S.,

diesmal hat etwas länger gedauert, mit meinem Blog-Beitrag, aber es ist nun mal Sommer und da bloggt es sich nicht so leicht. Alles ist so schön, so sommerlich-heiß, sobald ich den Computer aufklappe kommt ein Kind angerannt und will ins Schwimmbad gehen oder Kuchen backen oder die Hasen sind mal wieder abgehauen …

Beim Grübeln über meinen Beitrag ist mir eine Sache aufgefallen: Wir bloggen fast ausschließlich über unsere Söhne.

Die Mädchen tauchen nur ab und zu als Randfiguren auf. Weil unsere Söhne die Erstgeborenen sind? Oder weil sie einfach spannender, kreativer, diskursfähiger sind?

Das bringt mich zum heutigen Thema:

Gestern rief mich eine Freundin an. Schwanger. 5 Monat. Sie kam gerade vom Ultraschall und zuerst dachte ich, dass etwas richtig, richtig Schlimmes mit dem Baby sei. Aber damit hatte ich nicht gerechnet: „Es wird ein Junge!!!!!“ – presste sie zwischen zwei Weinkrämpfen hervor. „Ich wollte aber unbedingt ein Mädchen. Ich hatte schon ihren Namen. Jungen sind wo wild und ungezogen und es gibt keine schönen Klamotten.“

Ich war sprachlos. Ein Sohn. Das ist doch keine Diagnose! Erstens finde ich: Hauptsache gesund. Und zweites: gibt es etwas  Spannenderes als Söhne? Ich war noch nie so, so verliebt, wie in meinen neugeborenen Sohn. Und bis heute kann ich es kaum fassen, wie wunderbar er ist.

Ich war so verliebt, dass ich mich beim ersten Termin des Pekip-Kurses tatsächlich wunderte, dass die anderen Mütter ihre Babys nicht einfach liegen ließen und zu mir gelaufen kamen, um mein Baby zu bewundern (so ganz verstehe ich es bis heute nicht…)!

Was an Söhnen so wunderbar ist: sie eröffnen und eine neue Welt. Ich kann mindestens fünf Namen von Dinosauriern auswendig, ich weiß, was „Räume eng machen“ im Fußball bedeutet. Ich musste einsehen, dass die Bücher von Astrid Lindgren nicht nur schön, sondern auch kitschig sind. Dass manchmal eine Geste viel mehr sagen kann, als 100 aufgeregte Worte. Ich ertappe mich dabei, dass ich beim Spazierengehen Stöcke aufhebe und sie tatsächlich mit nach Hause bringe.

Natürlich sind Mädchen genauso wunderbar, und, sehr angenehm, sie machen weniger Lärm und auf Kindergeburtstagen haben sich nicht die irritierende Eigenschaft, sich zur Begrüßung zu einer wilden Rauferei auf den Boden zu werfen. Aber:  Ich finde, jede Mutter sollte mindestens einen Sohn haben. Sonst bleibt ihr die Hälfte der Welt für immer verschlossen (es sei denn, sie ist mit drei Brüdern aufgewachsen).

Bedenklich finde ich auch das massive Aufkommen an Ratgeber- und Erziehungsliterataur  – speziell für Eltern mit Söhnen.  Als wäre es  irgendwie erstrebenswert, Jungen zu Mädchen werden zu lassen: ebenso angepasst, brav, kommunikativ und sozial. Nichts gegen diese wunderbaren Eigenschaften! Aber, wie langweilig, wenn alle Kinder so wären.

Was mich auch stört, ist diese scharfe Trennung, die zwischen Jungen und Mädchen gemacht wird. Wie erfreuen uns nicht einfach an den Kindern an sich, es wird klar in Mädchen und Jungen unterscheiden. Sie haben eigene Spielzeugabteilungen – auf der einen Seite rosa Pferde. Auf der anderen Seite blaue Piraten. Die Süßigkeiten passen sich diesem Trend an, die Filme, die Bücher, die ganze Unterhaltungsindustrie. Meine Tochter weigert sich strikt, die gut erhaltenen  Sachen ihres Bruders aufzutragen. Blau? Geht gar nicht. Außerdem trägt sie nur Leggings und keine Latzhosen aus Leder.

In Kindergärten, in der Grundschule und in der Öffentlichkeit wird nur noch das honoriert, was Mädchen gut können: Stillsitzen. Den Stift richtig halten. Die fein ausgeschnittenen Nichtigkeiten ins richtige Feld kleben …

Ein vierjähriger Junge will aber mal laut brüllen. Rennen. Raufen, schubsen, Quatsch machen. Und das will und muss auch noch ein Sechsjähriger dürfen. Ich jedenfalls finde das völlig legitim. Nur so, können Jungen eine eigene Art der Empfindsamkeit entwickeln.

Natürlich darf schlechtes Benehmen nicht mit dem Hinweis: „Er ist halt ein Junge“ entschuldigt werden.  Natürlich ärgere ich mich, wenn ich meine Tochter aus dem Kindergarten abhole und „aus Versehen“ die Gartentür ans Schienbein bekomme. Wenn ihre Mütze oben auf dem Baum gelandet ist und sich drei schulreife Jungs darüber schlapplachen. Oder wenn die vorpubertären Freunde meines Sohnes nicht viel mehr als „Alter! Krass!“ für die Dauer eines Abendessens zu sagen haben. Aber dann muss ich sofort wieder an die erste Zeit mit meinem Baby denken und bin einfach nur dankbar dafür, dass er mich an seiner Welt teilhaben lässt.

Sommerliche Grüße!

Deine …

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